250 Familien bekommen Post Kind gestorben: Schmetterlingspost spendet Familien Trost

Von Nadine Sieker | 10.12.2016, 11:30 Uhr

Wer sein (ungeborenes) Kind verliert, für den bricht eine Welt zusammen. Bekannte wenden sich häufig ab, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen – dabei würden viele Betroffene gerne mit jemandem über ihre Situation reden. Die Schmetterlingspost hilft.

Berge von Kartons stapeln sich im Wohnzimmer von Janine Schneider-Rohner, Briefumschläge warten darauf, verschickt zu werden: Die 31-Jährige ist die Initiatorin der „Schmetterlingspost“ – und hat jetzt vor Weihnachten besonders viel zu tun.

Briefe und Geschenke

Hinter der Schmetterlingspost stecken Menschen, die ehrenamtlich Familien trösten, die ihre Kinder verloren haben oder wegen eines Kindes mit Behinderung Zuspruch brauchen. Zu Geburts- und Gedenktagen, manchmal auch einfach zwischendurch, schicken ehrenamtliche Helfer Briefe an die Familien, die sich bei der Schmetterlingspost angemeldet haben. Das Projekt gibt es seit vergangenem Jahr, zum vorherigen Weihnachtsfest verschickten Schneider-Rohner und ihr Team 80 Briefe – nun, ein Jahr später, sind es 250. Die Familien kommen laut der Initiatorin aus ganz Deutschland, den Niederlanden, Österreich, Frankreich, Belgien und der Schweiz. „Dass es so viele werden, damit habe ich nicht gerechnet“, sagt die 31-Jährige, die in Rödinghausen wohnt. Sie selbst hat zwei gesunde Kinder im Alter von vier und eins.

Kissen für Bekannte genäht

Ein Schicksalsschlag im Bekanntenkreis war der Auslöser für das Projekt. „Eine flüchtige Bekannte hat ihr sieben Wochen altes Kind wegen eines Herzfehlers verloren. Das hat mich so getroffen, dass ich ein Kissen mit dem Namen des Kindes gebastelt habe. Eigentlich wollte ich das nur an die Haustür hängen und gehen. Was hätte ich schon sagen sollen?“, sagt Schneider-Rohner. Doch als sie das Kissen abgeben wollte, wurde sie gesehen und obwohl sich die beiden Frauen nur vom Sehen kannten, seien sie sich weinend in die Arme gefallen.

Nach diesem Erlebnis wollte Schneider-Rohner anderen Betroffenen zur Seite stehen und stieß beim Recherchieren auf einen Verein aus der Schweiz, der hauptsächlich behinderte Kinder unterstützt. „Ich wollte mitmachen, aber die Schweiz ist zu weit weg und Päckchen hinschicken ist wegen der Zollbestimmungen nicht so einfach.“ Kurzerhand beschloss sie, etwas eigenes auf die Beine zu stellen. So entstand die Schmetterlingspost.

80 ehrenamtliche Helfer

Von den 250 Familien, die sich bislang bei der Schmetterlingspost eingetragen haben, sind 230 Sternen-Eltern – Eltern also, die ihre Kinder kurz vor oder nach der Geburt verloren haben. Die übrigen sind Eltern von Kindern mit Behinderung, „besonderen Kindern“, wie Schneider-Rohner sie nennt. 80 Helfer kümmern sich ehrenamtlich um diese Familien; jeder in dem Umfang, wie er kann. Nur vier von ihnen kommen aus der Nähe, der Rest lebt über ganz Deutschland verteilt, jeweils eine in Kanada und den USA.

Unterstützung von der Aktion „Helferherzen“

Zur Anmeldung etwa verschicken die Helfer für jedes Familienmitglied – ob tot oder lebendig – einen selbst gebastelten Schutzengel-Anhänger. Zu Geburts- und Gedenktagen erhalten die Familien einen Brief mit netten Worten oder auch mal ein kleines Präsent. Auch zu Weihnachten gibt es kleine Geschenke, fast alle sind selbst gemacht: gestrickt, gehäkelt, gebastelt oder genäht.

Bislang haben die Helfer die Kosten selbst getragen, in diesem Jahr gibt es Unterstützung: Von der „Helferherzen“-Aktion der Drogeriekette dm erhielt das Projekt 1000 Euro. Von dem Geld werden hauptsächlich die Portokosten beglichen.

Adventskalender verschickt

Durch den Kontakt zu dm ergab sich für die Schmetterlingspost in diesem Jahr noch eine neue Möglichkeit: Erstmals verschickte Schneider-Rohner Adventskalender an die „besonderen Kinder“. Den Großteil des Inhalts sponsert der Drogeriemarkt. Ein- und verpacken muss die 31-Jährige die 480 Päckchen selbst – ein extrem hoher Zeitaufwand. „Das ist im Moment möglich, weil ich noch in Elternzeit bin. Die Arbeit an andere abzugeben fällt mir schwer“, sagt Schneider-Rohner. Wie es nach ihrer Elternzeit weiter geht, weiß sie noch nicht. Auch wegen der finanziellen Situation: Ende des kommenden Jahres werden die 1000 Euro aufgebraucht sein, vermutet die zweifache Mutter. „Ich möchte, dass es die Schmetterlingspost dauerhaft gibt. Aber es muss stemmbar sein.“

Schicksale nehmen sie mit

Zusätzlich zum zeitlichen Aufwand kommt auch psychischer Stress. „Ich weine öfter, wenn ich die Geschichten der Familien lesen.“ Besonders schlimm sei es bei Schicksalen, die theoretisch auch ihren Kindern jederzeit zustoßen könnten. „Man darf einfach nicht so viel an sich heranlassen“, sagt Schneider-Rohner. Doch nicht jeder könne damit umgehen. Einige Helfer seien deshalb schnell wieder ausgestiegen.

Mit der Situation überfordert

„Die Familien freuen sich, dass jemand an sie denkt und sie mit jemandem über ihr verstorbenes Kind reden können. Oft wenden sich Verwandte und Bekannte nach einem Todesfall ab, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.“ Einige der Helfer von der Schmetterlingspost haben das gleiche Schicksal erlebt, im Gegensatz zu Schneider-Rohner. „Viele finden es aber auch schön, wenn sich Fremde, die nicht das Gleiche erlebt haben, bei ihnen melden.“

„Fast jede dritte Schwangerschaft geht unglücklich aus“, sagt Petra Hohn, Vorsitzende des Bundesverbands Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland. Betroffene, Freunde, aber teilweise auch Ärzte seien in solchen Situationen überfordert. „Kleine Gesten sind tröstlich. Es tut gut, zu wissen, dass da jemand ist, der mich versteht und das Kind anerkennt, obwohl es gar nicht gelebt hat“, sagt Hohn.

Geschenk zur Geburt

Obwohl die Arbeit bei der Schmetterlingspost in den vergangenen Monaten stetig gestiegen ist, baute Schneider-Rohner das Projekt noch weiter aus. In Zukunft sollen Familien auch zur Geburt eines Regenbogenkindes – einem Kind, dass nach dem Tod seines Geschwisterchens geboren wurde – eine Kleinigkeit bekommen: eine Schnullerkette, gehäkelte Mützchen oder genähte Schnuffeltücher beispielsweise. Außerdem möchte Schneider-Rohner auch den Kindern, die die Weihnachtszeit in der Herzklinik Bad Oeynhausen verbringen müssen, ein kleine Freude bereiten. Dafür sammelt sie derzeit Pixiebücher. Auch einige Spiele hat sie bereits zusammen.

Schicksal nur ausgedacht

Wenn sie Briefe oder Päckchen verschicken, freuen sich die Helfer der Schmetterlingspost über Rückmeldung von den Familien – doch die gibt es nicht immer. „Zwei Mal ist es schon vorgekommen, dass Leute Schicksale erfinden. Warum auch immer.“

Doch auch, wenn sie manchmal enttäuscht wird: Aufhören will Schneider-Rohner nicht. Sie hofft, dass sie weitere Unterstützung von Freiwilligen bekommt – die entweder selbst mithelfen wollen oder etwas Materielles spenden.