Erzgebirge Prime-Time für Engel und Nussknacker

Von Marlis Heinz | 22.11.2022, 06:00 Uhr

In Sachsen bedeutet Advent mehr als eine Abfolge von Weihnachtsmärkten. Trubel herrscht auch in den Geschäften der rund 200 erzgebirgischen Holzkünstler.

Wie zu einer Parade sind sie auf dem Tisch angetreten - kleine hölzerne Männlein. Mit einem winzigen Klecks Leim haben sie Hände und Köpfe bekommen und warten nur noch auf ihren Hut, damit sie endlich auf einer Pyramide Platz nehmen dürfen. Vielleicht sogar auf einer von der Zimmerdecke hängenden, denn die sind seit 25 Jahren die Spezialität von Torsten Unger in Steinberg. Unger ist die vierte Holzspielzeugmacher-Generation der Familie. Tochter Julia ist die fünfte und die sechste wuselt auch schon durch die Werkstatt. Zumindest dort, wo nicht die großen Maschinen arbeiten, beispielsweise moderne CNC-Fräsen. Denn wenn auch nach wie vor per Hand geklebt, gemalt und vieles andere getan wird, ohne Technik funktioniert auch das Kunsthandwerk kaum mehr.

Auf große stehende Pyramiden und vor allem moderne Schwibbögen hat sich das 1993 gegründete Unternehmen Seidel in Schönheide spezialisiert. Mit der LED-Beleuchtung haben sich für diese schon lange im Erzgebirge heimischen Bögen völlig neue Gestaltungsmöglichkeiten aufgetan: Ganze Stadtansichten oder Winterszenen finden Platz in dem Halbrund. Anfangs werkelte der arbeitslos gewordene Maschinenbauer Holger Seidel in seiner Gartenlaube, inzwischen birgt das neue Haus eine Werkstatt für acht Menschen.

Im Geschäft gleich neben der Werkstatt haben Kauflustige die Wahl unter zahlreichen Produkten auch anderer Holzkunstunternehmen des Erzgebirges. Man hält zusammen. Etwa 90 Prozent aller Betriebe sind, entweder direkt oder über Genossenschaften, im 1990 gegründeten Verband Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeugmacher e.V. organisiert. Die erzgebirgischen Werkstätten verlassen rund 10000 verschiedene Artikel, vom winzigen Zündholzschachtelfigürchen bis zur riesigen Marktplatzpyramide.

Holzspielzeug entsteht im Erzgebirge seit dem 17. Jahrhundert. Zuerst war das Drechseln und Schnitzen eine Freizeitbeschäftigung. Als die Bodenschätze rarer wurden, mussten sichdie Familien der Knappen neue Existenzen suchen. Das Hobby wurde zum Broterwerb. Aus der ebenfalls absterbenden Glasindustrie, die „Hüllen“ für zu blasende Flaschen drechseln ließ, kam das Reifendrehen. Denn eines Tages hatte man eine solche Flaschenhülle ähnlich wie eine Apfelsine zerlegt. Bei Betrachten der Spalten entstand die Idee, hölzerne Ringe zu drechseln, um diese in knapp zentimeterbreite Scheiben zu schneiden und zu kleinen Tierchen weiterzuverarbeiten. Die Reifendreherei wurde fortan zur Spezialität der Seiffener. Im Jahre 1919, so erzählt man sich, war einmal ein Japaner zu Gast in der Gegend. Der zeigte sich beeindruckt von der Technik des Reifendrehens, erbat solch einen hölzernen Ring als Souvenir - und bekam ihn von seinen freundlichen Gastgebern. Als der zum Dorf hinaus gewandert war, beschlich die Seiffener Drechsler ein komisches Gefühl. Sie schickten dem Davoneilenden einen flotten Läufer hinterher und der konnte dem Neugierigen die Kostbarkeit wieder abnehmen.

Heutzutage spielen sich derartige Konflikte vor Gericht ab. „Aber das sehe ich gar nicht als das Hauptproblem“, sagt Torsten Unger. „Viel mehr ärgere ich mich über Firmen, die in der Ferne vor allem die aufwendigen Figuren herstellen lassen, die hier in der Region mit vor Ort hergestellten Grundkörpern kombinieren und dann ‚Echt Erzgebirge‘ draufschreiben.“ Also aufpassen und nachfragen!

Wer vorweihnachtlich-turbulente Atmosphäre sucht, der mag sich jauchzend-frohlockend ins Getümmel, in die Düfte und Lichter und Klänge stürzen. Im Dezember kommen täglich Hunderte Busse und Tausende Autos mit feierlich-kauflustig gestimmten Pilgern in den kleinen Orten an. Und wenn die wieder heimrollen, sind die Fahrzeuge beladen mit Schachteln und Schächtelchen, in denen die hölzernen Weihnachtsbediensteten auf ihren großen Auftritt warten. Wer nicht nur kaufen möchte, für den gibt es Ausstellungen zur Holzkunst unter anderem im Spielzeugmuseum und dem Freilichtmuseum Seiffen, in der Saigerhütte in Olbernhau und neuerdings in Annaberg-Buchholz in der Manufaktur der Träume.

Aber zugegeben: Wer in aller Ruhe in den Geschäften und Werkstätten aus den Angeboten der Holzkünstler auswählen will, der wäre eigentlich besser beraten, irgendwann zwischen Januar und Oktober nach der prächtigsten Pyramide, dem bissigsten Nussknacker oder dem schrulligsten Räuchermännchen zu suchen. Vielleicht auch nach Osterhäschen oder den längst in Mode gekommenen rund ums Jahr diensthabenden Figürchen, die – als Schutzengel, Zwerg oder Blumenkind - nie in ihre Pappschachteln zurückmüssen.

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