Jung, divers, nah dran Warum die NOZ jetzt auch auf TikTok ist

Eine Kolumne von Leonie Plaar | 26.11.2021, 14:30 Uhr

Auf TikTok klären reichweitenstarke Creator*innen über eine Reihe diverser Themen auf. Sie sind Schwarz, queer, trans, migrantisch... und sie kommen an. Was klassische Medienhäuser daraus lernen können und warum wir von der NOZ dort jetzt auch mitmachen.

TikTok, das ist die App, die vergangenes Jahr noch als Kinder-Tanz-Plattform belächelt wurde und inzwischen Social-Media-Giganten wie Facebook ins Schwitzen bringt. Die chinesische Plattform wächst rasant, im September meldete der Mutterkonzern ByteDance, die Marke von einer Milliarde Nutzer*innen überschritten zu haben. Was die App so erfolgreich macht und warum die NOZ dort jetzt auch mitmischt.

Ein Erklärungsversuch

Ich - Leonie Plaar - bin ein wandelndes Klischee, das mal gleich vorweg. Ich gehöre zur Millennial-Generation, habe mir im Lockdown TikTok heruntergeladen, nach einigen Wochen des reinen Konsums selbst angefangen, Videos zu produzieren und bin kein Jahr später hauptberuflich Content Creatorin. Social Media bestimmt inzwischen meinen Alltag, TikTok steht dabei im Mittelpunkt. Dort erreiche ich mit politischen Analysen, historischen Lehrvideos und feministischen Betrachtungsweisen regelmäßig ein Publikum, das weit über meine 400.000 Abonnent*innen hinausgeht. Dass die Plattform so erfolgreich ist und immer erfolgreicher wird, hat meiner Einschätzung nach mehrere Gründe:

Jede*r hat eine Stimme

TikTok ist im Konzept und im Design die bisher wohl demokratischste Social Media Plattform, die derzeit existiert. Wer ein Smartphone hat, kann mitmachen. Anders als beispielsweise bei YouTube braucht man kein Kameraequipment oder teure Schnittprogramme. Filmen, bearbeiten, hochladen – alles passiert in der App. Das senkt die Hemmschwelle, eigene Videos zu produzieren und sich an der öffentlichen Diskussion zu beteiligen. So werden auf TikTok Menschen sichtbar, die dies aufgrund von Gatekeeping und fehlender Zugangsmöglichkeiten sonst häufig nicht sind.

Mehr Informationen:

Gatekeeping bezeichnet die Beschränkung des Zugangs bestimmter Räume oder Diskurse für bestimmte Gruppen aufgrund von Identität, sozialer Stellung oder anderen Faktoren.

Diversität

Queer, Schwarz, Migrantisch - auf TikTok haben marginalisierte Gruppen einen Ort gefunden, um sich auszutauschen und sichtbar zu sein. Wer ihnen dabei zusieht, kann im besten Fall auch noch etwas über Lebensrealitäten lernen, die sich von der eigenen unterscheiden. Der Erfolg von Creator*innen wie Desi ( @dxesi_ ), Franka (@ thetransgenderfairy ) und Rima ( @rima.luu ) zeigt nicht nur, dass diverse Inhalte ein großes Publikum erreichen können. Er beweist auch, dass es ein Bedürfnis danach gibt, das über das des Publikums hinaus geht, welches sich selbst in diesen Inhalten abgebildet sieht. Davon nehmen auch Medienhäuser zunehmend Notiz. Zuletzt haben die Einschaltquoten der lesbischen Dating-Show „Princess Charming“ demonstriert, dass eine queere Sendung auch ein nicht-queeres Publikum abholt.

Meine Bubble findet mich

Ein Running Gag unter queeren Nutzer*innen lautet: „Ich habe X Jahre gebraucht um zu wissen, dass ich queer bin, der TikTok Algorithmus wusste es nach zehn Minuten.“ ByteDance hat maschinelles Lernen so weit entwickelt, dass die Nutzer*innen auf TikTok nicht nach der eigenen Community suchen müssen, die Community findet sie. So bekomme ich dort Inhalte zu sehen, die mich und meine Themen abbilden. Natürlich hat das auch Nachteile, besonders wenn es um Rechtsextremismus und Falschinformationen geht. Für marginalisierte Menschen bedeutet es aber zunächst einmal, dass die Plattform einen Safe Space bietet, den sie in den sogenannten „klassischen Medien“ nicht bekommen. So können gesellschaftliche Diskurse stattfinden, die im regulären Medienbetrieb oft untergehen oder von Rechten gekapert werden. Das alles in einer Aufmachung und Sprache, die ankommt, mit diversen Identifikationsfiguren und Gendersternchen.

Die NOZ ist mit dabei

Was bedeutet das nun für uns als Medienschaffende? Es bedeutet, sich entscheiden zu müssen: den Anschluss verpassen oder mitmischen, mitreden und lernen. Die Neue Osnabrücker Zeitung hat sich zum Glück für Letzteres entschieden und geht ab heute mit einem eigenen TikTok-Format an den Start: @nebenan.report.

Hier stehen die Menschen und Identitäten im Mittelpunkt, die gleich nebenan stattfinden. Es ist die Art von Format, die ich mir als queere Frau schon lange gewünscht habe und nun selbst ins Leben rufen durfte. Nebenan ist weiblich, queer, Schwarz, migrantisch, nicht-binär/genderfluid, facettenreich. Zugänglich für alle zum Zuhören, Mitreden, sichtbar sein.

Ihr habt eine Geschichte, die im nebenan.report erzählt werden sollte? Dann schickt Leonie eine E-Mail an tiktok@noz.de oder meldet euch direkt auf TikTok!