„Klägliches Erscheinungsbild“ Osnabrücker Expertin: IT-Branche versagt bei Frauenförderung

Von Waltraud Messmann | 07.03.2014, 09:00 Uhr

Die Osnabrücker Professorin Barbara Schwarze hat der IT-Branche in Sachen Frauenförderung ein „klägliches Erscheinungsbild“ vorgeworfen. Trotz des viel beklagten Fachkräftemangels sei die Zahl junger Frauen in klassischen IT-Berufen (beispielsweise bei den Fachinformatikerinnen oder den Informatikkaufleuten) seit Ende der 70er-Jahre zurückgegangen, kritisierte Schwarze, die an der Hochschule Osnabrück Gender und Diversity Studies lehrt, in einem Gespräch mit unserer Zeitung.

Es fehle bei den IT-Unternehmen offenbar nach wie vor der feste Wille, sich auf junge Frauen als Mitarbeiterinnen einzustellen. „Und das ist ein Armutszeugnis für die ganze Branche“, so die Expertin.„Was wir in Deutschland brauchen, sind Veränderungen in den Betrieben selbst“, forderte Schwarze, die auch Mitglied des Präsidiums der Initiative D21 ist. Das Expertengremium hat sich die Förderung der digitalen Gesellschaft in Deutschland zum Ziel gesetzt. Frauen müssten endlich das Gefühl haben, „wenn ich in diese Branche gehe, dann lohnt sich das für mich auch“, so Schwarze. Stattdessen würden weibliche Rollenvorbilder fehlen und in Bildern, Sprache und Karrierewegen zu wenig klientelorientiert geworben.

Personalverantwortliche setzten nach wie vor auf Erfahrungen, die sie mit einer fast ausschließlich männlichen Klientel gewonnen hätten. „Sie haben noch nicht begonnen, sich auf ihre neue Zielgruppe – junge Frauen als Auszubildende, Mitarbeiterinnen oder Studierende – zu konzentrieren und sich über die Barrieren, Hindernisse und neue Rekrutierungswege zu informieren“, kritisierte Schwarze. Familiäre Verpflichtungen würden noch in viel zu hohem Maße den qualifizierten Frauen zugeschrieben und wirkten sich dadurch karrierehemmend aus. Führung in Teilzeit und Arbeitszeit unterhalb des Vollzeitumfangs würde zukünftig für junge Frauen wie für junge Männer interessanter werden, daher wäre es wichtig, sich frühzeitig darauf einzustellen und dies auch an junge Leute zu kommunizieren. Schwarze verwies in diesem Zusammenhang auf große Unternehmen in den USA, die dies konsequent in Mentoringprogramme und Fortbildung für Management und Mitarbeiter einbringen würden.

Solange sich die deutschen Unternehmen aber mit diesen Veränderungen schwer- täten, würden junge Frauen keine technischen Ausbildungen und Unternehmen wählen. „Sie gehen dorthin, wo sie das Gefühl haben, das ist ein Arbeitsplatz, wo ich als Frau willkommen bin.“

Erhebliche Fortschritte sieht Schwarze unterdessen bei der Zahl weiblicher Studienanfänger in den sogenannten MINT-Fächern (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Nach ihren Angaben liegt der Anteil der Studienanfängerinnen in der Informatik erstmals über 22 Prozent und im Maschinenbau über 20 Prozent. „Selbst in der Elektrotechnik, wo wir immer unter 10 Prozent stagnierten, sind wir jetzt über 12 Prozent mit kontinuierlich ansteigendem Anteil an jungen Frauen“, so Schwarze. Dass sich diese Entwicklung nicht in den entsprechenden Technikberufen widerspiegele, hänge auch mit fehlenden Anreizen zusammen, die derzeit im Hochschulbereich gegeben würden, für die Unternehmen aber noch fehlten.