„Das ist es wert“ So entstehen die Preise für regionale und nachhaltige Produkte

30.09.2022, 00:00 Uhr

von Larissa Gorskowski/ Vieles wird teurer, das spüren wir täglich beim Einkaufen. Bleiben Regionalität und Nachhaltigkeit dabei auf der Strecke? Wir rechnen vor: So setzen sich bei Fleisch und Gemüse die Preise regionaler Produkte zusammen.

Das vielfältige Angebot an Nahrungsmitteln lässt den Verbraucher das ein oder andere Mal mit einem fragenden Blick in die Regale schauen. Fleisch, Gemüse und Obst werden von zahlreichen Herstellern angeboten, die mit Geschmack und Qualität überzeugen wollen. Beim Kaufverhalten der Kunden macht sich jedoch bemerkbar, dass immer mehr Wert auf Regionalität und Nachhaltigkeit gelegt wird. Das vermeintliche Problem dabei: die höheren Preise. Aber für was?

Häufig fehlt für den Kunden die Transparenz zu entscheiden, ob es ihnen wert ist, einen höheren Preis für das Produkt direkt vom Hof zu zahlen. Es stellt sich die Frage, warum ist der Preis höher? Und ist es das wert?

Bewusst kaufen und ein bewusster Umgang mit Lebensmitteln leistet einen wichtigen Beitrag, um Ressourcenverschwendung zu reduzieren. Diese Wertschätzung Lebensmitteln gegenüber ist essenziell, um die Herstellung nachhaltiger Ressourcen zu fördern. Doch um diese Wertschätzung zu erreichen, ist Transparenz nötig.

Mehr Platz für glückliche Schweine

Am besten erkennbar wird es, wenn man die Kosten regionaler Lebensmittel, die direkt vom Erzeuger vermarktet werden, mit den konventionellen Produkten vergleicht, die man im Supermarkt erwerben kann. Ein gutes Beispiel dafür ist die Verarbeitung von Schweinefleisch.

Frank Alswede vom Hof Alswede in Gehrde hat sich bei der Schweinezucht auf das Bentheimer Schwein fokussiert. Während konventionelle Sauen 36 Ferkel pro Sau und Jahr aufziehen, ziehen seine Bentheimer Sauen lediglich 18 Ferkel auf. Die tägliche Zunahme bei den Bentheimern liegt bei ca. 400 g, bei den konventionellen Schweinen 800 g.

Legt man einen Preis von 1,50 Euro pro kg für die konventionelle Schweinehaltung zugrunde, muss für die Haltung von Bentheimer Schweinen mindestens das Doppelte verlangt werden. Zusätzlich entstehen noch Kosten für eine artgerechtere Haltungsform, die sowohl Tierwohl, Qualität und Nachhaltigkeit verbessern soll.

Ein Beispiel für eine artgerechte Haltungsform von Schweinen ist das Aktivstallkonzept, das Gabriele Mörixmann aus Hilter 2012 gemeinsam mit ihrer Familie entwickelte. Beim Aktivstallkonzept wird bis zur Omasau (Zuchtsau) zurückgedacht.

Die Zuchtsau bekommt Platz, Auslauf und Stroh zum Wühlen. Die tragende Muttersau bekommt zusätzlich Zonen zum Kühlen. In der säugenden Phase können sich Mutter und Ferkel im freien Abferkeln bewegen. Dadurch schlagen sich Mehrkosten in Höhe von 20 Cent pro kg auf den Preis nieder.

Um das Abbeißen der Ringelschwänze unter den Ferkeln zu verhindern, werden den Tieren bis 25 kg ausreichend Beschäftigungsmöglichkeiten geboten. Dadurch entstehen weitere Kosten in Höhe von 10 Cent pro kg.

Tiere ab 25 kg erhalten doppelt so viel Platz wie in der konventionellen Schweinehaltung. Dazu gehört eine Beschäftigungswelt mit Stroh, Ausläufen, Ruhezonen und Suhlmöglichkeiten, sowie gentechnikfreie Fütterung aus Getreide, Heu, Silagen und Wühlerde. Das bedeutet Mehrkosten in Höhe von 55 Cent pro kg. Durch das Aktivstallkonzept entstehen also insgesamt Mehrkosten von 95 Cent pro kg.

Legt man die Kosten für die Haltung von Bentheimer Schweinen und eine artgerechte Haltung zugrunde, entstehen Haltungskosten in Höhe von ca. 4 Euro pro kg, im Gegensatz zu 1,50 Euro pro kg bei einer konventionellen Schweinehaltung. Zusätzlich entstehen Kosten in Höhe von ca. 5,50 Euro pro kg für Schlachten, Zerlegen, Verarbeitung und Verpackung, wodurch ein Preis von ca. 9,50 Euro pro kg entsteht.

Gemüse – zeitsparend und trotzdem nachhaltig

Auch bei der Verarbeitung von regionalem Gemüse ist dieser Preisunterschied zu erkennen. Was macht hier den Unterschied zur Industrieware, die man im Supermarkt kaufen kann?

Anke Bertke aus Ankum verarbeitet beispielsweise Rotkohl vom Hof Alswede in Handarbeit. Bertke nimmt den Kunden, die sich trotz eines vollen Zeitplans mit regionalen Lebensmitteln versorgen wollen, das Einmachen von Rotkohl ab. Dabei werden eher kleinere Mengen verarbeitet. Wie schlägt sich das auf den Preis nieder?

Die Arbeitszeit bei der Verarbeitung von 15 Gläsern á 300 g Rotkohl liegt bei ca. 3 ¾ Stunden. Darin enthalten ist die Vorbereitung und Sterilisation von Gläsern und Deckeln, Schneiden und die verzehrfertige Zubereitung des Rotkohls, sowie das Abfüllen in die Gläser, die Erstellung von Etiketten und das Verpacken der Gläser. Legt man Personalkosten in Höhe von 20 Euro pro Stunde zugrunde, ergeben sich Verarbeitungskosten in Höhe von 75 Euro für 15 Gläser Rotkohl.

Dazu kommen noch die Materialkosten. Für 15 Gläser inklusive Deckel werden 10,95 Euro berechnet, 3 Euro kommen für Wasser, Apfelessig, Sonnenblumenöl, Zucker, Salz, Lorbeerblätter, Nelken, Wacholderbeeren und Pfeffer hinzu. Zusammen mit Stromkosten in Höhe von ca. 70 Cent und 5% Aufschlag als Einkommen für den Dienstleister liegt die Produktion von 15 Gläsern Rotkohl bei 94,13 Euro. Rechnet man die Mehrwertsteuer von 7% dazu, liegt man bei 100,72 Euro.

Das bedeutet, pro Glas entstehen Kosten von 6,71 Euro ohne Hauptzutat. Rechnet man den Rotkohl vom Landwirt Alswede dazu, kommt man je nach Rotkohlpreis auf einen Preis von ca. 8,82 Euro pro Glas. Bei einer Produktionsmenge von 60 fertigen Gläsern steigt die Arbeitszeit unterproportional um den Faktor 2,7.

Dadurch können pro Glas etwa 2 Euro bei den Personalkosten eingespart werden. So ergibt sich ein Preis von ca. 6,82 Euro pro Glas. Je höher die Produktionsmenge, desto geringer sind die Kosten pro Glas. Allerdings sind diese Mengen irgendwann nur noch mit Maschinenunterstützung zu bewältigen.

Das verarbeitete Produkt ist ein Convenienceprodukt. Es muss also nur noch erhitzt werden, um verzehrbereit zu sein. Der Kunde spart dadurch viel Zeit und erhält trotzdem ein regionales und nachhaltiges Lebensmittel, das in Handarbeit hergestellt wurde.

Nachhaltigkeit ist seinen Preis wert

Die Zeit für die Planung und Rezepterstellung findet sich in der Kostenaufstellung nicht wieder, ebenso wie die Maschinenkosten und die Genehmigungs- und Prüfungsgebühren .Zudem wird das verarbeitete Produkt direktvermarktet. Das bedeutet, dass die Produkte nicht über den Supermarkt verkauft, sondern direkt vom Erzeuger verkauft werden. Dies geschieht beispielsweise über einen eigenen Hofladen oder über den Wochenmarkt. Dadurch entstehen zusätzliche Kosten, da Zeit für die Eigenvermarktung aufgebracht werden muss.

Durch Handarbeit und Verarbeitung kleinerer Chargen entstehen höhere Preise als bei konventionellen Produkten, die industriell hergestellt werden. Doch dafür erhält der Kunde ein regionales, nachhaltiges und qualitativ hochwertiges Produkt. Die Lebensmittel schmecken nicht nur gut, sie sind auch besser für die Umwelt und für die Tiere, was gleichzeitig eine Verbesserung des Gemeinwohls mit sich bringt.

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