Deutschland Grenzenlos im Elbsandsteingebirge

Von Michael Juhran | 06.10.2022, 06:00 Uhr

40 Kilometer südlich von Dresden trifft man im Elbsandsteingebirge auf eine der schönsten Naturregionen Deutschlands und Tschechiens.

Mal vermeint man einen riesigen Steinpilz, mal eine Schildkröte zu erkennen, dann tauchen der Doggenturm und der Januskopf auf. Was Mutter Natur in den Tyssaer Wänden (Tiské stěny) an bizarren Skulpturen aus Sandstein gemeißelt hat, bietet nicht nur für jeden Phantasiefilm eine perfekte Kulisse. Dass dieses spektakuläre Felsenlabyrinth als Drehort der „Chroniken von Narnia“ ausgewählt wurde, wundert wenig, dass man es in der Nebensaison fast allein durchwandern kann, schon eher. Während es in der Sächsischen Schweiz mit jährlich zwei Millionen Besuchern an den Wochenenden zuweilen recht belebt zugeht, herrscht in den etwas abgelegenen Gebieten auf böhmischer Seite oft noch Ruhe und Beschaulichkeit.

Über 1800 Quadratkilometer erstreckt sich das Landschaftsschutzgebiet Sächsisch-Böhmische Schweiz auf deutschem und tschechischem Gebiet, das phantastische grenzübergreifende Tourismusangebote bereithält.

„Genau deshalb zieht es mich oft in diese Wunderwelt der Steine“, sagt der tschechische Gästeführer Sven Czastka, der bereits viele deutsche Urlauber durch die direkt an der Landesgrenze gelegene Felsenstadt begleitet hat. „Die geologische Vielfalt auf kleinem Raum macht das Gebiet zu einem landschaftlichen Juwel und meine deutschen Gäste wissen die kurze Anreise zu schätzen. Geübte Wanderer kommen von der Schweizermühle durch das Bielatal bis hierher – eine wunderbare Tour entlang der Herkulessäulen, die als Rundweg etwa 20 Kilometer misst“, schwärmt Sven Czastka. Auch für Kinder ist das zerklüftete Labyrinth mit kleinen Höhlen und engen Passagen ein Abenteuer, das zum Herumkraxeln animiert und sich vorzüglich eignet, einer psychischen Reizüberflutung durch das Handy zu entfliehen. So trifft man bei einer anschließenden Stärkung in der Turistická chata, einem rustikalen Restaurant am Eingang zu den Felsen, bei Jung und Alt auf durchweg zufriedene Gesichter. Auf dem Weg zum nahen Hohen Schneeberg, mit 723 Metern die höchste Erhebung des Elbsandsteingebirges, berichtet Sven Czastka über die enge Zusammenarbeit mit deutschen Partnern - von grenzübergreifenden Kajakfahrten auf der Elbe, Radtouren auf dem Elberadweg und dem 105 Kilometer langen Forststeig, der in Schöna startet, links der Elbe durch die Sächsisch-Böhmische Schweiz führt und nach einem Abstecher zum Papststein in Bad Schandau endet.

Kooperation ohne Grenzen

Im Nationalparkzentrum von Bad Schandau erhält man weitere Einblicke in die vielfältige Kooperation beider Seiten, die von der Abstimmung der Nationalparkbehörden, gemeinsamen Veranstaltungen, Ausstellungen und Exkursionen, über ein einheitliches Corporate Design und gleiche Wegemarkierungen bis zum grenzüberschreitenden, von der EU gefördertem Projekt „Tourismus mit Weitblick – Turistika s výhledem“ führt. Als jüngstes Beispiel berichtet Nationalparksprecher Hanspeter Mayr über die gemeinsame Beseitigung der Sturm- und Borkenkäferschäden. Rund 1000 Hubschraubereinsätze waren allein an den Steilhängen der Kirnitzschklamm erforderlich, um abgestorbene und absturzgefährdete Fichten zu entfernen, damit die Kahnfahrt an der Oberen Schleuse in Hinterhermsdorf ohne Gefahren wieder aufgenommen werden kann. Unermüdlich räumten Forstarbeiter auf beiden Seiten bereits die meisten Wanderwege.

Beachtliche Fortschritte sind auch bei der Verflechtung des öffentlichen und privaten Nahverkehrs auf beiden Seiten zu verzeichnen, so dass Urlauber mit Hilfe eines gemeinsamen Fahrplanes grenzenlos und bequem beide Nationalparks und Landschaftsschutzgebiete erkunden können. Wie unkompliziert und angenehm eine solche grenzüberschreitende Tour sein kann, erlebt man beispielsweise auf der Fahrt mit dem Wanderschiff, das Bad Schandau über Schmilka mit dem tschechischen Hřensko verbindet. Rechts der Elbe ragen die Schrammsteine bis zu 150 Metern empor, vorbei geht es an den Postelwitzer Sandsteinbrüchen, die einst das Material für die Frauenkirche in Dresden lieferten. Die frühere Grenzstation hinter Schmilka erinnert an vergangene Zeiten. In Hřensko angekommen, beginnt eine der spannendsten Touren auf Böhmischem Gebiet. Etwa 6,5 Kilometer geht es lange Strecken durch abgestorbene Fichtenwälder, deren Monokultur langsam auf natürliche Weise durch sprießende Birken, Ebereschen und Buchen ersetzt wird. Gleichmäßig windet sich der Wanderweg über Serpentinen in die Höhe, bis es endlich auftaucht, das Prebischtor (Pravčická brána), das Wahrzeichen des Nationalparks Böhmische Schweiz. 16 Meter hoch und mit 26,5 Metern Spannbreite bietet die größte Sandstein-Felsbrücke Europas einen imposanten Eindruck. Vorwiegend deutsche Wanderer, aber auch Touristen aus Japan, Österreich, der Schweiz und Belgien starten einen Wettbewerb um den besten Fotostandort. Schon 1881 hatte Fürst Edmund Clary-Aldringen das Tourismuspotential dieses Naturwunders erkannt und einen Wanderweg samt Ausflugsschlösschen anlegen lassen. Heute begrüßt ein Restaurant die ankommenden Gäste mit Gulasch, Knödeln und tschechischem Bier.

Mehr Informationen:

Infos: Tourismusverband Sächsische Schweiz e.V., České Švýcarsko, NationalparkZentrum Sächsische Schweiz: www.lanu.de & www.nationalpark-saechsische-schweiz.de, Haus der Böhmischen Schweiz, Krásná Lípa, www.ceskesvycarsko.cz & www.npcs.cz

Anreise: Per Bahn über Dresden nach Bad Schandau. Die Nationalparkbahn U 28 verbindet die beiden Nationalparkregionen Sächsische und Böhmische Schweiz. Bis zu 4-mal täglich fährt ein Wanderschiff auf der Elbe von Bad Schandau bis nach Hřensko und wieder zurück (15 €). Sächsisch-Böhmischer Nationalparkexpress, Haltestelle: Hřensko, Pravčická brána/Prebischtor , Hin- und Rückfahrt: 12,00 € pro Erwachsener. Darüber hinaus ermöglicht die „Gästekarte mobil“ kostenlose Fahrten mit Bus, Bahn und den meisten Fähren in der gesamten Sächsischen Schweiz vom Anreise- bis zum Abreisetag.

Grenzenlos wandern: Z. B. Zertifizierter Nationalparkführer Ralf Schmädicke.

Wandern und Radfahren: Tschechischer Guide Sven Czastka. Aktiv Zentrum Sächsische Schweiz.

Übernachten: Zum Beispiel im Hotel Elbresidenz an der Therme, Bad Schandau.

Vom Prebischtor führt der 6,5 Kilometer lange Gabrielensteig entlang schroffer Sandsteinwände nach Mezní Louka (Rainwiese), von wo aus ein Abstieg in die vom Kamnitzbach gegrabene Edmundsklamm (Edmundova soutěska) möglich ist. Nach kurzer Wanderung geht es einen Kilometer per Kahn durch den engen Felscanyon – ein wildromantisches Erlebnis, bis der Fährmann mit einem Seilzug das von einem Bach angestaute Wasser als Wasserfall in die Tiefe rauschen lässt. Unterwegs tauchen zuweilen Eisvögel, Wanderfalken und andere Vogelarten auf, selbst Schwarzstörche wurden gesichtet. Neben Rothirschen und Wildschweinen ziehen auch Mufflons und Gämsen durch die benachbarte Landschaft, die einst zu Jagdzwecken von Menschen angesiedelt wurden. Mehrfach setzten Naturschützer auf deutscher und tschechischer Seite Fischnachwuchs für die einst hier und in der Elbe massenhaft heimischen Lachse ein und hoffen auf deren Rückkehr zum Laichen. Alle Beteiligten sind sich darüber im Klaren, dass es nur durch eine enge Zusammenarbeit gelingen kann, Naturschutz und sanften Tourismus in Einklang zu bringen. Nach den bisherigen guten Erfahrungen ist man in der Sächsischen und Böhmischen Schweiz auf dem rechten Weg.

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