Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Mein Kind durfte böllern – aber nur aus Versehen

Von Daniel Benedict | 01.01.2017, 14:35 Uhr

Wer das Silvesterfest mit dem Nachwuchs überstehen muss, ist am Morgen nicht nur wegen der wilden Feier erschöpft.

In der letzten Woche hat Corinna Berghahn ein Weihnachtsfest auf Reisen bejubelt und ihren Brieffreund gefragt: „Darf Dein Kind schon mit Feuerwerkskörpern hantieren?“. Dies ist die Antwort von Daniel Benedict:

Liebe Corinna!

Die Idee des Feuerwerks hat mich immer begeistert, aber nur theoretisch – als Ausdruck eines Jubels, der den ganzen Himmel erfüllt, als flüchtige Momentschönheit, die sich im fernen Glanze selbst verbrennt. Gegen die Praxis habe ich den zentralen Einwand: Den Sekunden des Glücks stehen Wochen voller deprimierendem Müll auf den Straßen gegenüber. Und seit ich Kinder habe, nehme ich Feuerwerk außerdem als grauenvolle Gefahr wahr. Unsere Silvesterfeier begann deshalb mit einer hässlichen Szene, in der ich mit dem Fahrradanhänger die Kellertreppe heruntergestolpert bin, damit er draußen nicht in Flammen aufgeht.

Dass es überhaupt Böller gibt, brauchen meine Kinder erstmal gar nicht zu erfahren. Umso größer wird dann die Freude, wenn die Jungs zum 15., vielleicht auch schon zum 14. Geburtstag ihre erste Packung Knallerbsen bekommen. Um Deine Frage in also einem Satz zu beantworten: Meine Kinder dürfen selbstverständlich nichts Brennbares in die Finger kriegen, geschweige denn Raketen. Auch ich selbst, so mein feierlicher Schwur, werde nie eine Zündschnur berühren.

In diesem Jahr musste dieses Prinzip leichte Abstriche hinnehmen, weil wir mit sehr abenteuerlustigen Freunden gefeiert haben. Ehrlich gesagt, habe ich sogar selbst eine Handvoll Hexen und Hummeln gekauft – aber nur, damit kein anderer den Posten übernimmt und dann um Mitternacht die Polen-Böller detonieren.

Tatsächlich tauchten abends natürlich doch fünf Raketen auf. Ich habe keinen Zweifel daran gelassen, dass ich dieses Teufelszeug auf keinen Fall anzünden werde. Es kam allerdings bald raus, dass mein gefährlich mit der Flamme herumwedelnder Freund kein räumliches Sehvermögen hat. Um wenigstens eine vertikale Flugbahn sicherzustellen, musste ich ihm das Feuerzeug abnehmen und die Lunten mit schweißnassen Händen selbst entzünden. Durch den Qualm der Trägerraketen sah ich dabei unscharf, wie mein Freund gerade Riesenwunderkerzen an die Kinder verteilte. Ein schwankender Meter Glühdraht in der Gewalt grobmotorischer Dreijähriger. Ich kam gerade noch rechtzeitig an, um den gesamten Bestand auf einem Scheiterhaufen zu vernichten.

Was ich selbst nicht wusste: Wenn man mehrere Wunderkerzen zusammenbindet, wird aus dem zarten Funkenregen eine gleißende Stichflamme, die ein ganzes Bett voller Rindenmulch samt dem benachbarten Studentenwohnheim gefährden kann. Ich habe den Flächenbrand nur noch verhindert, indem ich unter schrillem Geschrei durch die qualmenden Anpflanzungen gesprungen bin. Als mein Adrenalinspiegel sich wieder senkte, drang langsam der bewundernde Jubel von Freund und Kindern in meine Ohren. Der Glanz im Auge meines Sohns übertraf jede Rakete. Meine Feuershow gilt als die beste im Viertel. Im nächsten Jahr werde ich von allen Pflichten entbunden, um mich ganz auf die Pyrotechnik zu konzentrieren.

Herzliche Grüße!

Dein Daniel

PS: Spielen Deine Kinder eigentlich mit Puppen? Und wenn ja: Spielst Du gern mit?

Impfen oder nicht impfen? Was tun, wenn die Tochter sich eine Kuh wünscht? Wie erträgt man Kinderschlager? Eltern stehen täglich vor harten Gewissensfragen. Unsere Kolumnisten kennen das: Corinna Berghahn, vor einem knappen Jahr wieder Mutter geworden, hat ihrer fünfjährigen Tochter schon den Adventskalender geplündert. Daniel Benedict, Vater eines Zweijährigen und eines Babys, intrigiert bei den Großeltern, damit seine Söhnen weniger Geschenke kriegen. Im wöchentlichen Briefwechsel schütten sie auf www.noz.de/elternkolumne einander das Herz aus.

Doch Obacht: Was immer sie hier schreibe, darf nicht gegen die Kinder verwendet werden. Weil sie im Dienste der Unterhaltung zuspitzen, weglassen, verdrehen und Namen und Orte ändern – und ihre besten Gags aus fremden Kolumnen klauen.

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