Marokko erleben Weiße Taube und blauer Zauber

Von Bärbel Schwertfeger | 08.11.2022, 06:00 Uhr

Mit Tétouan, Tanger und Chefchaouen bietet der Norden Marokkos drei sehenswerte und sehr unterschiedliche Städte mit spannender Geschichte und viel Flair.

Weiße Häuser mit schmiedeeisernen Balkonen, gut besuchte Straßencafés - beim Gang durch die Avenue Mohammed V wähnt sich der Besucher in Andalusien. Nur die Männer in ihren bodenlangen Dschellbahs und die Berberfrauen mit großen Strohhüten passen nicht so recht ins Bild. Ihre starken spanischen Einflüsse verdankt die nordmarokkanische Stadt Tétouan den spanisch-arabischen Flüchtlingen als Ende des 15. Jahrhunderts die letzten Juden und Moslems infolge der Inquisition aus Andalusien vertrieben wurden. Später war Tétouan bis 1956 mehr als vier Jahrzehnte Hauptstadt des spanischen Protektorats in Marokko.

„Hier ist damals General Franco abgestiegen“, erzählt Stadtführer Rachid und deutet auf ein Eckhaus. „Von hier putschte er im Juli 1936 gegen die Regierung in Madrid.“ Vorbei an Geschäften mit Brautkleidern und Hochzeitszubehör führt die Straße zum Platz Hassan II und zum Königspalast. Hier verbringt der marokkanische König Mohammed VI gern seinen Sommer und besucht die rund 20 Kilometer nördlich gelegenen Sandstrände am Cabo Negro.

Damit man ihm nicht zu nahe kommt, ist der von weißen Gebäuden weitläufig Platz abgezäunt und bewacht. Wer rechts vom Palast in eine der Gassen einbiegt, landet in der Mellah und in einer anderen Welt. Das einstige Judenviertel beeindruckt mit seinen engen, manchmal nur eineinhalb Meter breiten und mit Torbögen überspannten Gassen. Am Boden bieten Bauersfrauen Bündel mit frischem Knoblauch und frischer Minze feil.

„In Marokko lag die städtische Mellah stets in der Nähe des Herrscherpalastes“, erklärt Rachid. „So konnte man Bewohner, die eine wichtige Rolle für die lokale Wirtschaft spielten, besser schützen.“ Noch heute tragen die Gassen Namen wie Haifa oder Gaza, obwohl hier längst Moslems, Juden und Christen zusammenleben. Viele Häuser sind dem Verfall preisgegeben, aber an etlichen Stellen wird kräftig renoviert.

Für den Besucher kaum merkbar geht die Mellah in die Medina über, die mit ihrem Labyrinth aus schmalen Gassen und den nach Zünften aufgeteilten Bezirken seit 1997 zum UNESCO Weltkulturerbe gehört und als eine der besterhaltenen Altstädte des Landes gilt. „Tétouan ist die Hauptstadt des Handwerks“, erzählt Rachid als er seine Gäste erstaunte Blicke in die winzigen Läden werfen, in denen genäht, gehämmert und gefeilt wird.

Wegen ihrer Lage inmitten grüner Hügel und ihren schmucken weißen Häusern hat Tétouan den Beinamen „Die weiße Taube“ und wird von manchen sogar als die schönste Stadt Marokkos bezeichnet. Zumindest aber ist sie nicht so touristisch wie das rund 60 Kilometer südlich gelegene Chefchaouen. Das Städtchen, dessen Altstadt sich malerisch an den Fuß eines hohen Berges schmiegt, war wie Tétouan lange Zufluchtsort für Moslems und Juden, die aus Spanien fliehen mussten.

Bis zur Corona-Pandemie gehörte Chefchaouen als „blaue Perle“ zum Pflichtprogramm von Reisegruppen aus aller Welt - vor allem aus China. Hauptattraktion ist die Farbe. Denn sämtliche Wege, Treppen und Häuser sind blau bemalt: himmelblau, kobaltblau, indigoblau oder eisblau. Die verschiedenen Blautöne kombiniert mit dem Licht- und Schattenspiel in den engen Gassen und den vor den unzähligen Souvenirläden hängenden bunten Gewändern erzeugen ein berauschendes Farbenspiel. Und sie sind die ideale Kulisse für Instagram-Fotos. Wenn dann noch eine goldbraune Katze vor einer knallblauen Tür döst, sind viele Likes sicher. Warum die Bewohner durchgängig auf Blau setzen, ist unklar. Die einen sagen, das Blau schütze gegen den bösen Blick und schaffe Nähe zu Gott. Andere sehen einen profaneren Grund: Die Farbe kühlt in den heißen Sommern und schützt angeblich vor Mücken.

Rund zwei Stunden dauert die Fahrt von Chefchaouen nach Tanger. Die von den Karthagern gegründete Hafenstadt mit Blick auf den Felsen von Gibraltar war schon immer ein Spielball der Geschichte. Byzantiner, Araber, Spanier, Briten und Franzosen kamen als Herrscher. Von 1923 bis 1956 war die Stadt zwischen zwei Kontinenten eine selbstverwaltete internationale Zone und zog Geschäftsleute, Schmuggler und Spione, aber auch für Künstler und Sinnsuchende an. Einer davon war der Schriftsteller Paul Bowles, der hier seinen später von Bernardo Bertolucci verfilmten Roman „Himmel über der Wüste“ schrieb. In der ehemaligen amerikanischen Gesandtschaft, die 1976 in ein Museum verwandelt wurde, ist ihm heute ein eigener Flügel gewidmet.

Mehr Informationen:

Anreise: Flugverbindungen nach Tanger gibt es über Spanien mit Iberia oder Vueling zu tagesaktuellen Preisen.

Infos: Staatliches Marokkanisches Fremdenverkehrsamt

Lange Zeit wurde die Stadt vom Staat vernachlässigt. Der neue Aufschwung kam mit der - allerdings erfolglosen - Bewerbung für die Expo 2012. Eine sechs Kilometer lange, mit Palmen gesäumte Uferpromenade wurde angelegt, ein moderner Bahnhof für Schnellzüge gebaut und neue Wohngebiete geschaffen. Der alte Hafen wurde in den neuen Containerhafen Tanger-Med östlich der Stadt verlagert.

Auch der älteste Teil der Stadt, das an der höchsten Stelle der Medina gelegenen Kasbah-Viertel, präsentiert sich heute aufgehübscht. Die alten Häuser in den weiß getünchten Gassen wurden liebevoll restauriert, lauschige und originelle Cafés und Restaurants laden zur Rast ein. Doch das Herz der Stadt schlägt noch immer rund um den Platz Grand Socco am Übergang von Medina und Neustadt, wo schmucklose Läden Alltagsgegenstände aller Art anbieten. Wer sich von hier durch die verwinkelten Gassen mit ihren teils heruntergekommenen Häusern und dunklen Spelunken treiben lässt, landet mit etwas Glück beim altehrwürdigen Grand Café de Paris am Boulevard Pasteur. Das 1927 eröffnete Kaffeehaus war einst die Anlaufstelle für Spione und ein beliebter Treffpunkt für Schriftsteller wie Truman Capote, Tennessee Williams und Paul Bowles. Und bei einem Glas frischen Minztee kann der Besucher hier noch heute etwas vom Flair der wilden Zeiten erahnen.

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