Kein evolutionärer Vorteil „Cappuccino-Bären“ werfen viele Fragen auf

Von Christian Lang | 19.04.2015, 20:00 Uhr

Im Osnabrücker Zoo gehören die beiden Hybridbären Tips und Taps zu den großen Attraktionen. Eine Kreuzung zwischen Eisbär und Braunbär könnte in der Arktis bald keine Seltenheit mehr sein. Grund dafür ist der Klimawandel: Durch das Schmelzen des Polareises treffen die beiden Arten immer häufiger zusammen. Was das für Konsequenzen hat, ist noch unklar.

Die Prognosen für Eisbären sehen nicht gerade rosig aus: Durch den Klimawandel schmilzt den Raubtieren zunehmend der Lebensraum unter den Füßen weg. Ohne das Eis fehlt den Eisbären aber eine wichtige Nahrungsgrundlage: Hier jagen sie im Winter die Robben. Das dabei angefressene Fett benötigen sie, um im Sommer überleben zu können.

Die verstärkte Öl- und Gasförderung in der Arktis schränkt den Lebensraum der Bären zusätzlich ein. Die Gifte, denen sie dabei ausgesetzt werden, und die daraus resultierenden Krankheiten kommen hinzu. Laut Studien wird sich die Zahl der Eisbären bis zum Jahr 2050 um rund zwei Drittel verringern. Das ist auch deswegen alarmierend, da die Raubtiere in den vergangenen Jahrtausenden bereits einige Warmphasen überlebt haben – sie sind also durchaus anpassungsfähig.

„Wir müssen unser Verhalten ändern, sonst wird der Eisbär als Art womöglich nicht überleben“, sagt Axel Janke. Stattdessen könnte es vermehrt zu Mischformen kommen, so der Frankfurter Evolutionsbiologe. (Weiterlesen: Inspiriert von Tips, Taps und Klimawandel) 

Folge des Klimawandels

Noch ist dieses Phänomen recht selten: 2006 wurde in der Arktis ein Bär erschossen, der ein weiß-bräunliches Fell aufwies – eine Mischung aus Eisbär und Grizzlybär. Das Auftreten dieser Hybridbären – teilweise werden sie auch Grolars oder Pizzlys genannt – sind eine direkte Folge des Klimawandels. Während Braunbären wie Grizzlys auf dem Land leben, sind Eisbären, wie ihr Name bereits verrät, auf dem arktischen Eis beheimatet. Durch das Schmelzen der Polkappen überschneiden sich auch die Lebensbereiche der eigentlich getrennt voneinander beheimateten Arten. Da die Barriere verschwindet, zieht es die Braunbären weiter in den Norden.

Kreuzungen sind die Folge. Die daraus resultierenden Hybridbären weisen Eigenschaften von beiden Elternteilen auf. Wie die Eisbären jagt die Mischform bevorzugt Robben, dafür können die Hybridbären nicht so gut schwimmen. Auch im Zoo Osnabrück gibt es seit einigen Jahren zwei Hybridbären: Tips und Taps wurden dort im Jahr 2004 geboren. Auch sie zeigen Merkmale beider Elternteile: Die Ohren der Hybriden sind größer als die von Eisbären, aber kleiner als die von Braunbären. Die Fellfarbe ist weiß-bräunlich und variiert im Laufe des Jahres. Liebevoll werden die beiden deshalb „Cappuccino-Bären“ genannt. (Weiterlesen: Ohne Wissen kein Klimaschutz) 

Nicht gut angepasst

Auf den ersten Blick klingt das Auftreten dieser Mischlingsform gar nicht so besorgniserregend. Doch was bedeutet es, wenn Evolutionsbiologe Janke davon spricht, dass er „befürchte“, es werde in Zukunft häufiger zu einer derartigen Hybridisierung kommen? Die Mischbären sind einfach nicht so gut an ihre jeweilige Umwelt angepasst, wie es ihre Eltern sind. Die Haare weisen nicht so viele Hohlräume auf wie bei einem Eisbär – in der Arktis nicht von Vorteil. „Dadurch sind die Hybridbären kälteanfälliger“, so Janke. Forscher sprechen gar davon, dass die Bären Probleme hätten, zu überleben. In der freien Wildbahn seien sie ihren Konkurrenten um Nahrung unterlegen.

Noch viele Fragezeichen

„Die Kreuzung ist definitiv kein Evolutionsvorteil“, sagt Janke deshalb. Zudem verringere sich die genetische Variabilität durch die Kreuzungen. Aus Sorge, die Mischung des Erbguts könne zum Aussterben bedrohter Arten beitragen, haben einige Wissenschaftler sogar dafür plädiert, Vertreter derartiger Mischformen zu töten. Da in freier Wildbahn bisher erst wenige Hybridbären beobachtet wurden, gibt es noch reichlich Fragezeichen.

Vieles gehört noch in den Bereich der Spekulation. Darunter auch die Frage, wie die tatsächlichen Überlebenschancen der Bären aussehen. Klar ist jedenfalls: Die Mischlinge können sich durchaus fortpflanzen. So berichtet Janke von einem Fall, in dem sich ein Hybrid mit einem Eisbären gepaart hat. Der Braunbär-Anteil fiel beim Nachkommen daher von 50 auf 25 Prozent.