Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Verstehen Kinder Ironie? Wir haben es getestet

Von Daniel Benedict | 17.09.2018, 12:11 Uhr

Verstehen Kinder Ironie? Meine schon, sagt unser Elternkolumnist.

In der vergangenen Woche hat unsere Elternkolumnistin Corinna Berghahn sich für kinderfreie Restaurants ausgesprochen – und ihren Brieffreund gefragt: „Verstehen Deine Kinder Ironie?“ Dies ist die Antwort von Daniel Benedict:

Liebe Corinna,

Kinder verstehen keine Ironie; das hört man ja immer wieder. Und eine alte Journalisten-Weisheit besagt: Leser auch nicht. Ich bin anderer Meinung, zumindest was Kinder angeht. Meine verstehen doppelte Botschaften sehr gut. Das müssen sie auch, weil ihr Vater an Witzelsucht leidet. Wenn meine Kinder mich zum Beispiel um ein Brot mit Schokoladentäfelchen bitten, sage ich grundsätzlich: „Bedaure, mein Sohn, die Schokolade habe ich gerade selbst aufgegessen. Das Brot leider auch. Für dich bleibt nur noch das Brettchen, beiß mal rein, es schmeckt sehr lecker.“ Dir mag es albern vorkommen, wir finden das total witzig – im Fall der Kinder auch deshalb, weil sie genau wissen: Wenn sie so einen Quatsch hören, gibt’s erst recht Schokolade.

Mit Lesern mache ich ganz andere Erfahrungen. In Aachen ging eine Jugendsport-Veranstaltung kürzlich in eine Massenschlägerei von Erwachsenen über. Die Kolumne dazu habe ich mit der Frage eröffnet: „Eltern, die sich für Kinder prügeln – sinnvoll?“ Überraschenderweise habe ich mehrere sachliche Antworten bekommen. Über einen Text zum Thema „Grenzen setzen “ wollte ich dann diesen tollen Hingucker-Titel setzen: „Kinder quälen, aber richtig.“ Das wurde nicht mal gedruckt. Irgendeiner bei uns scheint gedacht zu haben, dass man das auch ernst meinen kann. Unheimlich.

Apropos: Alfred Hitchcocks Vater hat seinen Sohn bekanntlich einen Zettel zur Polizei tragen lassen, auf dem in etwa stand: „Bitte dieses freche Kind mal kurz zum Schein ins Gefängnis stecken.“ Der sadistische Witz hat geholfen, ein Genie zu formen. Trotzdem sage ich: Das ist zu grausam. Kinder merken, ob man sie amüsieren will oder eine Gemeinheit in Anführungszeichen setzt, die in Wahrheit wirklich verletzen soll. Ironie muss heiter sein.

Was lustige Pannen nicht ausschließt: Auf einem Kindergeburtstag hat mir ein Freund meiner Söhne seine Abschiedstüte gezeigt. Selbstverständlich habe ich ihm gesagt: „Da ist jetzt aber was schiefgegangen. Die Bonbons sind doch für die Eltern, für euch gibt’s Tüten mit Gurken-Snacks und Kartoffeln!“ Nie werde ich das blasse Gesicht vergessen, mit dem er zum Umtauschen abgezogen ist. Was ich nämlich vergessen hatte: Der Junge hat einen Vater, der selbst Bemerkungen über das Wetter richtigstellt. Woher soll das Kind wissen, was ein Spaß ist? So gesehen tat er mir doppelt leid; ich habe geschworen, ihn nie mehr so aus dem Hinterhalt zu foppen. Natürlich vergisst man solche Vorsätze schnell. An diesem Wochenende waren wir alle im Wald und haben vom Steg aus die Tiere im Teich betrachtet. „Guck mal“, habe ich gerufen. „Wasserläufer! Die gehen nicht unter.“ Und dann, mit pfiffigem Augenzwinkern: „Könnt ihr das auch?“ Man glaubt nicht, wie schnell der Vater seinen Jungen am Kragen gepackt hat.

Herzliche Grüße

Dein Daniel

PS: Noch mal danke für Deine alten Zahnweh-Globuli. Ich habe sie versehentlich als Keks-Deko verwendet. Ist das schädlich?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.