Malta entdecken Zwergenklein und voller Schätze

Von Karsten-Thilo Raab | 15.11.2022, 06:00 Uhr

Das kleine Malta ist gerade in der kalten Jahreszeit eine große Alternative für alle, die ein wenig Sonne tanken möchten. Zum Baden ist es bereits zu kalt, doch dafür gibt es auf der Mittelmeerinsel viel zu entdecken.

Die farbenfrohen historischen Busse, die wie die kunterbunten Luzzu-Boote lange Jahre das Bild der Insel bestimmten, sind seit 2011 von den Straßen verschwunden. Viele Besucher bedauern das. Doch mit Blick auf den Umweltschutz und die Sicherheit war es wohl eine vernünftige Entscheidung. Die unspektakulären Nachfolgemodelle schwärmen noch immer sternförmig vom zentralen Busbahnhof vor den Stadtmauern der Hauptstadt Valletta in alle Inselteile aus. Die Busfahrer scheinen meist verkappte Rennfahrer zu sein, getrieben vom Gedanken, ihr Gefährt könne auseinanderfallen, falls sie den Fuß vom Gas nehmen. Das gilt auch für Kurven und enge Straßen. An jeder Haltestelle erfolgt eine kleine Vollbremsung, mit der die Fahrgäste praktischerweise Richtung Tür geschleudert werden, ehe es mit Vollgas weitergeht. Dabei ist eigentlich keine Eile geboten. Schließlich ist Maltas Hauptinsel mit einer Gesamtfläche von 246 Quadratkilometern zwergenklein.

Kurze Wege sind hier an der Tagesordnung, jeder Winkel der Insel ist binnen kürzester Zeit zu erreichen. Umso verwunderlicher ist es, warum die Busfahrer zu den Ewig-Getriebenen zu gehören scheinen. Vielleicht tut man ihnen auch Unrecht und die Busse rollen nur wegen des fast permanent starken (Rücken-)Winds so schnell über das Eiland. Vielleicht ist es aber auch ein besonderer Servicegedanke, der hier ausgelebt wird. Motto: Den Fahrgästen möglichst viel von der Insel in möglichst kurzer Zeit zu zeigen.

Und es gibt viel zu entdecken im neuntkleinsten Land der Erde. Aufgrund der strategisch günstigen Lage an einer der engsten Stellen zwischen Europa und Afrika - 93 Kilometer von Sizilien und 230 Kilometer von Tunesien entfernt - galt Malta seit dem Altertum als Sprungbrett zwischen den Kontinenten, aber auch als Schlüssel für die Macht im Mittelmeer. Es ist daher kaum verwunderlich, dass immer wieder fremde Völker von den Phöniziern über die Karthager, Römer und Normannen bis hin zu Arabern, Franzosen und Osmanen die kleine Insel annektierten.

Den größten Einfluss hatten zweifelsohne der Ritterorder der Johanniter und bis zur Unabhängigkeit 1964 für rund 150 Jahre die Briten. Letztere hinterließen neben dem Linksverkehr und den roten Telefonhäuschen auch Englisch als Amtssprache.

Die überall sichtbaren Einflüsse einer langen, bewegten Geschichte, eine aus vielen Facetten zusammengefügte Volkskultur, das Großstadtflair im Nordosten und die dörfliche Beschaulichkeit im Südwesten lassen den Inselstaat zu einer eigenen kleinen, aber durchaus feinen Welt mit einer Mischung aus arabischem, italienischem und britischem Lebensstil avancieren. Dabei ist Malta keine Insel für notorische Strandlieger, was daran liegt, dass der Archipel überwiegend Felsenküste aufweist und nur über wenige malerische Sandbuchten verfügt. Doch dies macht zugleich auch den Reiz aus, denn Malta gilt als Dorado für Segler, Surfer und vor allem für Sporttaucher und Schnorchler.

Zeugnisse der langen bewegten Vergangenheit finden sich zuhauf: die aus der Steinzeit stammende Tempelanlage Hagar Qim im Südosten, die mehr als 5000 Jahre alten Tarxien-Tempel, die alte Hauptstadt Mdina, die Katakomben von Rabat mit ihren Fresken aus römischer und frühchristlicher Zeit oder das malerische Fischerdorf Marsaxlokk mit seinen bunten Fischerbooten, wo die Zeit ein wenig still zu stehen scheint.

Maltas originellstes Dorf ist eine Filmkulisse: Popeye Village mit seinen windschiefen Holzhäusern und Plankenwegen wirkt wie eine malerische Bucht in der Südsee. Regisseur Robert Altmann ließ das Dorf 1979 eigens für die Verfilmung des Spielfilms nach der Comicserie „Popeye“ in der Anchor Bay errichten.

Mitten in einem Weinanbaugebiet liegt unweit von Mdina das Kunsthandwerkerdorf Ta‘Qali. In Wellblechhütten, die wie langgezogene, halbrunde Schläuche anmuten, werden Keramik, Glas- und Lederwaren und so manches andere Mitbringsel feilgeboten. Wobei sich die Produzenten bereitwillig bei der Herstellung über die Schulter gucken lassen.

Ein phantastisches Naturschauspiel wartet im Südosten der Insel. Vom beschaulichen Dörfchen Wied Iz-Zurrieq fahren kleine Fischerboote zur Blauen Grotte. Vor allem vormittags bietet sich hier ein faszinierender Anblick. Der Lichteinfall der Sonne verleiht der 30 Meter hohen und 90 Meter im Umfang messenden Grotte ein besonderes Farbenspiel, das durch die weithin sichtbaren orangefarbenen Korallen und eine üppige Unterwasservegetation noch potenziert wird.

Insgesamt zählen Malta und die Nachbarinsel Gozo 365 Kirchen und Kapellen. Also genug, um jeden Tag in einer anderen zu beten. Dazu gehören die imposante Kathedrale St. Peter und Paul in der früheren Hauptstadt Mdina aus dem Jahre 1702 und die Maria-Himmelfahrts-Kirche von Mosta. Deren 1871 nach Plänen von Grognet de Vassè fertiggestellte Kuppel ist mit einem Durchmesser von 39 Metern die drittgrößte der Welt.

Das bedeutendste Kirchenbauwerk auf der Insel ist jedoch die St. John‘s Co-Cathedral in der Hauptstadt Valletta. In der einstigen, äußerlich eher schlichten Hauptkirche des Johanniter-Ordens am zentral gelegenen St. John‘s Square schuf der italienische Maler Mattia Preti zwischen 1662 und 1667 eine beeindruckende Gewölbemalerei mit 18 Szenen aus dem Leben Johannes des Täufers. Bedeutendstes Einzelwerk des prächtigen Gotteshauses ist Caravaggios Altarbild „Die Enthauptung Johannes des Täufers“ aus dem Jahre 1608.

Auch sonst weiß Valletta zu bezaubern. Obwohl gerade einmal 0,84 Quadratkilometer groß, besticht die winzige Insel-Kapitale durch eine Vielzahl an imposanten Kirchen und Palästen, zum Teil über 400 Jahre alten Gebäuden, engen Gassen, steilen Treppen sowie den typisch maltesischen Kalksteinhäusern mit ihren bunt vorstehenden Balkonerkern. Nach Plänen von Francesco Laparelli, einem Schüler Michelangelos, ist Valletta im 16. Jahrhundert am Reißbrett schachbrettartig angelegt worden. Gewaltige Mauern umgeben die nur knapp 1500 Meter lange und 800 Meter breite Stadt auf der Halbinsel Sciberras zwischen den Naturhäfen Marsamxett und Grand Harbour.

Mehr Informationen:

Weitere Informationen: Visit Malta

Die Republic Street, die pulsierende Lebensader, führt vorbei am Royal Opera House und dem schmucken Großmeisterpalast, dem heutigen Sitz des Parlaments, in dessen „Tapestry Chamber“ eine wertvolle Sammlung von Gobelin-Wandteppichen zu bewundern ist, schnurgerade zum Fort St. Elmo. Die geschichtsträchtige Trutzburg am äußersten Ende der Halbinsel war 1565 während der „Great Siege“, der Großen Belagerung, die tragische Bühne für eine verzweifelte Schlacht gegen die drohende türkische Invasion. Sie hat ihre besten Tage jedoch lange hinter sich. Aber schon allein wegen des erstklassigen Ausblicks auf Valletta und den größten Tiefseehafen der Welt, den Grand Harbour, lohnt der Besuch.

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