Gesundheitsgefahr Klimawandel Macht Deutschland bald auch Siesta? Ein Bundesland spekuliert über Hitze- und Sonnenschutz

Von dpa | 28.06.2023, 15:29 Uhr

Die „Siesta“ am Mittag und kostenfreie Sonnencreme-Spender könnten aus Sicht der SPD-Opposition auch in Nordrhein-Westfalen eine pragmatische Antwort auf zunehmende Hitze sein. Aber auch obdachlose Menschen müssen in dem Prozess berücksichtigt werden.

„Die Niederlande machen es vor: Alte Desinfektionsspender aus den Corona-Jahren wurden zu Sonnencreme-Spendern umfunktioniert“, erklärte die Vizevorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Lisa-Kristin Kapteinat, in Düsseldorf. So müssten nicht einmal neue Spender angeschafft werden, und jeder habe Zugang zu Sonnenschutz. Ein Modell, das aktuell schon in den Niederlanden umgesetzt wird. Gleichzeitig könnten Arbeitszeiten, wie in Südeuropa, in die frühen Morgen- und späteren Abendstunden verlagert werden.

Der Klimawandel ist gesundheitsgefährdend

Der Klimawandel gehe mit zunehmenden Gesundheitsgefahren einher, betonte die SPD-Politikerin. Von bundesweit rund 4500 Hitzetoten, die das Robert Koch-Institut für das vergangene Jahr gemeldet hatte, sei der Westen mit etwa 2000 Fällen am stärksten betroffen gewesen. Gleichzeitig sei laut Statistischem Bundesamt die Zahl der Todesfälle durch Hautkrebs bundesweit um 55 Prozent im Vergleich zu 2021 gestiegen.

Kapteinat sprach sich unter anderem für eine flächendeckende Errichtung kostenloser Trinkwasserbrunnen aus. Derzeit kämen nur rund 130 Trinkwasserbrunnen auf 396 Gemeinden in NRW, kritisierte sie. In Köln und Düsseldorf etwa seien es jeweils 13, in Dortmund 31, in Krefeld und Wuppertal bloß jeweils einer. In Paris hingegen seien sie in der ganzen Stadt verteilt.

Grafik: Die bisher wärmsten Jahre in Deutschland

Auch will NRW weitere Maßnahmen für Wohnungslose installieren: Sie sollen in den Sommermonaten erneut Hilfe durch das NRW-Sozialministerium erhalten. Wie schon im vergangenen Jahr werden 250.000 Euro etwa für Sonnensegel, Sonnencreme, Trinkflaschen und Sommerschlafsäcke zur Verfügung gestellt, wie das Ministerium mitteilte. Träger der Wohnungslosenhilfe sollen das Geld erhalten.

Hitze und Sonne ohne Schutz ausgesetzt

„Neben Kindern, alten Menschen und Schwangeren leiden Menschen, die auf der Straße leben besonders unter den hohen Temperaturen im Sommer“, teilte Gesundheits- und Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) mit. Sie seien der Hitze und der Sonne ohne Schutz ausgesetzt und hätten zudem oft eine schlechte gesundheitliche Verfassung. Mehr als 100 Träger stehen laut Ministerium landesweit bereit, um die Hilfsmittel mit dem Geld anzuschaffen und zu verteilen.

„Auch wenn die Fördersumme überschaubar ist, mit der Sommerhilfe unterstützt das Sozialministerium unbürokratisch und schnell“, kommentierte Christian Woltering, Landesgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands in NRW. Es sei ein Schritt in die richtige Richtung, dem weitere folgen müssten. „Mangelnde Zufluchtsorte oder der Zugang zu Trinkwasser – es gilt eine gemeinsam abgestimmte Strategie zwischen Land, Kommunen und den Anbietern von Hilfen zu entwickeln.“

Hitzehilfen für Obdach- und Wohnungslose sind in den nordrhein-westfälischen Städten teils schon etabliert. So teilte die Stadt Düsseldorf mit, der Ordnungsdienst sowie auf Verbandsebene organisierte Streetworker hielten „engen Kontakt“ zu den Menschen. „Sie werden beraten, wie sie sich vor der Sonne schützen können und darüber hinaus wird Wasser verteilt. Die Tagesstätten bieten dem Personenkreis zudem Schutz vor direkter Sonneneinwirkung“, sagte eine Stadtsprecherin. Auch in Bielefeld werden obdachlose Menschen an heißen Tagen von Streetworkern aufgesucht und etwa mit Trinkflaschen, Kühlhandtüchern und Sonnencreme versorgt, wie das Sozialamt berichtete.

Landesregierung muss einen Sonnenschirm spannen

„Die Landesregierung muss deshalb einen Sonnenschirm spannen für all diejenigen, die sich einen wirksamen Schutz vor den Folgen der Klimakrise selbst nicht leisten können“, forderte Kapteinat. NRW brauche „ein Aktionsbündnis für soziale Klimagesundheit“, um Risikogruppen besser zu schützen. Zusammen mit Ärzten, Wissenschaft, Pflege, Wohlfahrtsverbänden, Gewerkschaften und Betroffenen seien Handlungsfelder zu definieren. Dazu gehöre auch ein Leitfaden für die kommunalen Hitzeschutz-Pläne.

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