Neues schaffen und Gutes bewahren Sonja Birnbaum, neue Geschäftsführerin von HelpAge, tritt in große Fußstapfen

Von Sebastian Fobbe | 07.12.2021, 10:37 Uhr

Als Neu-Osnabrückerin lernt sie die Friedensstadt gerade erst kennen. Als neue Geschäftsführerin der Hilfsorganisation HelpAge wird sie die Weichen für die nächsten Jahre stellen.

Frau Birnbaum, Sie sind gebürtige Süddeutsche und arbeiten jetzt in Osnabrück. Da prallen doch bestimmt Welten aufeinander, oder?

Ja, da prallen Welten aufeinander (lacht). Ich bin in Esslingen am Neckar geboren, aber schon recht früh über Berlin nach Norddeutschland gekommen. Von daher finde ich mich hier sehr gut zurecht. Ich bringe also eine gewisse interkulturelle Kompetenz mit, die ich auch für meine Arbeit bei HelpAge brauche.

Was ich im Norden entdeckt habe, ist eine größere Entspanntheit. Das ist anders als in Baden-Württemberg, wobei ich sagen muss, dass dieses „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ auch in mir steckt. Studiert habe ich in Tübingen, zwischendurch habe ich als Studentin auch das Leben in Italien kennengelernt. Danach bin ich nach Berlin gegangen und habe drei Legislaturperioden im Deutschen Bundestag gearbeitet. Die nächste Station war Hamburg, dort im Großraum lebe ich auch immer noch. Unter der Woche habe ich ein kleines Appartement in Osnabrück.

Im August sind Sie in die Fußstapfen von Lutz Hethey getreten, Mitbegründer von HelpAge Deutschland. 16 Jahre stand er an der Spitze der Nichtregierungsorganisation. Mit welchem Gefühl nimmt man eine solche Stelle an?

Mit einem Gefühl der Wertschätzung. Lutz Hethey hat unglaublich viel geleistet, er hat mit der Gründung und dem Aufbau von HelpAge die Dinge ins Rollen gebracht. Ich würde sagen, dass er es geschafft hat, HelpAge als kleine Größe in Osnabrück zu etablieren: Jeder kennt unsere Aktion „Jede Oma zählt“, jeder hat jemanden von uns auf dem Markt gesprochen oder hat an einem der zahlreichen Lauf-Events wie dem Firmenstaffellauf teilgenommen. Vor dieser Leistung habe ich großen Respekt.

Daneben gibt es einen zweiten Punkt, für den ich Wertschätzung empfinde: Ich bin sehr dankbar für das Vertrauen von HelpAge, das ich die Nachfolge antreten darf. Jetzt ist die Zeit für die zweite Generation. Wir werden nun die Weichen für die nächsten Jahre stellen. Diese Aufgabe traue ich mir zu, nicht zuletzt mit meinem politischen Hintergrund und Berliner Netzwerk.

Gibt es auch Dinge, die Sie neu machen wollen oder führen Sie die Arbeit weiter?

Natürlich komme ich mit der Ambition, etwas zu gestalten. Ich bin nicht Lutz Hethey, sondern Sonja Birnbaum, da liegt es in der Natur der Sache, dass ich einige Dinge anders machen werde. Wir wollen jetzt erst einmal schauen, was es zu bewahren gilt, aber auch welchen Herausforderungen wir in der Entwicklungszusammenarbeit und am Spendenmarkt begegnen werden. Es kommen sicherlich Entwicklungen auf uns zu, denen wir gerecht werden müssen. Da bin ich aber optimistisch: Ich habe ein tolles Team an der Seite, mit dem ich gemeinsam eine Vision erarbeiten werde, damit wir fit für die Zukunft sind.

„Ich bin nicht Lutz Hethey, sondern Sonja Birnbaum, da liegt es in der Natur der Sache, dass ich einige Dinge anders machen werde.“

Dass Sie zu HelpAge gestoßen sind, hat nicht nur fachliche Gründe. Dahinter steckt auch eine persönliche Geschichte. Wie sind Sie zu der Organisation gekommen?

Gefühlt sollte es so sein, dass ich nach Osnabrück komme. Natürlich hat das eine gewisse Vorgeschichte: Ich habe vorher beim Kinderhilfswerk Plan International in einer Führungsposition gearbeitet und wollte mich weiterentwickeln. Da kam eine Geschäftsführung durchaus in Frage.

Bevor ich zu HelpAge gekommen bin, hatte ich mich, ehrlich gesagt, noch nicht so intensiv mit älteren Menschen beschäftigt. Familiär bedingt wurde das auf einmal ganz anders: Durch meine Oma kamen plötzlich Fragen auf zur Pflege und welche Herausforderungen für uns als Familie das mit sich bringt, aber auch darüber, welche Möglichkeiten wir als reiches Land in Mitteleuropa in diesem Bereich haben. Als ich dann die Ausschreibung gelesen habe, dachte ich gleich: „Das schickt mir Oma!“ (lacht)

Mitten in der Covid-19-Pandemie diese Stelle anzutreten, muss ein besonderer Moment sein. Was empfinden Sie, wenn Sie an die Situationen unserer älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger denken?

Ich glaube, dass wir oft noch nicht bewusst genug hinschauen. Oft sehen wir Ältere in einer Opferrolle, weil sie unseren Schutz brauchen. Dabei haben ältere Menschen oft eine Weisheit, die vielleicht nicht in Schulnoten zu messen ist, aber uns weiterbringt. Ältere sind oft die Bindeglieder in den Familien, gestalten in ihrer Umgebung, ihren Kommunen mit oder bewahren Bewährtes. Genau das brauchen wir, weil das wichtige gesellschaftliche Rollen sind.

Hier in Deutschland ist die Pandemie hoffentlich bald vorbei. In anderen Teilen der Welt ist die Lage noch immer akut. Was wünschen Sie sich für das neue Jahr?

Die Lage ist in der Tat immer noch akut, gerade im globalen Süden und in ärmeren Ländern. Ich finde, als reicher Staat müssen wir mehr Verantwortung übernehmen, zum Beispiel sollte die Bundesregierung noch mehr tun für die internationale Impfkampagne. Die Pandemie ist erst zu Ende, wenn sie überall zu Ende ist, und da haben wir in der Politik und als Industriestaat eine besondere Rolle.

Jetzt leben Sie, zumindest unter der Woche, in Osnabrück. Wie haben Sie die Stadt kennengelernt?

Das Schöne ist: Osnabrück erinnert mich stark an meine Heimat Esslingen. Beide Städte haben einen schönen Altstadtkern, um den die Stadterweiterung liegt. Allerdings ist Esslingen keine Universitätsstadt, hat jedoch eine Fachhochschule. Ich miete hier eine kleine Ein-Zimmer-Wohnung, dadurch habe ich schnell gemerkt, dass hier viele Studierende leben und viel los ist (lacht). Ich habe auch ein tolles Team, das mich sofort an die Hand genommen hat und mir zum Beispiel schon die wichtigsten Kneipen gezeigt hat. Das hilft sehr beim Ankommen. Die Schnitzeljagd durch Osnabrück steht aber noch aus.

Was ich direkt gemerkt habe, ist, wie glücklich viele Menschen hier sind. Ich höre immer wieder, wie lebenswert Osnabrück als vielseitige Stadt der kurzen Wege ist. Mir wurde vom Theater vorgeschwärmt und auf meinen ersten Besuch freue ich mich jetzt schon. Der Friedensaal hat mich auch sehr beeindruckt.

Zum Jahresende hat die Stadt noch einmal ein anderes Flair. Wie genießen Sie den Jahreswechsel?

Das Jahresende genieße ich sehr. Ich liebe es, wenn die Innenstädte in der dunklen Jahreszeit hell erleuchtet werden. Der schöne Weihnachtsmarkt ist auch eine Parallele zu Esslingen und ich freue mich, viele Osnabrückerinnen und Osnabrücker dort zu treffen. Der Jahreswechsel ist natürlich auch eine Zeit, die im Zeichen der Familie steht. Da bin ich dann viel unterwegs und besuche meine Verwandten in vielen Teilen Deutschlands.

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