„Gesundheit im Gespräch“ Diagnose Demenz – was nun?

19.09.2022, 09:03 Uhr

Krankheitsdiagnosen hört niemand gerne – aber gerade diese ist so unbeliebt, dass es, wie PD Dr. Ralf Dittrich, der Direktor der Klinik für Neurologie und Leiter der Stroke Unit des Marienhospitals (MHO) der Niels-Stensen-Kliniken, berichtet, oft umso länger hinausgezögert wird, damit zum Arzt zu gehen. „Dabei ist das bei Anzeichen für eine Demenz genau der falsche Weg“, sagt der Neurologe. „Je früher eine solche Erkrankung erkannt wird, desto besser wirken die Medikamente, mit denen sich der Verlauf bremsen lässt.“

Dittrich und die Pflegewissenschaftlerin Clara Heuer von der Stabsstelle Pflegewissenschaft am Marienhospital gehen am Mittwoch, 28. September, 18 Uhr, beim nächsten Vortragsabend der Reihe „Gesundheit im Gespräch“ der Niels-Stensen-Kliniken im NOZ-Medienzentrum auf die besonderen Herausforderungen beim Umgang mit einer Demenzerkrankung für Patienten und ihre Angehörigen ein.

Unter der Überschrift „Diagnose Demenz – was nun?“ erklären Dittrich und Heuer zunächst die Anzeichen und Erscheinungsformen der Erkrankung, bei der die Betroffenen mehr und mehr alle geistigen Fähigkeiten verlieren. Sie erläutern, auf welche Krankheitsverläufe sich Betroffene und Angehörige einstellen müssen und welche Herausforderungen damit verbunden sind. Außerdem gehen sie darauf ein, welche Hilfen es gibt, mit denen die Bewältigung des Alltages und später die Pflege der Erkankten adäquat gesichert werden können.

Der Vortrag von Dittrich und Heuer ist für Besucher im NOZ-Medienzentrum am Breiten Gang zugänglich und wird wieder zusätzlich ins Internet übertragen. Der Live-Stream kann unter der Adresse www.noz.de/demenz eingeschaltet werden. ffn-Moderator Moritz Zachow führt durch den Abend. Dittrich und Heuer gehen auch auf Fragen ein, die an dem Abend von Zuschauern gestellt oder zuvor per E-Mail an sie gerichtet werden. Das Einsenden von Fragen ist über die E-Mail-Adresse gesundheit-im-gespraech@noz.de möglich.

Wie Dittrich erklärt, gehören Demenzerkrankungen zu den häufigsten Gesundheitsproblemen von Menschen in höherem Lebensalter, wobei die steigende Lebenserwartung dazu führt, dass die Anzahl der Patienten wächst. Zurzeit sind nach seinen Angaben bereits 1,8 Mio. Menschen in Deutschland von einer Demenzerkrankung betroffenen, der allergrößte Teil in der Altersgruppe über 65 Jahren. „Bei einem Durchschnittsalter von 82 Jahren, das wir mittlerweile in Deutschland erreichen, ist es ein relevanter Anteil der Bevölkerung, der von einer solchen Erkrankung betroffen sein kann und sich damit befassen muss, wie er einmal damit umgehen wird“, sagt Dittrich. „Auch ich selbst gehöre dazu.“

Nach den Infos von Dittrich geht eine Demenz in über 60 Prozent aller Fälle auf eine Alzheimer-Erkrankung zurück. Zu den weiteren Formen gehören vaskuläre Demenzerkrankungen, die von Durchblutungsstörungen im Gehirn ausgelöst werden. Weitere Formen werden von Vorerkrankungen wie Alkoholsucht oder Stoffwechselstörungen ausgelöst, bei denen es möglich ist, diese Grunderkrankungen zu behandeln und so auch auf die Symptome der Demenz einzuwirken. Aber die allermeisten Demenzen sind „irreversibel“, also unumkehrbar. Anfangs sind oft Kurzzeitgedächtnis und Merkfähigkeit gestört, im weiteren Verlauf gehen auch das Langzeitgedächtnis und alle erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten verloren. Weil sich die Erkrankung schleichend einstellt, wird sie häufig erst spät erkannt. „Dabei geht den Betroffenen die Chance verloren, sich mit der Krankheit und ihren Folgen zu befassen. Auch deswegen ist es so wichtig, Symptome nicht verdrängen, sondern so früh wie möglich zu einer Diagnose zu kommen und sich bewusst damit zu befassen.“ Erste Anzeichen können es sein, laufend nach Schlüsseln zu suchen oder im Parkhaus oft nicht den Wagen zu finden. „Bei Stress oder Ablenkungen passiert so etwas jedem. Aber es darf nicht laufend vorkommen.“

Wie der Arzt erklärt, gibt es zwar vielversprechende Ansätze in der Arzneimittelforschung, aber derzeit existieren noch keine Therapien, die eine Demenzerkrankung heilen oder umkehren können. „Aber uns stehen Medikamente zur Verfügung, die den Verlauf und das Fortschreiten der Symptome verzögern können. Sie wirken umso besser, je früher mit der Behandlung eingesetzt wird. Auch darum ist es so wichtig, frühzeitig zu einer Diagnose zu kommen.“

Die weitere Behandlung ziele darauf, die Lebensqualität der Erkrankten zu erhalten und zu verbessern. „Es gibt eine Reihe von Medikamenten, mit denen wir wirkungsvoll gegen Begleitsymptome wie Unruhe, Ängste, Sinnestäuschungen und Schlafstörungen vorgehen können. Es spielen aber auch nicht-medikamentöse Therapien eine wichtige Rolle, mit denen die Erkrankten ihre verbleibenden geistigen Fähigkeiten trainieren, die Diagnose bewältigen und ihr Selbstwertgefühl stärken können“, so Dittrich. „Es hängt von der Persönlichkeit ab, was dabei sinnvoll ist – es sollten geistige Aktivität angeregt sowie Sinne und Wahrnehmung geübt werden. Bei uns im Haus nutzen wir ,smarte‘ Therapiebälle, mit denen sich Demenzerkrankte beschäftigen können – das ist sehr sinnvoll, um die Erkrankten in der ungewohnten Umgebung des Krankenhauses abzulenken, die sonst sehr schwierig für sie ist.“

Dittrich und Heuer haben das weithin beachtete Projekt „Demenz- und Delirsensibles Krankenhaus“ initiiert, in dem in den vergangenen zwei Jahren alle MHO-Mitarbeitenden aus Medizin und Pflege darin geschult wurden, Demenzerkrankungen bei Patienten zu erkennen und adäquat mit ihnen umgehen zu können. „Demenzerkrankte stürzen häufiger und erleiden häufiger Lungenentzündungen, sie kommen öfter ins Krankenhaus und bleiben länger. Bei vielen von ihnen ist die Erkrankung noch nicht erkannt und wir werden künftig mit einer wachsenden Anzahl von solchen Patienten konfrontiert sein – also haben wir uns bereits jetzt darauf eingestellt. Es gibt ähnliche Projekte in anderen Häusern der Stensen-Gruppe – wir sehen vor, dass so etwas überall gemacht wird.“

Heilen lassen sich Demenzerkrankungen nicht – aber es gibt Möglichkeiten, dem Risiko vorzubeugen. „Es kann erbliche Veranlagungen geben – aber grundsätzlich spielen ein gesunder und aktiver Lebensstil eine wichtige Rolle, wobei es auf die Ernährung ebenso ankommt wie auf Bewegung. Weiter ist das Gehör besonders wichtig – Schwerhörigkeit ist ein echter Risikofaktor“, so Dittrich.