Wenn Zähne im Mund zerbröseln Rätselhafte Zahnkrankheit MIH: Jedes zehnte Kind betroffen

Von Cornelia Achenbach | 03.05.2016, 09:43 Uhr

Tägliches Zähneputzen, kaum Süßigkeiten – und dennoch kaputte Zähne? Eine neue Zahnkrankheit stellt die Fachwelt vor viele Fragen. Etwa zehn Prozent der Kinder sind von der Mineralisationsstörung betroffen.

Die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH) ist eine spezielle Form einer Schmelzbildungsstörung. Die Backenzähne, manchmal auch die Frontzähne sind gelb oder braun verfärbt, oft porös und scheinen im Mund regelrecht zu zerbröseln. Dabei kommen die bleibenden Zähne bei den Kleinkindern oft schon so kaputt aus dem Kiefer. Auf eine schlechte Zahnhygiene ist MIH also nicht zurückzuführen. Doch wie entsteht die Krankheit dann? Und wieso hat bislang kaum jemand davon gehört?

Viele Ursachen für die Krankheit

„Die Schmelzmineralisation der Zähne erfolgt zwischen dem achten Schwangerschaftsmonat und dem dritten Lebensjahr, in diesem Zeitraum entsteht also die Krankheit“, sagt Dr. Christina Illge vom Arbeitsbereich Kinderzahnmedizin der Berliner Charité. Ein ziemlich langer Zeitraum, in dem viel passieren kann.

In Studien haben Wissenschaftler mögliche Faktoren zusammengetragen, die bei an MIH erkrankten Kindern vorlagen: Antibiotika in der Schwangerschaft, Dioxin in der Muttermilch bei verlängertem Stillen, Vitamin-D-Mangel, Sauerstoffmangel während der Geburt, fiebrige Infekte, häufige Atemwegsinfekte, Kaiserschnitt, Ohrenentzündungen. Die Liste ist lang und an dieser Stelle nicht einmal vollständig ausgeführt. „Es gibt wahnsinnig viele Faktoren“, sagt Christina Illge, „und auf fast jedes Kind trifft einer der genannten Faktoren zu – und doch hat nicht jedes Kind MIH.“

Genetischer Defekt?

Liegt die Ursache also womöglich in den Genen? „Die Ursachen der MIH sind nicht eindeutig geklärt, auch über eine mögliche Vererbbarkeit der MIH kann bislang keine eindeutige Aussage getroffen werden“, sagt Dr. Priska Fischer vom Universitätsklinikum Freiburg. Entsprechende Forschungsprojekte laufen jedoch gerade. „Sowohl die klinische Forschung als auch die Aufklärung und Information zur MIH laufen auf Hochtouren und wird uns Zahnärzte klinisch und wissenschaftlich noch eine Weile beschäftigen“, sagt Priska Fischer.

 (Weiterlesen: Karies bei Kleinkindern - Zahnärzte schlagen Alarm)

Eine neue Krankheit?

Ob es sich bei der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation um eine neue Krankheit handelt, ist ungewiss. Der Begriff wird von der Fachwelt seit 2001 verwendet, aber in Schweden wurde das Krankheitsbild bereits in den 1980er Jahren beschrieben. Womöglich ist MIH keine neue Krankheit, sondern wurde in der Vergangenheit wegen der Fokussierung auf Karies „übersehen“, zumal das Mundgesundheitsbewusstsein in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen ist, sagt Christina Illge. Wobei MIH oft zu Karies führe: „Das Zähneputzen ist schmerzhaft, zudem erkranken Zähne, deren Zahnschmelz abgeplatzt ist, schneller an Karies.“ (Weiterlesen: Schon in Schwangerschaft für gesunde Zähne sorgen)

Was Zahnärzte und Eltern tun können

Zahnärzten ist die Krankheit mittlerweile vertraut – denn 4 bis 14 Prozent der Kinder leiden an MIH. Mädchen und Jungen sollen etwa gleich betroffen sein. Bei einer leichten Form von MIH kann einer Verschlechterung der Krankheit durch eine Prophylaxe wie eine Fluoridierung oder Versiegelung noch vorgebeugt werden. Bei einem schweren Krankheitsverlauf helfen schließlich nur noch Kronen und Zahnersatz.

Aber gibt es nicht auch eine Möglichkeit, der Krankheit vorzubeugen? Irgendetwas, das Eltern tun können? „Leider nein“, sagt Christina Illge. „MIH kann jeden treffen.“