Aktivurlaub SUP-Yoga: Brettspiele mit Om-Faktor

Von Christian Haas | 24.10.2022, 06:00 Uhr

Die Idee klingt selbst für Yoga-Einsteiger verlockend: eine Meditations-Session mitten auf dem See, fernab des Ufertrubels. Dieses Spezialarrangement lässt sich auf immer mehr deutschen Gewässern ausprobieren, etwa am Ammersee. Ein Selbstversuch.

Stand-up-Paddling und Yoga sind ohne Übertreibung die großen Sport- und Bewegungstrends der vergangenen Jahre. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis diese zueinanderfinden.

Haben doch beide mit Gleichgewicht, Austarieren und Körperbeherrschung zu tun. Dass die mitten im See und damit in attraktiver und ruhiger Kulisse angewandten Übungen je nach Fitnesszustand variiert werden können, ist ein weiterer Beliebtheitskatalysator. Selbst wer Kobra, Löwe und Krokodil nur aus dem Zoo kennt und nicht als Yogafiguren, bekommt das also hin. Das Schlimmste, was Wackelkandidaten passieren kann: ein ungelenker Abgang ins Wasser. Das Beste: dabei jemanden an der Seite zu haben, der einem den Weg zeigt. Nicht den auf den See hinaus, sondern den Weg zur standhaften Ruhe. So wie Sonja Braun, die ihre Yoga-Sessions nicht nur in ihrem Studio in Buch am oberbayerischen Ammersee an-, sondern auch auf dem See anbietet. Oder wie Karin Döring im nahen Eching. Oder wie eine Reihe „mobiler“ Yogalehrer, die wie Pierre Mühlbauer gleich auf mehreren Gewässern im Fünf-Seen-Land ihre SUP-Yoga Angebote machen.

Die Nachfrage nämlich ist groß. Dass Stand-up-Paddling, das polynesische Fischer schon vor Jahrhunderten in ihren Kanus praktizierten, derzeit (wieder) in aller Munde ist, liegt nicht nur am coronabedingten Bedürfnis nach neuen Tätigkeiten in naher Umgebung, sondern auch daran, dass es einfach zu erlernen ist. Hüftbreiter Stand, die Knie leicht gebeugt und das Paddel ins Wasser - schon nach wenigen Minuten lässt sich das Brett sicher steuern. Sagt die Theorie. Aber was sagt die Praxis? In meinem Fall: erstmal das von Pierre mitgebrachte Brett aufpumpen. Mit schnellen, heftigen Stößen. Also: Pumphebel rauf, runter, rauf, runter, und dabei immer schön atmen. Offenbar ist das Ganze schon die erste Yogaübung. Und ein ordentliches Oberarmtraining. Ein besseres Warm-Up kann man sich kaum ausdenken. Jedenfalls bin ich jetzt warm.

Und heiß auf den See. Im wadelhohen Wasser springe ich auf das Brett. Nach kurzen Wackelmanövern finde ich rasch einen guten Stand. Erst auf den Knien, dann im Stehen, zeigt mir Pierre das Steuern. „Das Paddel nah am Körper und am Brett lassen, einstechen und mit dem unteren Arm nach hinten ziehen, während die Hand am Schaft gestreckt bleibt“, erklärt er. Nach ein paar Schlägen Wechsel. Dann üben wir Wenden, schnelles Bremsen, Zickzackkurse. Nach einer Viertelstunde sitzen die wichtigsten Manöver. Sie sind zugleich Gleichgewichtsübungen, die meine volle Konzentration fordern. Ist das nun schon Yoga? Nein, aber das ständige Austarieren legt die Kombination der beiden Trend-Aktivitäten wirklich nahe und ist eine ideale Vorbereitung für die eigentliche Yoga-Session, für die wir weiter in den See stechen und dort die Paddel seitlich aufs Board legen.

Ein bisschen leidet die gedachte Entspannungsphase unter rasch aufziehenden schwarzen Wolken und den eben zu leuchten beginnenden Sturmwarnungslampen am Ufer. Na egal, om. Jetzt erstmal einfach beginnen mit: einem Bein hoch. Spannung halten. Hände falten. Dann steht der herabschauende Hund an. Vorher aber der zu Pierre herüberschauende Yoga-Novize. Denn ohne Blickkontakt kann ich all die „Kommandos“ gar nicht so schnell umsetzen. Schließlich muss ich noch das Wackelbrett unter Kontrolle halten, was durch die Wellen eines vorbeiziehenden Dampfers erschwert wird. Aber: Ich bleibe standhaft! Dann heißt es: ein Bein in die Höhe, den diagonalen Arm nach vorne gestreckt. „Genieß es!“, erinnert mich Pierre immer wieder. Und ruhig atmen!

Mehr Informationen:

Infos zur Region: Starnberger Fünf-Seen-Land, Starnberg; Ammersee-Lech, Landsberg 

Yoga-Lehrer: Sonja Braun, SUP-Yoga, Schönberg 12, 86923 Finning, Tel. (01 72) 8 18 94 06;
Karin Döring, Fasanenweg 2, 82279 Eching a. Ammersee, Tel. (0 81 43) 44 70 20;
Pierre Mühlbauer, Klausenstraße 13, 82382 Hohenpeißenberg, Tel. (01 73) 9 58 76 24

Es folgt der „Kranich“. Passt ja thematisch zum Wasser, aber ist ein echter Hammer. Pierre macht‘s vor: Hocke auf dem Brett, die Hände gestreckt, die Knie in die Achseln und die Füße in die Luft. Dann macht er auch noch einen Handstand draus - und meint allen Ernstes, ich könne das auch schaffen. Zumindest beide Füße in der Luft zu halten. Ich muss ob der Vorstellung einfach nur lachen. Doch Pierre feuert mich an. Seine Zurufe „Atmen nicht vergessen!“, „Fixier‘ einen Punkt!“ und „Genieß es!“ wiederholen sich immer schneller. Es fängt an zu tröpfeln. Moment mal, ist das Regen? Oder Schweiß? Und wenn ja, Angst? Auf jeden Fall kann ich mir unmöglich vorstellen, mich an meinen rutschigen Unterarmen hochzustemmen. Aber aus einem mir unerklärlichen Grund gelingt es, für zwei Sekunden beide Füße zu lupfen. Pierre ist begeistert. Und ich sacke kraftlos zusammen und vom Brett ins Wasser. Herrlich, diese Abkühlung! Und herrlich die Vorstellung, diese Brettspiele zu wiederholen.

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