China reagiert mit Importstopp Unter Protesten: Einleitung von Fukushima-Kühlwasser ins Meer hat begonnen

Von dpa | 24.08.2023, 06:27 Uhr | Update am 24.08.2023

Fischer und Nachbarstaaten protestierten lautstark. Trotzdem hat die Regierung Japans gut zwölf Jahre nach dem Super-Gau in Fukushima angefangen, Kühlwasser aus der Atomruine ins Meer zu leiten. Wie groß die Gefahr für die Umwelt ist und die Reaktion Chinas.

Japan hat mit der umstrittenen Einleitung gefilterten und verdünnten Kühlwassers aus der Atomruine Fukushima ins Meer begonnen. Das gab der Betreiberkonzern Tepco am Donnerstag bekannt. Ungeachtet großer Sorgen unter Fischern und Nachbarstaaten wie China leitete Tepco den ersten Schub an aufbereitetem Wasser in einen hierfür in den Pazifik gebauten, einen Kilometer langen Tunnel ein.

Begleitet wurde die Aktion von wütenden Protesten. Eine Gruppe von Bürgern demonstrierte nahe der Atomanlage mit Transparenten und Sprechchören gegen die Verklappung der insgesamt rund 1,34 Millionen Tonnen Kühlwasser im Pazifik.

China: Japan wird zum Verschmutzer der globalen Meeresumwelt

Auch China reagierte wütend: „Das gewaltsame Einleiten in den Ozean ist ein extrem egoistischer und unverantwortlicher Akt, der das globale öffentliche Interesse missachtet“, hieß es in einer Erklärung des Außenministeriums in Peking. Japan habe sich zu einem „Saboteur des ökologischen Systems und einem Verschmutzer der globalen Meeresumwelt gemacht“, hieß es

Im AKW Fukushima Daiichi war es im März 2011 in Folge eines schweren Erdbebens und gewaltigen Tsunamis zu Kernschmelzen gekommen. Die Reaktoren müssen seither mit Wasser gekühlt werden, das in mehr als 1000 Tanks gelagert wird.

Trotz Filtersystem: Radioaktives Isotop bleibt in Wasser

Doch nun geht der Platz für die Tanks laut Tepco aus. Zudem drohe eine langfristige Lagerung auf dem Gelände die Stilllegungsarbeiten an der Atomruine zu behindern. Auch könnten Lecks entstehen. Die Verklappung der riesigen Wassermengen wird voraussichtlich etwa 30 Jahre in Anspruch nehmen. Vor der Einleitung in den Pazifik wird das belastete Kühlwasser zwar aufbereitet, das Filtersystem kann das radioaktive Isotop Tritium aber nicht herausfiltern.

Tepco verdünnt das Wasser daher mit Meerwasser. Die Tritiumkonzentration habe bei einer Messung zwischen 43 und 63 Becquerel pro Liter betragen. Das liegt deutlich unter der nationalen Sicherheitsnorm von 1500 Becquerel pro Liter. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hatte der Verklappung zugestimmt und erklärt, Japan erfülle die internationalen Sicherheitsstandards. Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt seien „vernachlässigbar“.

Ärzteorganisation übt Kritik: „Anhaltendes Gefahrenpotenzial“

Genau diese Methode der Verdünnung kritisiert jedoch die Ärzteorganisation IPPNW. Die Gesamtmenge an radioaktiven Eintrag ins Meer bleibe dabei erhalten und sei ein anhaltendes Gefahrenpotenzial, so IPPNW-Arzt Jörg Schmid. Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigten, dass auch niedrige Strahlungsmengen zu Schäden der Gesundheit führen können, hieß es.

Über die nächsten 17 Tage werde man in einem ersten Schub rund 7800 Tonnen des Kühlwassers ins Meer leiten, hieß es. In dem noch bis Ende März nächsten Jahres laufenden Geschäftsjahr sollen insgesamt 31.200 Tonnen des aufbereiteten Kühlwassers in vier Schüben ins Meer abgeleitet werden. Dies entspricht dem Inhalt von etwa 30 Tanks.

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Fischer meiden Gewässer rund um Atomanlage, China stoppt Einfuhr

Japans Fischereibehörde will über die nächsten vier Wochen hinweg jeden Tag Meeresfrüchte auf radioaktives Tritium hin untersuchen. Die Testergebnisse sollen innerhalb von zwei Tagen veröffentlicht werden. Die Proben werden an zwei Stellen in einem Gebiet mit einem Radius von zehn Kilometern um die Atomruine herum genommen. Japans Fischer meiden bereits freiwillig Fanggründe in dieser Entfernung zur Atomanlage. Sie lehnten die Verklappung des Kühlwassers im Ozean bis zuletzt ab.

China hat als Reaktion auf die Einleitung des Kühlwassers ins Meer dennoch am Donnerstag die Einfuhr von Fischereiprodukten aus Japan gestoppt. Der chinesische Staatssender CCTV zitierte am Donnerstag aus einer Mitteilung der Zollbehörde in Peking, aus der diese Maßnahme hervorgeht. Außerdem würden weiterhin strenge Kontrollen bei der Einfuhr japanischer Lebensmittel durchgeführt.

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Auch Hongkong setzt Importbeschränkungen für Fischereiprodukte in Kraft

Die Zollbehörde sei „sehr besorgt über das Risiko einer radioaktiven Verseuchung“. Auch das chinesische Außenministerium hatte kurz zuvor scharf gegen die japanische Entscheidung protestiert. Schon zuvor galt in China ein Importverbot für Lebensmittel aus zehn japanischen Präfekturen, darunter auch Fukushima.

Die chinesische Sonderverwaltungsregion Hongkong setzte am Donnerstag ebenfalls Importbeschränkungen für Fischereiprodukte aus zehn japanischen Provinzen in Kraft. Der Schritt war zuvor angekündigt worden, sollte Japan mit der Einleitung beginnen.

Fachleute: Ableitung von AKW-Kühlwasser weltweit Routine

Seit dem Super-Gau 2011 versuchen die japanischen Fischer, sich von den Geschäftseinbußen durch das Desaster zu erholen. Nun befürchten sie, dass der Ruf ihrer Meeresprodukte erneut beschädigt wird – zu Recht, wie die Reaktionen Pekings und Hongkongs zeigen.

Fachleute verweisen indes darauf, dass die Ableitung belasteten Kühlwassers aus Atomkraftwerken weltweit Routine ist. Kritiker halten dagegen, dass es sich im Falle Fukushimas um kein normal funktionierendes AKW handele, sondern um zerstörte Reaktoren als Zeugnis der schlimmsten Atomkatastrophe seit Tschernobyl 1986.

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