Sternenkinder in Deutschland Still verloren: Wenn Frauen ihre Kinder tot gebären

Von Sarah Engel | 16.03.2015, 04:59 Uhr

Wenn Mütter ihre Kinder tot gebären müssen, sprechen Mediziner auch von einer stillen Geburt. Engagierte Hebammen und ein einfühlsamer Familien- und Freundeskreis bauen die Eltern auf, sobald der medizinische Betreuungsapparat versagt.

Wenn Alexandra Niemann mit ihrem ungeborenen Baby redete, legte sie die Hand auf ihren Bauch und streichelte das heranwachsende Leben unter ihrem T-Shirt sanft. Mit ihrem Mann sprach sie über den passenden Namen, gemeinsam besorgten sie erste Kleinigkeiten für das Kind. Die Schwangerschaft der jungen Frau verlief komplikationsfrei. Sie fühlte sich fit und gesund. Doch ein Vorsorgetermin in der 23. Schwangerschaftswoche sollte alles verändern. Als die Frauenärztin mit dem Ultraschallgerät über ihren Bauch fuhr, blieb es still: Die Herztöne des Babys waren verschwunden. Alexandra Niemanns Kind war tot. (Weiterlesen: Fünf Fakten zur stillen Geburt)

2556 Kinder kamen 2013 tot zur Welt

Zwischen 0,2 und 0,3 Prozent aller Kinder kommen in Deutschland tot zur Welt. Ärzte sprechen hier auch von einer „stillten Geburt“, weil das Kind keinen Laut von sich gibt, wenn es geboren wird. Nach dem Statistischen Bundesamt kamen 2556 Kinder im Jahr 2013 tot zur Welt, die ein Gewicht von mindestens 500 Gramm hatten. Babys, die unter diese Grenze fallen, werden nicht erfasst und gelten als Fehlgeburten. Als Begriff für verstorbene Säuglinge hat sich zudem die Bezeichnung „Sternenkind“ etabliert. Im Vergleich dazu erblickten 682069 Säuglinge lebend das Licht der Welt.

Persönlicher Abschied

Viele Eltern, die mit einer Totgeburt konfrontiert werden, fallen nach der Diagnose in einen Schockzustand. Hebammen wie Heidi Blohmann versuchen, eine Stütze für Betroffene zu sein. „Ich rate vielen Eltern nach der Diagnose noch einmal nach Hause und in sich zu gehen“, sagt Blohmann, die sich mit ihrem Verein „Leere Wiege Hannover“ um betroffene Eltern kümmert. Gemeinsam sollen sie entscheiden, was mit dem Kind nach der Geburt passiert und wie sie sich verabschieden möchten . Blohmann rät zudem, dem Baby einen Namen zu geben: „Denn über ein Kind mit Namen lässt es sich besser sprechen, als über ,meine Fehlgeburt‘.“ (Weiterlesen: Früh verwaiste Eltern: „Ein blinder Fleck in der Diagnostik“: das Interview mit Hebamme Heidi Blohmann)

Wie im Traum habe sie diese Tage erlebt, sagt Alexandra Niemann heute. „Ich war vollkommen erschöpft, habe alle meine Kräfte zusammen genommen und wollte es nur noch hinter mich bringen.“ Die Wehen wurden künstliche eingeleitet, ihre Fruchtblase platzte. Auf natürlichem Weg brachte Alexandra Niemann ihren toten Sohn zur Welt. Nebenan gebaren Frauen gesunde Kinder, Babygeschrei ertönte auf dem Flur. In ihrem Raum blieb es ganz still. Ihre Hebamme weinte, als sie Alexandras Sohn holte. „Das war ein komisches Gefühl“, erinnert sie sich. „Zuerst wollte ich unser Kind auch gar nicht sehen.“ Alexandras Mann überzeugte sie schließlich vom Gegenteil. „Er war ein wunderschönes, normales Baby. Nur eben ganz klein“, sagt die junge Frau. Wenn sie an den Moment vor mehr als fünf Jahren zurückdenkt, kämpft sie mit den Tränen.

Fuß- und Handabdrücke als Erinnerung

Zur Erinnerung wurde ihr Sohn, 320 Gramm schwer und 22 Zentimeter groß, nach der Geburt fotografiert. Die Bilder bewahrt Niemann in einer Box auf. Kliniken bieten heute noch mehr Möglichkeiten zum Gedenken. So werden Fuß- und Handabdrücke der Babys genommen oder Haarlocken aufbewahrt. In den vergangenen Jahren hat sich für Betroffene viel getan. Seit 2013 entscheidet nicht mehr das Gewicht des Babys, ob es eine Geburtsurkunde, einen Totenschein und ein Grab bekommt. Mit der Veränderung des Personenstandsrechts werden auch Säuglinge unter 500 Gramm als Kinder anerkannt.

Kritik an Trauerbegleitung

Kritik an dem Umgang mit verwaisten Eltern gibt es dennoch. Hebamme Heidi Blohmann bemängelt die Trauerbegleitung für Betroffene. „Es gibt in Kliniken niemanden, der auf Trauer spezialisiert ist. Dabei sollten wir Betreuerinnen haben, die echte Qualifikationen aufweisen können. Gut gemeint ist dabei oft nicht gut gemacht.“ Das erlebte auch Alexandra Niemann. Nach der Totgeburt versuchte sie, in ihren Alltag zurückzukehren. Doch sie kämpfte mit Schwindelattacken und Herzrasen. Ihre Ärzte fanden keine körperlichen Beschwerden, verwiesen sie mit Anzeichen von leichten Depressionen an einen Psychologen. Von ihrer Krankenkasse erhielt sie eine Liste mit Ansprechpartnern. Doch die Wartezeiten für Termine lagen bei mehr als einem halben Jahr. Mit Überweisungen und Informationen war für die behandelnden Ärzte der Fall abgeschlossen.

Für Alexandra Niemann jedoch nicht. Die Jahre danach seien für sie die Hölle gewesen. Gespräche mit Familie und Freunden halfen ihr. Erst als die zweite Schwangerschaft glückte und sie zwei Jahre später einen gesunden Jungen in den Armen hielt, konnte sie das Erlebte akzeptieren und für sich abschließen.

Die Erinnerung an ihren verstorbenen Sohn bleibt. Wenn sich der Tag ihrer stillen Geburt jährt, besucht Niemann das Sammelgrab für Fehlgeburten auf dem Zentralfriedhof ihrer Stadt. Die Box mit den Bildern liegt verschlossen in einer Schublade. Bis heute hat sie diese nicht mehr geöffnet. Der Anblick schmerzt immer noch zu sehr.

Anmerkung: Der Name der Betroffenen wurde von der Redaktion verändert.

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