Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Mit Kindern zur Beerdigung? Aber sicher doch!

Von Corinna Berghahn | 28.05.2017, 10:00 Uhr

Darf man Kinder mit auf eine Beerdigung nehmen? Oder könnte es ihnen schaden? Unsere Elternkolumnistin plaudert aus der Trauerhalle.

In der vergangenen Woche hat Daniel Benedict von Friedhofsbesuchen mit dem Großvater geschwärmt – und unsere Elternkolumnistin gefragt: Waren Deine Kinder schon mal auf einer Beerdigung? Dies ist ihre Antwort:

 Lieber Daniel, 

wir hatten just zwei Todesfälle in der Familie, und daher zwei Beerdigungen sehr kurz hintereinander. Mit dabei: meine Kinder. Warum auch nicht? Kind 1 war erstaunt über die Urne („Uropa ist in der Vase? Wie passt er denn da rein?“), Kind 2 erfreut über die Rollstuhlrampe zur Trauerhalle, die jedes Mal herzlich knarzte, wenn es über sie trappelte.

Der Tod gehört zum Leben. Klingt banal, ist es aber nicht. Wie nah das Thema ist, merken viele erst, wenn Menschen sterben, die ihnen nahe stehen. Das ist oftmals auch gut so, denn stündlich an die eigene Sterblichkeit zu denken ist sicher nicht gesund fürs Gemüt. Sich nicht zu verabschieden von lieben Menschen kann jedoch genauso ungesund sein.

Ein Freund von mir ist immer noch getroffen, dass er bei der Beerdigung des Vaters nicht mit dabei war. Beerdigungen seien nichts für Kinder, hieß es damals, also musste er mit seinen acht Jahren bei Freunden bleiben. Seine Mutter handelte vor über 30 Jahren mit den besten Absichten, gut war es trotzdem nicht.

Traumatisierte Kinder durch Beerdigungen?

Tatsächlich geriet ich einmal in eine Diskussion besorgter Eltern, die nicht wollten, dass der von der Grundschule empfohlene Schulweg neben der Friedhofsmauer entlang ginge. Denn dann könnten die Kinder eine Beerdigung sehen und dadurch traumatisiert werden, so die Befürchtung. Vielleicht gehören diese Eltern auch zu der Art Menschen, die den Kindern nicht verrät, dass die lustige Kinderwurst mit Gesicht tatsächlich mal lebte und ein richtiges, wenn auch tierisches Gesicht hatte.

Doch manche Sachen sind eben, wie sie sind – und dann sollte man sie auch klar benennen. Fleisch war einmal lebendig, und alle Menschen sterben irgendwann einmal. Kein Kind muss wissen, dass ein Unfalltod besonders grausam war oder die Krebserkrankung mit höllischen Schmerzen einherging. Aber dass jemand gestorben und tot ist und nicht nur eingeschlafen, sollte man ihm schon sagen. Sonst bekommt das Kind nachher noch Angst vor dem ganz normalen allabendlichen Einschlafen.

Kinder sind weiser, als Erwachsene denken

Tod und Trauer sind nicht schön, aber eben unvermeidlich. Also sollte man lernen, sich ihnen zu stellen. Allein schon weil Kinder weiser sind, als manche Erwachsenen es ihnen zutrauen: Selbst Babys spüren die Traurigkeit ihrer Eltern. Warum ihnen also etwas vormachen?

Als ich jung war, bin ich bei Sätzen, die mit „Als ich jung war“ innerlich eingeschlafen; aber trotzdem: Als ich jung war, war ich dauernd auf Beerdigungen: Meine Großeltern starben im Zweijahresabstand 1984, 1986 und 1988. Bei den Beerdigungen waren wir Kinder zwischen vier und 14 Jahren jung. Keiner hätte uns zu Hause gelassen. Stattdessen war jedes Mal die komplette Familie mit dabei, warf Blumen und Erde auf den Sarg. Davor ging es mit allen noch in die Leichenhalle, zum Verabschieden. Danach gab es Suppe und den sogenannten Beerdigungskuchen.

Diese Ritualen gaben der Trauer einen Rahmen. Natürlich wurde geweint, natürlich war besonders für uns Kinder die Traurigkeit der Eltern verstörend. Aber das gehört doch zum Leben dazu: Zu begreifen, dass es Verluste gibt, zu erfahren, wie man mit ihnen umgeht. Und zu sehen, dass irgendwann die Trauer verblast und es wieder besser wird. Wann, wenn nicht als Kind sollte man es lernen?

 Deine Corinna 

P.S. Wovor haben Deine Kinder Angst?

 Das Buch zur Kolumne gibt es jetzt auch: 

Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist erhältlich in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung, online unter noz.de/shop sowie telefonisch unter 05 41/310-10 44 (Mo.–Fr. 9–16 Uhr).