Trauerbegleitung muss wachsen Früh verwaiste Eltern: Ein blinder Fleck in der Versorgung

Von Sarah Engel | 16.03.2015, 05:03 Uhr

Mehr als 40 Jahre arbeitet Heidi Blohmann als Hebamme. Ein Beruf, in dem sie dem Leben auf die Sprünge hilft, glückliche Eltern erlebt. Doch auch Fehlgeburten und stille Geburten gehören zu dem Beruf dazu. Mit ihrem Verein „Leere Wiege“ unterstützt sie frühverwaiste Eltern.

Frau Blohmann, Sie beschreiben Ihre Arbeit mit verwaisten Eltern als Herzensangelegenheit. Warum?

Ich arbeite seit 42 Jahren als Hebamme. In unserem Beruf sind wir verpflichtet, ein großes Betreuungsspektrum abzudecken. Doch nicht nur in der Vergangenheit sind vor allem verwaiste Eltern vernachlässigt worden. Ein Schlüsselerlebnis im Jahr 1983 hat mich zum Nach- und Umdenken angeregt.

Was haben Sie 1983 erlebt?

Damals habe ich noch im Krankenhaus gearbeitet und hatte Frühdienst. Im Spülraum sah ich ein totes Baby. Es lag in einer Nierenschale aus Metall. Und obwohl das Baby mich nicht ansah, hatte ich das Gefühl, dass es mich die ganze Zeit anschaut, mir in die Augen sieht. Ich fand es nicht in Ordnung, wie mit diesem Menschenleben umgegangen wird und musste das aber erst einmal sacken lassen. Am nächsten Tag entschied ich mich, eine Arbeitsgruppe zu gründen. (Weiterlesen: Still verloren: Wenn Frauen ihre Kinder tot gebären)

Dieses Erlebnis ist mehr als 30 Jahre her. Wie hat sich die Betreuung von Eltern, die mit einer stillen Geburt leben müssen, verändert?

Vor allem aufgrund von Elterninitiativen hat sich viel getan. Betroffene müssen spüren, dass sie keine Exoten sind und andere Menschen ihr Schicksal teilen. Außerdem wird heute offener getrauert: Paare schaffen Erinnerungen. So werden Fußabdrücke des Kindes genommen, Fotos gemacht oder Haarlocken aufbewahrt. Zudem versuchen die Krankenhäuser, die betroffenen in einem Einbettzimmer unterzubringen, damit sie nicht auf der Wöchnerinnenstation umgeben von Neugeborenen behandelt werden müssen. Trotzdem soll ihr Aufenthalt im Krankenhaus natürlich so kurz wie möglich gehalten werden. (Weiterlesen: Fünf Fakten zur stillen Geburt)

Was brauchen betroffene Eltern, wenn sie aus dem Krankenhaus entlassen werden?

Die Trauer um ein Kind endet nicht mit der Geburt. Zuhause kommen die Eltern oft erst im Trauerland an und müssen sich dort neu orientieren. Dabei ist Trauer ein natürlicher Zustand und nicht therapiepflichtig. Verwaiste Eltern fühlen sich oft alleine gelassen und hoffen auf Verständnis in ihrer Umgebung.

Wer steht den Eltern in dieser Zeit zur Seite?

Eigentlich gehört es zum Profil der Hebamme sich neben Eltern gesunder Babys auch um verwaiste Paare zu kümmern. Aber viele Hebammen scheuen den Kontakt zu den Betroffenen und arbeiten lieber auf der schönen und fröhlichen Seite des Berufs.

Geht das denn so einfach?

Viele Hebammen arbeiten freiberuflich und haben so die Wahl. Sie können sich ihre Patientinnen aussuchen. Wenn dann aber eine ihrer Mütter eine Fehlgeburt oder stille Geburt hat, wenden sie sich oft mit einem Hilferuf an mich. Viele haben Berührungsängste mit diesen Familien. Deswegen müssen wir in der Ausbildung hier früher ansetzen und zeigen, dass auch diese Situationen zu dem Beruf gehören. Junge Hebammen haben damit übrigens weniger Probleme. Sie sind dankbar, wenn ich von der Arbeit mit früh verwaisten Eltern spreche und sie entsprechend ausbilde.

Was raten Sie Eltern, denen eine stille Geburt bevorsteht?

Die Paare sollen sich Zeit lassen. Doch das fällt vielen Eltern schwer, weil sie nach der Diagnose in einen Schockzustand verfallen. Sie wollen aus dem Schock schnell wieder heraus. Als erste Reaktion möchten viele das Baby nicht mehr in ihrem Bauch tragen. Die Hebamme kann hier dann als Vordenker und Begleiter unterstützen. Ich rate Eltern nach der Diagnose noch einmal nach Hause und in sich zu gehen. Nun müssen Fragen beantwortet werden, wie: Was kann ich jetzt für mein Kind noch tun? Wie soll es geboren werden? Wollen wir es beerdigen und wenn ja, wo? Welchen Namen wollen wir dem Kind geben? Vor allem Letzteres ist meiner Meinung nach sehr wichtig. Denn über ein Kind mit Namen lässt sich besser sprechen, als über „meine Fehlgeburt“. Es gibt viel zu tun und zu bedenken, obwohl die Eltern oft empfinden, dass sie nichts mehr tun können!

Bei der stillen Geburt wird geraten das Kind auf natürlichem Weg zu gebären. Warum ist das so wichtig und was spricht gegen den Kaiserschnitt?

Bei dem Kaiserschnitt handelt es sich um eine große Operation. Dabei werden bei der kleinen, noch unreifen Gebärmutter Schnitte gesetzt, deren Narben bei einer erneuten Schwangerschaft größer werden und so zu negativen Folgen, wie beispielsweise einem Gebärmutterriss, führen können.

Manche Psychologen sagen zudem, dass die natürliche Geburt auch die Verarbeitung des Erlebten beschleunigen würde, da mit der Geburt schon der Abschiedsprozess beginne.

Das empfinde ich als sehr zynisch und diese Aussagen sind nirgendwo belegt. Es hat vor allem körperliche Vorteile für die Frau. Außerdem können sich betroffene Mütter genauso wie bei einem Kaiserschnitt betäuben lassen. Egal wie das tote Kind geboren wird, den Trauerprozess erleichtert es nie.

Wie sollten sich Angehörige und Freunde den Betroffenen gegenüber verhalten?

Ahnungslose Menschen verstehen oft nicht, was der Tod eines Kindes für die Eltern bedeutet. Banale Sprüche wie „Aber ihr könnt es doch noch einmal versuchen“ sind unnötig und können sehr verletzen. Denn oft trauern Mütter nicht nur um das Leben ihres Kindes, sondern auch um den Lebensentwurf, der dahinter steckt. Wer es kann, sollte zuhören. Denn Zuhören ist das Wichtigste. Ratschläge sind auch Schläge, die kann man sich sparen. Frauen hilft es, wenn sie immer wieder erzählen können.

Frauen und Männer trauern unterschiedlich. Zerbrechen viele Beziehungen nach so einem Erlebnis?

Es gibt keine konkreten Zahlen über die Entwicklung der Beziehung von Paaren, die mit einer stillen Geburt umgehen mussten. Aber bei 85 Prozent aller verwaisten Eltern zerbricht die Beziehung. Dabei scheitert es oft an der Wissensfrage: Die Paare müssen sich deutlich machen, dass Männer und Frauen unterschiedlich trauern. Die Frau muss eben viel reflektieren und beschäftigt sich lange mit ihrem Inneren. Der Mann konzentriert sich dagegen wesentlich schneller wieder auf die Zukunft, schmiedet Pläne und sucht Unterstützung in alten Strukturen. Frauen unterstellen ihren Partnern dann oft, dass sie nicht richtig trauern würden. Männer glauben, dass ihre Frauen in einer Depression feststecken. Doch beides stimmt nicht. Die Geschlechter gehen eben einfach unterschiedlich mit dieser schwierigen Situation um.

Was kann unsere Gesellschaft noch für betroffene Eltern tun?

In jedem Krankenhaus gibt es Still- und Laktationsberaterinnen. Aber es gibt niemanden, der auf Trauer spezialisiert ist. Dabei sollten wir Betreuerinnen haben, die echte Qualifikationen aufweisen und auch unterschiedliche Kulturen betreuen können. Viel wird immer noch aus dem Bauch heraus gemacht. Gut gemeint ist dabei oft nicht gut gemacht.

Wie helfen Sie konkret?

Unser Verein „Leere Wiege Hannover“ bietet ab Herbst eine Weiterbildung zur Trauerbegleitung für früh verwaiste Eltern an. Denn alle Trauerbegleiterausbildungen in Deutschland befassen sich vor allem mit größeren Kindern oder erwachsenen Menschen, die in Hospizen oder Zuhause sterben. Aber auch die Felder der Pränataldiagnostik und anschließenden Kinderlosigkeit müssen behandelt werden. Das ist bislang ein blinder Fleck in den Ausbildungen.

Sie betreuen auch die Folgeschwangerschaften verwaister Eltern. Worauf achten Sie dabei besonders?

Mit diesen Eltern muss ich von der Gefühlsebene zu rationalen Erklärungen übergehen. Sie machen sich oft bei den kleinsten Anliegen schon Sorgen. Deswegen haben sie ein strenges Googleverbot und müssen sich mit jeder noch so kleinen Vorstellung oder Irritation bei mir melden. Da kommen dann beispielsweise Fragen wie: „Heute saß eine Fliege auf meinem Arm. Könnte diese Ebola auf mein ungeborenes Kind übertragen?“ Die Frauen wissen selbst, dass diese Fragen lächerlich sein könnten. Aber trotzdem müssen sie diese aussprechen und brauchen Fakten, die ihre Ängste widerlegen, damit sie sich sicherer fühlen.

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