Madeira Levada-Wandern und Wasserfall-Dusche

Von Karsten-Thilo Raab | 10.11.2022, 06:00 Uhr

Mitten im Atlantik begeistert die portugiesische Insel Madeira nicht nur durch ihre ganzjährige Blumenpracht, sondern auch durch ein an- und aussichtsreiches Wegesystem entlang historischer Bewässerungskanäle.

Schöner kann der Auftakt kaum sein. Von der Inselhauptstadt Funchal aus geht es an der Küste entlang gen Westen. Die Route führt abwechselnd durch ellenlange Tunnel und vorbei an riesig sich auftürmenden Bergen mit steilen Hängen und terrassenförmig angelegten Bananenplantagen. Dazwischen schmiegen sich Häuser verstreut an die steilen Hänge. Ganz Madeira scheint ein Hanghuhn zu sein, ein durchlöchertes noch dazu. Denn auf der gerade einmal 57 Kilometer langen und 22 Kilometer breiten Atlantikinsel wurden allein im Laufe der letzten zweieinhalb Jahrzehnte mehr als 300 Tunnel angelegt. Diese ersetzen die zum Teil extrem steilen und kurvenreichen Straßen entlang der Küste, aber auch im Inselinneren, wo sich der Pico Ruivo als höchster Berg stattliche 1862 Meter hoch aufbäumt.

In Prazeres im Südwesten von Madeira lädt ein kleiner lokaler Supermarkt dazu ein, schnell etwas für das abendliche Picknick einzukaufen. Eine Flasche Madeira-Wein, eine Flasche Wasser, ein bisschen lokaler Käse, etwas Butter, ein Laib frisch gebackenes Brot - alles zusammen für kaum mehr als zehn Euro. Am Rande des verträumten 700-Seelen-Nestes eröffnet eine gut 600 Meter hohe Küstenlinie famose An- und Aussichten. Von hier führt ein Wanderweg 560 Meter steil hinunter zum kleinen Fischerdörfchen Paul do Mar. Schon nach wenigen Metern zweigt ein Fußweg auf eine spektakuläre Klippe ab, von deren Rand sich ein einmaliges Panorama eröffnet.

Das Felsenmeer wird von Kakteen und Blumen gesäumt, während ein altes, mit Kartoffelrosen umwuchertes Strohhaus für besonderes Flair sorgt. Ganz im Westen versinkt langsam die Sonne im Meer. Ein Kreuzfahrtschiff, das von Funchal aus auf den offenen Ozean hinaus steuert, wirkt von hier oben fast wie ein Spielzeugboot. Mehr und mehr werden die Klippen und das kleine Dorf in ein faszinierendes Licht getaucht, bis der Himmel und das unendliche Wasser des Atlantiks ineinander zu verschmelzen scheinen. Der dünn besiedelte Inselwesten ist nicht nur um diese Zeit fast menschenleer.

Zu den Besonderheiten Madeiras gehören die Levadas. Die schmalen, von den Insulanern mühevoll angelegten Bewässerungskanäle durchziehen in einem ausgeklügelten System weite Teile der Insel. Die kleinen Kanäle führen eng an den Rändern der Berge entlang durch Zuckerrohrfelder, Weinhänge und Bananenplantagen, aber auch vorbei an rauschenden Wasserfällen, schroff abfallenden Berghängen sowie durch sumpfige Hochmoore oder schattige Lorbeerwälder. Parallel zu den Levadas verlaufen schmale, etwa schulterbreite Wanderwege, die es ermöglichen, die üppige Flora und Fauna bis in den hintersten Winkel der Insel zu erkunden. Die Wasserwege sind frei zugänglich und die Pfade nahezu flach. Nur trittsicher und in einigen Teilen schwindelfrei muss der geneigte Inselforscher sein.

In Prazeres startet mit der Levada Nova ein perfekter Wasserweg für wenig geübte Wanderer. Das Wasserband wird begleitet von meterhohen Ginsterbüschen und dichten Wäldern. Nur wenig anspruchsvoller ist die Levada da Ribeira da Janela, deren Einstieg am Wasserspeicherbecken in Lamaceiros erfolgt. Über den fast rötlichen Lehmboden geht es vorbei an zahlreichen Liliengewächsen, hoch aufragenden Lorbeerbäumen und durch tiefe Täler. Auch hier wird auf Schritt und Tritt deutlich, welche gigantische Pionierleistung notwendig war, um an den engen wie steilen Berghängen ein derartiges Wassersystem von Hand zu installieren.

Wer unweit von Ponta do Sol in Corujeira im Tal der Ribeira da Tabuna in die Levada Nova einsteigt, erkennt schon nach wenigen Metern unweigerlich, warum Madeira als Blumeninsel gilt. In etwa 420 Metern Höhe wird das Wasserband von prachtvoll blühenden Blumen links und rechts des Weges begleitet. Darunter finden sich die endemische Pflanzen wie der blau-violette Madeira-Natternkopf, die Wollaston-Musschie oder die Strelitzie. Unterbrochen wird der Weg durch einen etwa 80 Meter langen Tunnel, an dessen Ende ein tosender Wasserfall für einen besonderen Blickfang sorgt.

Kaum minder spektakulär gibt sich die Levada da Bica da Cana zwischen Canhas und Paul da Serra. Immer wieder ziehen dicke Nebelschwaden und Wolken über die Bergkuppen und verleihen der Tour etwas Mystisches. Wenn hier und da die Sonne durchbricht und die Wolken verschwunden sind, eröffnet sich aus rund 1350 Metern Höhe eine prachtvolle Aussicht auf die Südküste von Madeira. Das Wasserband verläuft dabei zunächst zwischen Ginsterbüschen oberhalb der Baumgrenze. Entlang des Weges grasen freilaufende Kühe. Dort, wo sich die Rindviecher direkt in der Levada am Wasser laben oder das Gras auf der anderen Seite abfressen, ist etwas Geduld gefragt, bis die gehörnten Wiederkäuer den Weg freiwillig wieder freigeben. Besonders dann, wenn sie frisch gekalbt haben. Nur Teile des Weges sind seitlich gesichert, obschon es mehrere Hundert Meter steil ins Tal hinabgeht. Entsprechend schwingt bei jedem Schritt ein wenig Unwohlsein mit, gepaart mit der Faszination für die Schönheit der Natur und begleitet von der atemberaubenden Aussicht über das Tal bis hin zum Atlantik.

Überaus beliebt, aber auch überaus Kräfte zehrend ist die Levada das 25 Fontes. Auf verschiedenen Ebenen durchziehen die Wasserwege das hügelige Waldgebiet mit seinen 25 Quellen.

Nicht minder stark frequentiert ist die Halbinsel Ponta de São Lourenço im Südosten von Madeira, wo die Massenbewegung mitunter an eine Völkerwanderung gemahnt. Wie eine gigantische Entenfamilie watscheln an manchen Tagen die unzähligen „Bergziegen“ und „Hobbygipfelstürmer“ in einer schier endlosen Karawane hintereinander her die natürlichen Stufen hinauf und hinunter sowie den schmalen Trampelpfaden entlang. Ein schweißtreibendes Geduldsspiel am Kap, das mit spektakulären und bizarr geformten Gesteinsformationen dennoch eine Pflichtstation ist.

Wer statt zum Wandern zum Baden nach Madeira kommt, der wird enttäuscht. Schöne Strände sind absolute Mangelware. Die meisten verfügen lediglich über überaus grobe Steine. Lediglich in Calheta und Machico gibt es zwei kleine, mit Sand aus Marokko aufgeschüttete Strandabschnitte. Doch auch hier ist das Baden ob der niedrigen Temperatur des Atlantiks von ganzjährig gerade einmal 16 bis 18 Grad Celsius eher etwas für Hartgesottene.

Mehr Informationen:

Lage: Madeira liegt rund 950 Kilometer südwestlich von Lissabon und knapp 740 Kilometer westlich der marokkanischen Küste im Atlantischen Ozean. Die Insel mit ihren gerade einmal 250.000 Einwohnern misst rund 740 Quadratkilometer; Hauptstadt ist Funchal.

Anreise: TAP Air Portugal, Eurowings, TUIfly und Condor fliegen von verschiedenen Flughäfen in Deutschland, Österreich und der Schweiz bis zu dreimal wöchentlich nach Madeira. 

Klima: Madeira ist ein Ganzjahresziel. Die Temperaturen liegen im Winter um die 19 Grad Celsius und steigen im Sommer auf rund 25 Grad Celsius. Aufgrund des nahezu permanent wehenden Windes wirkt es mitunter kühler. 

Genuss: Spezialitäten der Insel sind Tomatensuppe mit verlorenem Ei (Spoa de Tomate), grüne Suppe (Caldo Verde) mit Kartoffeln, Kohl und Knoblauchwurst sowie Degenfisch mit Banane (Espada com Banana). Traditionelle Getränke sind Madeira-Wein und Poncha. Letzterer besteht aus einheimischem weißem Rum, Madeira-Honig und frisch gepresstem Zitronensaft.

Tipp: In der Inselhauptstadt Funchal fasziniert die Rua de Santa Maria. In der Hauptlebensader der historischen Altstadt wurden rund 200 Türen und Tore künstlerisch gestaltet und sorgen für besondere Blickfänge zwischen den Häusern mit ihrem zum Teil morbiden Charme. In Santana lassen sich Casa do Colmo, mit Stroh gedeckte Häuser mit ihren bis auf den Boden reichenden Dächern, bewundern. 

Essen & Trinken: Sol e Cantino da Madalena, Avenida 10 de Fevereiro, 9360-419 Madalena do Mar. Familienbetrieb mit schönem Biergarten. Serviert werden fangfrischer Fisch und portugiesische Küche. Restaurante Chico, Caminho da Rocha 164, 9370-612 Prazeres. Gehobene portugiesische Küche. 

Infos: Visit Madeira

In Porto Moniz, im Nordwesten der Insel, wartet hingegen eine Besonderheit: eine dunkle Lavazunge prägt den Küstenabschnitt und formte zahlreiche natürliche Becken. Die tosende Brandung macht das Baden zwischen den bizarren Gesteinsbrocken zu einem besonderen, wenn auch eiskalten Erlebnis.

Ein ganz ungewöhnliches Abenteuer gibt es auf der gegenüberliegenden Inselseite auf der alten Küstenstraße zwischen Ponta do Sol und Madalena do Mar. Ein Wasserfall prasselt hier aus gut 40 Metern Höhe mitten auf die Fahrbahn und sorgt für eine unfreiwillige Autowäsche der vorbeirollenden Fahrzeuge. Nicht wenige hüpfen auch einfach mal kurz so in Badehose unter den mächtigen Wasserstrahl, um ein ungewöhnliches Urlaubsfoto zu schießen. Hier treibt die Blumeninsel Madeira ihre ganz besondere Blüten.

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