Von der Partnerwahl bis zum Mitgefühl Der Schweiß bringt Menschen zusammen

22.05.2014, 21:00 Uhr

Wenn es warm wird, dann fließt er wieder in Strömen, denn der Schweiß verdunstet und sorgt dadurch für Kühlung. Doch er kann offenbar, wie Forscher zunehmend herausfinden, noch weitaus mehr.

Es müffelt! Nach Essig, oder sogar dem berüchtigten Pumakäfig. Jeder hat schon mal an eigenem Leibe erfahren, wie stark der menschliche Schweiß riechen kann. Aber auch dann, wenn er nicht in die Nase sticht, übermittelt er seine Signale. So sitzen in den Achselhöhlen, an den Brustwarzen und rund um die Geschlechtsorgane die sogenannten apokrinen Drüsen. Sie produzieren ein dickflüssiges Sekret, das zusammen mit den Talgdrüsen und diversen Bakterien ein Parfüm bildet, das jeden Einzelnen von uns einzigartig macht. Nichtsdestoweniger vermutete man lange Zeit, dass der im Riechen ziemlich abgestumpfte Homo sapiens es gar nicht mehr wahrnehmen könnte. Doch jüngere Studien zeigen: Er kann, und er zieht daraus sogar Informationen zur Familienplanung.

Forscher der Max-Planck-Institute in Plön und Freiburg konnten nachweisen, dass wir bestimmte Immungene im Schweiß eines Menschen erschnuppern können, die uns Aufschluss über seine Fähigkeit zur Infektabwehr geben. Für die Partnerwahl spielt das eine wichtige Rolle. Denn Mann und Frau finden sich, wie man in Schnupper-Tests herausfinden konnte, umso attraktiver, je mehr sich ihre Immungene voneinander unterscheiden. Denn diese Differenz bedeutet, dass der aus dieser Beziehung hervorgehende Nachwuchs nahezu optimal vor Infektionen geschützt wäre. „Kinder eines Paares, das über die Gerüche harmoniert, haben dann durch die Mischung der unterschiedlichen Gene ein besonders starkes Immunsystem“, erklärt Studienleiter Manfred Milinski.

Für die Gesundheit des Nachwuchses es also wichtiger, dass zwei Menschen sich riechen können, als dass sie sich optisch attraktiv finden. Hundertprozentig verlassen kann man sich auf die Treffsicherheit der Nase jedoch nicht. Denn in einem entsprechenden Test versagten Frauen, die rauchten oder erkältet waren, kläglich.

Neben seinem Immunstatus verrät ein Mensch über seinen Schweiß aber auch Details zu seiner Stimmungslage. Wer sich fürchtet, schwitzt nicht nur stärker, sein Schweiß hat auch eine besondere Zusammensetzung, und die können wir riechen.

Die amerikanische Forscherin Liliane Mujica-Parodi konfrontierte ihre Probanden mit dem Schweißproben von Männern und Frauen, die das erste Mal in ihrem Leben einen Fallschirmabsprung absolviert hatten. Die Gehirne der Riechenden zeigten daraufhin im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die an gewöhnlichem Schweiß geschnuppert hatte, eine starke Erregung in neuronalen Angstzentren wie der Amygdala und dem Hypothalamus. Bewusst wahrgenommen hatten sie aber den Angstschweiß nicht, ihre Empfindungen wurden vielmehr unterschwellig ausgelöst, vermutlich durch stresstypische Pheromone.

Mujica-Parodi sieht ihre Befunde als deutlichen Hinweis darauf, dass „Angst buchstäblich ansteckend ist“. Vor dem Hintergrund, dass ihre Studie vom Forschungszweig des Pentagons finanziert wurde, bekommt dieses Statement noch eine andere Bedeutung: Dass man nämlich bei den amerikanischen Militärs darauf hofft, den Gegner demnächst mithilfe von Schweißaromen in Panik zu versetzen.

Allerdings zeigt eine deutsche Studie, dass nicht alle Angstgerüche Angst verbreiten. Psychologin Bettina Pause von der Universität Düsseldorf ließ 28 Probanden an den Schweißproben von 49 Spendern schnüffeln, die man ihnen entweder kurz vor einer Examensprüfung oder aber während einer Sporteinheit abgenommen hatte. Es zeigte sich erneut, dass die Riechenden nicht bewusst die Unterschiede in den Schweißproben unterscheiden konnten – und trotzdem zeigten ihre Gehirne besonders starke Reaktionen, wenn ihnen der Angstschweiß der gestressten Examenskandidaten vorgesetzt wurde. Aber nicht dergestalt, dass die Angstzentren dominierten, sondern vielmehr mit Cingulum und Inselrinde genau jene Areale aktiv wurden, die für Empathie und Mitleid zuständig sind.

Angst ist nicht gleich Angst. Es ist ein Unterschied, ob man aus dem Flugzeug in die Tiefe stürzt oder eine Prüfung ablegt, und der zeigt sich offenbar auch im Schweißgeruch. Das ist tröstlich. Denn es bedeutet, dass der Student, wenn ihm beim Examen der Schweiß in Strömen fließt, bei seinen Prüfern auf Gnade hoffen darf.