Balearen Mandelblüte auf Mallorca: Im Blütenmeer

Von Ekkehart Eichler | 21.11.2022, 06:00 Uhr

Wenn im Winter auf Mallorca sieben Millionen Mandelbäume blühen, wird die Insel zum Traumzauberland für Einheimische und Touristen.

Mallorca im Winter? Eine fabelhafte Idee! Zum einen des tiefen Friedens wegen, der Lichtjahre weg ist vom Ballermann-Trubel des massentouristischen Sommers. Wegen des insularen Flairs, das man jetzt vollkommen ungestört in vollen Zügen aufsaugen kann. Wegen des Frühlings, der bereits im Januar in den Startlöchern steht und mit milden Temperaturen Land und Leute verwöhnt. Und zum Vierten schließlich – eng damit verbunden – wegen des zauberhaften Naturschauspiels, das alljährlich die Menschen verzückt: die berühmte Blüte der Mandelbäume. Denn fast immer zwischen Ende Januar und Mitte März verwandelt sich Mallorca in ein himmlisches Meer aus kitschigstem Rosa und reinstem Weiß.

Mal stehen die Protagonisten zart duftend Spalier vor tiefblauem Himmel in großen Plantagen; mal posieren sie als Einzelgänger in einem verwilderten Garten. Mal verdoppeln sie den Schnee vor der Winter-Kulisse des Tramuntana-Gebirges; mal verzaubern sie uralte Herrenhäuser und trutzige Burgruinen. Sie stehen in Dörfern neben weidenden Schafen und an Nebenstraßen mit schiefen Steinmauern. Und: Sie sind ein Massenphänomen, denn es gibt sage und schreibe sieben Millionen von ihnen.

Ende Januar ist es meistens soweit: Während bei uns noch tiefster Winter herrscht, explodieren auf Mallorca die Mandelbaum-Knospen bei angenehmen 15 bis 20 Grad in weiße und roséfarbene Wolken. Im Normalfall etwas eher in den Ebenen im Inselinnern, etwas später im Tramuntana-Gebirge im kälteren Nordwesten. Neben der Region spielt auch das Wetter eine wichtige Rolle – in harten Wintern verschiebt sich das Schauspiel nach hinten, in ganz seltenen ganz harten fällt´s bei verheerenden Spätfrösten auch schon mal aus. Wer ganz sicher gehen will, kommt am besten Mitte Februar zur Hochzeit der mehrwöchigen Blühperiode – dann zeigen sich die sieben Millionen Models im vollsten und schönsten Blütenkleid.

Die Geschichte der Mandelblüte auf Mallorca reicht weit zurück. Im Jahr 903 brachten die Mauren den Mandelbaum aus dem Orient mit; seither gehört er zur hiesigen Landwirtschaft wie die Oliven und der Wein. Ihren Siegeszug erlebte die Mandel auf der Insel dann im 19. Jahrhundert. Als eine Reblausplage einen großen Teil der Weinreben vernichtete, suchten und fanden die Bauern eine Alternative: Sie setzten vermehrt auf den Anbau von Mandelbäumen. Eine Entscheidung, die Mallorca bis Mitte des 20. Jahrhunderts zu einem der größten Mandelanbaugebiete weltweit machte und bis heute das Landschaftsbild der Baleareninsel prägt.

Doch der Anbau ist rückläufig: Fallende Preise, ein veralteter Baumbestand und Pilzbefall machen den Produzenten des einst lukrativen Geschäfts zu schaffen. Pro Jahr werden noch knapp 7000 Tonnen Mandeln auf der Insel geerntet und verarbeitet. Unverändert allerdings in bester Qualität und mit geschützter Herkunftsbezeichnung. Denn die Mandel – von der es übrigens etwa 200 verschiedene Arten auf Mallorca gibt – ist eine wahre Wunderfrucht. Als kulinarisches Kulturgut landet die fett-, mineralstoff- und vitaminreiche Frucht in Mandelmilch, Mandeleis, Mandelschokolade und in dem beliebten Mandelkuchen Gato de Almendra, der gern auch verzehrt wird – mit einer Extraportion Mandeln. Zu Weihnachten kommt das Superfood im Turrón daher, einer typischen Mandel-Spezialität. Und auch der Mandellikör „Flor d’Amentella“ profitiert von dem intensiven und feinen Aroma der mallorquinischen Mandeln. Aus Bittermandeln wiederum werden vor allem Öle und Aromen gepresst, die als Grundlage für Lotionen, Gesichts- und Handcremes gefragt sind oder als Kur die Haare kräftigen. Und nicht zuletzt gibt es sogar ein Mandelparfüm, das auf der Insel hergestellt wird.

Geerntet werden die Früchte ab Ende August. Traditionell mit Netzen unter den Bäumen, in welchen die mit Schilfstangen von den Ästen abgeschlagenen Früchte gesammelt werden. Auf größeren Plantagen kommt modernes Equipment zum Einsatz: Dort nehmen gepolsterte Eisenarme den Stamm in den Griff. Danach klappen sich beidseitig Flügel um den Baum. Die Greifzangen vibrieren, der Baum beginnt zu zittern, alle Mandeln fliegen hoch und landen auf dem Fächer, der aussieht wie ein umgedrehter Regenschirm. Eine Aktion, die pro Baum gerade mal zwei Minuten dauert.

Zurück zum Winter: Wo Naturliebhaber und Fotoenthusiasten das Blütenschauspiel am besten erleben können, hängt vom Standort ab und von der eigenen Spürnase. Als besonders malerische Hotspots gelten die Landstraße zwischen Andratx und S’Arraco im Südwesten, weiter nördlich nah am Gebirgszug die Strecke zwischen Valldemossa und Sollér, im Osten die Landstraße zwischen Porto Cristo und Porto Colóm, die Südostküste zwischen Cala Figuera und Santanyi sowie die Gegend um Llucmajor. Viele blühende Bäume sieht man auch bei der Zugfahrt mit dem „Roten Blitz“ zwischen Palma und Sollér, und wer sich Roller oder Fahrrad schnappt, hat auf Nebenstraßen und Feldwegen beste Chancen für gute Fotostopps mit Blick auf Mallorcas einzigartiges Blütenmeer.

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