Zum Sterben in die Schweiz Immer mehr schwer kranke Menschen nutzen Sterbehilfe

Von Michael Clasen | 21.08.2014, 04:00 Uhr

Die Zahl schwer kranker Menschen, die wegen der Möglichkeit der Sterbehilfe in die Schweiz reisen, hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Der Großteil dieser Suizidwilligen kommt aus Deutschland und Großbritannien, wie eine Studie im britischen „Journal of Medical Ethics“ zeigt.

Die Wissenschaftler untersuchten am Institut für Rechtsmedizin in Zürich Daten von 611 Menschen zwischen 2008 und 2012, die sich bei der Selbsttötung assistieren ließen. 268 von ihnen kamen aus Deutschland, 126 waren Briten, 66 Franzosen. In diesen Ländern habe das Phänomen des „Suizid-Tourismus“ eine politische Debatte zu dem Thema ausgelöst, schreiben die Forscher.

Im Kanton Zürich verdoppelte sich demnach innerhalb von vier Jahren die Zahl der Ausländer, die zum Sterben in die Schweiz gingen. Fast die Hälfte litt an neurologischen Erkrankungen. Dazu zählen etwa Lähmungen, die Parkinson-Krankheit oder Multiple Sklerose. Krebs und rheumatische Erkrankungen folgen auf der Liste. Im Vergleich mit früheren Studien werde deutlich, dass der Anteil nicht tödlicher Krankheiten zugenommen habe, schreiben die Autoren.

Fast alle Betroffenen wandten sich an die in Deutschland umstrittene Organisation Dignitas. Im Schnitt waren sie 69 Jahre alt; die Altersspanne reichte von 23 bis 97 Jahre. Knapp 60 Prozent waren Frauen. Fast alle töteten sich mithilfe eines Schlafmittels.

Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, glaubt nicht, dass Sterbehilfe nur von Todkranken in Anspruch genommen wird: „Nicht Menschen, deren Tod unmittelbar bevorsteht, fahren in die Schweiz. Auch nicht Patienten, denen die Palliativmedizin nicht mehr helfen kann, nehmen die organisierte Suizidbeihilfe in Anspruch.

Hauptsächlich sind es Patienten mit neurologischen Erkrankungen, die den Weg in den schnellen Tod wählen“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Diese Menschen hätten teilweise noch Jahre Lebenszeit vor sich. Damit zeige die Studie seiner Ansicht nach, dass der Suizid-Sog ganz andere Ursachen habe, als die Befürworter der organisierten Suizidbeihilfe glauben machen wollten.

Vielmehr sei es die Angst vor Fremdbestimmung, Abhängigkeit und Pflegebedürftigkeit, die die Menschen in den Suizid treibe, erklärt Brysch und weist darauf hin, dass auch in Deutschland Organisationen und Einzelanbieter mit 155 Begleitungen zur Selbsttötung im vergangenen Jahr geworben hätten.

„Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert den Deutschen Bundestag auf, die geschäftsmäßige und organisierte Suizidbeihilfe unter Strafe zu stellen“, macht Brysch deutlich. Dabei reicht ein Verbot der gewerblichen Suizidbeihilfe, wie von der ehemaligen christlich-liberalen Koalition vorgelegt, seiner Ansicht nach nicht aus. Das zeige das Beispiel der Schweiz: Denn obwohl dort die Suizidbeihilfe aus selbstsüchtigen Gründen unter Strafe stehe, sei den Organisationen nicht beizukommen. (mit dpa)