Vater, Mutter, Kind: Elternkolumne Gebrüll und Verstand: Was tun bei Jackenterror?

Von Corinna Berghahn | 17.11.2018, 10:00 Uhr

Wenn Kinder sich weigern, sich wettergerecht zu kleiden, liegen schnell die Nerven blank. Doch unsere Elternkolumnistin weiß besseren Rat, als das Kind halbnackt in die Welt zu schicken.

In der vergangenen Woche hat Daniel Benedict über den Wahnsinn von Eltern-Whatsapp-Gruppen berichtet – und unsere Elternkolumnistin dann gefragt: Ziehen Deine Kinder freiwillig Jacken an? Dies ist die Antwort von Corinna Berghahn:

Lieber Daniel,

vor fast genau zehn Jahren radelte an einem kühlen Herbsttag eine Frau durch München und wurde von der Polizei angehalten. Das Vergehen: Auf dem Gepäckträger saß ihre rund 18 Monate junge Tochter, die bis auf eine Windel unbekleidet war. Laut Polizei lief dem Mädchen „die Nase bis zu den Lippen“, und ihre Mundwinkel waren blau gefärbt.

Warum das Madel nackert sei – oder so ähnlich – mögen die Polizisten gefragt haben? Nun, das Kind habe sich nicht anziehen lassen wollen. Da sie Anwältin sei und die Persönlichkeitsrechte ihrer Tochter achte, habe sie sie eben so mitfahren lassen.

Brüllen oder Nachgeben?

Und da sind wir auch schon bei der Crux: Ich kenne kein Kind, das sich immer sagen lässt, was es anziehen soll. Ich kenne sogar schon ganz kleine Kinder, die sich aus unerklärbaren Gründen gegen diese bestimmte Mütze, Jacke, Handschuhe, Schuhe, Schal und sonstige Kleidung wehren. Nicht nur mit einem Nein, sondern mit Händen, Füßen und teilweise sogar Zähnen.

Sie haben auch ein Recht dazu: Wer weiß, was in den Köpfen vorgeht, wenn wir mit Klamotten kommen, die eventuell kratzen oder aus der Sichtweise des Kindes heraus potthässlich sind. Ich kenne das ja von mir: Als Kind musste ich die Kleidung meines zehn Jahre älteren Bruders auftragen – und im Winter kratzende Wollunterhosen anziehen. Zwei Dinge, die ich meinen Eltern heute noch ankreide.

Tagtäglich verneine ich die Wünsche meiner Kinder

Als Eltern muss man also abwägen: Darauf bestehen und Sturm ernten oder das Kind machen lassen. Im Fall der Münchner Mutter hätte ich die Persönlichkeitsrechte trotz Gebrülls und Co. ignoriert, denn diese enden bei Gefahr. Ich bekenne sogar: Tagtäglich verneine ich die Wünsche meiner Kinder. Noch eine Folge „Lego Friends“ gucken? Nein. Zum Abendessen nur Süßes? Nein. Ohne Hausschuhe über den kalten Flur? Auf keinen Fall! Barfuß bei unter 20 Grad? Vergesst es. Das macht keinen Spaß, muss aber sein. Ich bin schließlich die Mama – und nicht die Freundin meiner Kinder.

So viel zur Theorie. Praktisch sind gerade die Jackenterror-Anfälle schrecklich nervig! Meistens treten sie dann auf, wenn es eilig gehen muss: Die Kita ruft, aber das Kind verweigert sich. Der Stresspegel steigt, das Kind reagiert – und am Ende brüllen alle. Was also tun? „Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“, heißt es bei Goethe. Doch dieses Motto gilt glücklicherweise in der Erziehung nicht mehr – jedenfalls bei uns.

Um möglichst viel elterliche Würde zu wahren, versuchen wir, so ruhig wie möglich zu bleiben, eventuell eine zweite Jacke – aber nicht mehr – als Friedensangebot zu unterbreiten und ansonsten das Kind eben brüllen zu lassen. Nicht zu vergessen: Je mehr Auswahl an Klamotten das Kind hat, desto gestresster reagiert es. Was besonders hilft: Schon abends mit dem Kind gucken, was es am nächsten Tag anzieht. Bei uns hat das die Morgende sehr entstresst

Deine Corinna

P.S.: Warst Du als Papa schon mal der Held Deiner Kinder?

Das Buch zur Kolumne gibt es auch: Daniel Benedict/Corinna Berghahn: „Vater, Mutter, Kind – 99 Elternbriefe aus dem Alltag.“ Das Buch kostet 19,99 Euro und ist in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung erhältlich.