„Glückliche Abstinenz“ Seit fünf Monaten trocken dank Suchtkompetenzzentrum des Klinikums Osnabrück

15.09.2022, 08:41 Uhr

„Es bleibt definitiv eine lebenslange Arbeit“, sagt Andreas F. (Name von der Redaktion geändert). „Aber für mich ist es eine glückliche Arbeit und eine glückliche Abstinenz. Der Unterschied zu früher ist, dass ich sie für mich selbst mache und nicht aus äußeren Gründen, durch die es ein Kampf gegen Windmühlen war.“ 

Der 52-Jährige ist seit fünf Monaten „trocken“. Er hat sich einem Alkoholentzug im Suchtkompetenzzentrum des Klinikums Osnabrück und direkt im Anschluss einer stationären Langzeitentwöhnung in der ebenfalls von dem kommunalen Krankenhaus betriebenen Fachklinik Möhringsburg unterzogen. Für F. war es quasi der letzte Rettungsanker, sich in die Behandlung von Chefarzt Karsten Meyer und seinem Team zu begeben.

„Ich war ein Wochenendtrinker. Ich bin freitags nach der Arbeit angefangen und habe bis Sonntagabend durchgetrunken. Erst Bier, Wein und Cocktails und dann Whiskey und Rum. Zum Schluss habe ich direkt aus der Flasche und ganz viel heimlich getrunken.“ Und es seien solche Mengen gewesen, dass es lebensbedrohlich war. „Ich hatte die Kontrolle verloren.“

Dass er aufhören muss mit dem Alkohol, sei ihm klar geworden, nachdem er sich am Morgen nach einer Feier im Familienkreis in einem Krankenhaus wiedergefunden habe. „Ich weiß nicht, wie ich dorthin gekommen bin. Nachdem wir heimgekehrt sind, war ich nicht mehr ansprechbar, so dass meine Frau den Krankenwagen gerufen hat. Ich hatte einen Alkoholwert von 4,2 Promille – so viel, dass es für einen ungeübten Trinker tödlich gewesen wäre. Da ist mir klar geworden, dass es so nicht mehr weiter geht.“

„Der Absturz war für meine eine Art Brustlöser“

Nach der Entlassung habe er das Glück gehabt, dass er innerhalb von nur zwei Tagen den Alkoholentzug im Klinikum Osnabrück und gleich anschließend die Therapie in der Fachklinik Möhringsburg aufnehmen konnte. „Ich hatte meinen Hausarzt und einen Therapeuten um Hilfe gebeten. Mein Hausarzt hat Herrn Meyer kontaktiert, mit dem er in einem Netzwerk zusammenarbeitet (ÄrOs e.V.), und daraufhin habe gleich einen Platz bekommen“, berichtet F.. „Für mich war dann wichtig, eine Therapie machen zu können. Es war bereits meine zweite Entgiftung und es war mir klar, dass ich es allein nicht schaffen würde.“

Vorher sei er seit Oktober abstinent gewesen und auch davor sei es ihm gelungen, manchmal mehrere Wochen lang nichts zu trinken. „Damit habe ich mir vorgemacht, dass ich ja kein Problem haben würde. Aber das hat eben nicht gestimmt“, sagt. F. „Für mich war es ein ganz langer Weg, es mir selbst einzugestehen. Geoutet habe ich mich bei der Entgiftung im Klinikum. Der Absturz vorher war für mich eine Art ,Brustlöser‘, durch den ich es mir selbst und anderen eingestehen konnte.“

Es sei ein Glücksfall für ihn gewesen, dass er sich für den Entzug ins Suchtkompetenzzentrum des Klinikums begeben habe, in dem die Spezialisten sein Alkohol-„Problem“ als schwerwiegende Erkrankung erkannt und ihn in eine passende Behandlung übergeleitet hätten. „Das habe ich bei meinem ersten Entzug anders erlebt. Ich habe mich bei Karsten Meyer und seinem Team vom ersten Moment an fachlich wie menschlich gut versorgt gefühlt – vor allem haben sie mich zum Übergang in die Therapie auch enorm gut bei allen Fragen mit den Kranken- und Rentenversicherungen begleitet.“ Diese Hilfe sei ebenfalls eine wichtige Unterstützung für ihn gewesen.

„Der einzige, der mich therapieren könnte, sei ich selbst“

F. war zwei Wochen lang in der Entgiftung und dann 18 Wochen lang in der Therapie. „Mir hat es gut gefallen, dass ich in der Fachklinik von den Ärzten, Therapeuten und Mitarbeitern weiterbetreut worden bin, mit denen ich es schon vorher im Entzug zu tun hatte. Dadurch konnten wir in der Therapie an die Gespräche in den ersten zwei Wochen anknüpfen.“ Für ihn habe in der Behandlung alles gepasst und er habe viel gelernt. „Für mich war am Anfang besonders wichtig, meine Scham- und Schuldgefühle hinter mir zu lassen. Im Verlauf haben wir uns mit vielen Themen befasst, die nützlich sind – etwa Stressbewältigung, gesunder Schlaf und Umgang mit Konflikten“, so F.. „Das Wichtigste habe ich auf eine Nachfrage erfahren. Als ich wissen wollte, wie mir die Therapeuten helfen könnten, haben sie gesagt, dass sie es gar nicht können. Der einzige, der mich therapieren könnte, sei ich selbst – sie würden mir nur zeigen, wie es geht.“

F. geht vor seiner Frau, in der Familie, bei Freunden und Nachbarn und sonst in seinem Umfeld offen mit seiner Alkoholerkrankung um. Er lebt in der weiteren Umgebung von Osnabrück und arbeitet in einem angesehenen technischen Beruf. Er sei, wie er berichtet, als 16- oder 17-Jähriger mit der Sportmannschaft ans Biertrinken gekommen. „Mein Verhängnis waren Whiskey und Rum, mit denen ich vor etwa zehn Jahren angefangen bin.“ Dass es überhandnehme, habe er nicht sehen und hören wollen. „Ich habe mir selbst etwas vorgemacht und um es zu vermeiden, dass meine Frau oder Freunde mich trinken sehen, habe ich heimlich getrunken“, so. F.

Seiner Frau sei es aber trotzdem aufgefallen. „Ich habe mich unter Druck gesetzt gefühlt, wenn sie es gemerkt und etwas dazu gesagt oder gefragt hat. Dadurch habe ich mich auch vor ihr zurückgezogen und nur noch mehr heimlich getrunken“, berichtet er. „Das war ein Teufelskreis, bei dem sich große Beziehungsprobleme bei uns eingestellt haben. Ich bin meiner Frau von ganzem Herzen dankbar dafür, dass sie immer noch da ist und dass sie das alles mitgemacht hat. Und ich wünsche mir zutiefst, dass unsere Ehe es übersteht.“

Mehr Informationen:

Leistungen des Suchtkompetenzzentrums

Akutentgiftung:
Im Suchtkompetenzzentrum werden Menschen mit Alkohol-, Cannabis oder Medikamentenabhängigkeit behandelt. Als erster Schritt wird die Akutentgiftung eingeleitet. Hierbei handelt es sich um eine medizinisch unterstützte Entgiftung, die etwa drei bis fünf Tage dauert.

Qualifizierter Entzug – Motivationsbehandlung:
Anschließend werden die Patienten in einem Zeitraum von 9 bis maximal 14 Tage internistisch und therapeutisch behandelt. Die Motivationsbehandlung soll dabei die Eigeninitiative fördern. Dies geschieht durch bedarfsgerechte Unterstützung und Beratung durch den Sozialdienst, Vermittlung an das weiterführende Suchthilfesystem, Physio- und Ergotherapie und die Einübung von stützenden Tagesstrukturen sowie Entspannungsmaßnahmen. Die Patienten werden durch ein speziell weitergebildetes Pflegeteam versorgt. Auch Suchtfolgeerkrankungen werden in dem Zusammenhang ärztlich behandelt. Bei Bedarf können die Patienten auch in die Langzeitentwöhnungsbehandlung vermittelt werden.

Entwöhnungsbehandlung:
Die Entwöhnungsbehandlung wird an der Fachklinik Möhringsburg durchgeführt, die Teil des Suchtkompetenzzentrums der Klinikum Osnabrück GmbH ist. Die Langzeitentwöhnung fi ndet über einen Zeitraum von 8 - 15 Wochen statt. Im Einzelfall kann die Behandlung auch bis auf 26 Wochen verlängert werden. Sie umfasst ärztliche, psychologische und soziale Behandlungsschwerpunkte. Unterstützt wird die Behandlung durch ein multidisziplinäres Team aus Ärzten, Psychologen, Sozialarbeitern, Physiotherapeuten und einem speziell weitergebildeten Pflegeteam. Möglich sind dabei sowohl stationäre als auch ganztägig ambulante Aufenthalte. Dabei ist auch eine Substitutionsbehandlung oder eine Behandlung im Rahmen des Kombi-Nord-Modelles möglich, bei der sich stationäre und ambulante Phasen abwechseln.

Die Behandlung beinhaltet eine umfassende Diagnostik, mit darauffolgender Psychotherapie in Einzel- und Gruppenformen. Sollten bereits psychiatrische oder internistische Erkrankungen bestehen, werden diese ebenfalls durch die Fachärzte der Klinik behandelt. Auch körperliche Folgeerkrankungen werden in Kooperation mit dem Klinikum Osnabrück behandelt.

Zur Behandlung gehören Physiotherapie, Gleichgewichts- und Koordinationstraining, Ergo- und Arbeitstherapie sowie Maßnahmen zum Erhalt und zur Wiederherstellung der beruflichen Leistungsfähigkeit. Im Zuge dessen können auch Praktika in umliegenden Betrieben vermittelt werden. Das alles geschieht mit Einbezug von Bezugspersonen und – sofern gewünscht – des Arbeitgebers. Nach der Behandlung werden nachsorgende Hilfen eingeleitet, wie beispielsweise eine ambulante Weiterbehandlung und Nachsorge. Die Patienten werden dabei stets von einem Bezugstherapeuten betreut und nach einem individuellen Behandlungsplan behandelt.

Die Patienten werden während des Aufenthaltes in Ein- oder Zweibettzimmern untergebracht. Die Zeit außerhalb der Therapiezeit kann frei gestaltet werden und am Wochenende darf Besuch empfangen werden. Unterstützt werden auch gemeinsame Aktivitäten mit Mitrehabilitanten sowie organisierte Freizeit-Aktivitäten, wie Kino- oder Zoobesuche.

Mehr Informationen über das Suchtkompetenzzentrum erhalten Sie hier.

Erfahren Sie mehr über das Klinikum Osnabrück.

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