Grippewelle in Frankreich Grippe-Virus A (H3N2) dominiert auch in Deutschland

Von Waltraud Messman | 13.01.2017, 07:00 Uhr

Die in Frankreich grassierenden Influenza-Viren des Subtyps A (H3N2) sind auch in Deutschland dominierend. Das bestätigte die Pressesprecherin des Robert-Koch-Instituts Susanne Glasmacher in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Das bedeute aber nicht zwangsweise, dass auch in Deutschland eine ähnlich schwere Grippewelle wie in Frankreich zu erwarten sei. „Da jedes Land ein unterschiedliches Impf- und Immunitätsmuster hat, kann man das schlicht nicht vorhersagen“, stellte Glasmacher klar.

„Es gibt keine Regel ohne Ausnahme“, sagte die RKI-Sprecherin. So habe es auch schon H3N2-dominierte Grippewellen gegeben, die nicht so schwer verlaufen seien. Richtig sei aber, dass der Subtyp A (H3N2) häufig mit schweren Komplikationen vor allem bei älteren Menschen einhergehe.

Kapazitätsgrenze erreicht

In Frankreich bringt eine schwere Grippewelle derzeit viele Krankenhäuser an ihre Kapazitätsgrenze. Seit 1. November wurden landesweit 627 Patienten mit schweren Grippesymptomen auf der Intensivstation behandelt, 52 von ihnen starben. Gesundheitsministerin Marisol Touraine forderte die Kliniken auf, notfalls nicht dringende Operationen aufzuschieben, um genug Betten für Grippepatienten zu haben. Frankreichs Staatschef François Hollande hat am Donnerstag eine Krisensitzung einberufen. Schuld an der Grippewelle sind vor allem Influenza-Viren des Subtyps A (H3N2).

98 Prozent

Nach einer Statistik des Robert-Koch Instituts für die erste Januarwoche sind Influenza-A-(H3N2-)Viren auch in Deutschland mit 98 Prozent die bisher am häufigsten identifizierten Influenzaviren. Da trifft es sich gut, dass diese Virusvariante Bestandteil des Dreifachimpfstoffes ist, den die gesetzlichen Krankenkassen für diese Grippesaison eingekauft haben.

Glasmacher appellierte an die Risikogruppen, sich jetzt noch impfen zu lassen. Das gelte vor allem für ältere Menschen, bei denen der A (H3N2) besonders schwere Komplikationen hervorrufen könne. Nach einer aktuellen Auswertung von Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) lassen sich aber immer weniger ältere Menschen gegen Grippe impfen.

Weitere Risikogruppen sind chronisch Kranke sowie Schwangere. Für medizinisches Personal gilt die Impfempfehlung gleichermaßen, da durch die Vielzahl enger Patientenkontakte grundsätzlich eine erhöhte Ansteckungsgefahr besteht.

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„Impfung lohnt sich“

Auch wenn die Grippesaison bereits begonnen habe, „eine Impfung lohnt sich noch“, betonte Glasmacher. Der Impfschutz brauche zwei Wochen, um sich voll aufzubauen. Der Gipfel der Grippewelle in Deutschland werde dann noch nicht erreicht sein. Glasmacher rät, die Impfentscheidung im Einzelfall mit dem Arzt abzuklären.

Eine Aussage über die Wirksamkeit des Impfstoffs hinsichtlich der A-(H3N2-) Virusvariante konnte Glasmacher allerdings nicht machen. Das liege daran, dass der übliche Test zur Prüfung der Effizienz einzelner Impfstoffkomponenten bei A (H3N2) nicht funktioniere, erläuterte sie. Eine Aussage darüber, sei erst möglich, wenn ausreichend Krankheitszahlen vorlägen und bei Geimpften und Nichtgeimpften verglichen werden könnten.Laufende Untersuchungen zur Impfeffektivität aus Finnland und Schweden deuten aber auf eine verhältnismäßige niedrige Wirksamkeit des aktuellen Impfstoffs gegen die zirkulierenden A-(H3N2-)Viren hin. Die Impfwirksamkeit in der Altersgruppe 65 Jahre und älter liegt demnach zurzeit bei 30 Prozent.

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Neun Todesfälle

In Deutschland wurden bisher mehrere Grippeausbrüche in Krankenhäusern in verschiedenen Bundesländern – und neun Todesfälle, davon acht bei Menschen ab 60 Jahren, gemeldet. Schwerpunkt ist nach Angaben von Glasmacher derzeit Bayern. Relativ viele Grippefälle gebe es auch schon in Nordrhein-Westfalen und Sachsen. Nach Angaben des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes ist die Influenza-Rate in der ersten Januarwoche auf 15 Prozent gestiegen. Von einer Grippewelle spricht man ab 20 Prozent.

Gemäß den Empfehlungen der WHO und des Ausschusses für Humanarzneimittel (CHMP) bei der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) setzt sich der Dreifachinfluenzaimpfstoff für die Saison 2016/2017 aus den Antigenen weltweit zirkulierender Varianten folgender Viren zusammen.

•  A/California/07/2009 (H1N1)

•  A/Hong Kong/4801/2014 (H3N2)

•  B/Brisbane/60/2008 (Victoria-Linie)

In dem teureren Vierfachimpfstoff, der von den gesetzlichen Krankenkassen nicht eingekauft wird, ist zusätzlich noch eine Variante von B/Phuket/3073/2013 aus der Yamagata-Linie enthalten.

Gute Übereinstimmung

In der Grippesaison 2015/2016 war ausgerechnet die dominierende Virusvariante B/Brisbane/60/2008 aus der B-Victoria-Linie nur in dem Vierfachimpfstoff enthalten, der von den gesetzlichen Krankenkassen nicht eingekauft worden war. „Den Nachteil, den man im vergangenen Winter hatte, dass bei B eine Variante zirkuliert hat, die nicht im Dreifachimpfstoff war, gibt es in dieser Saison nicht“, betonte Glasmacher. Die beiden derzeit zirkulierenden Influenza-B-Viren zeigten auch eine gute Übereinstimmung mit der Komponente aus dem Dreifachimpfstoff B/Brisbane/60/2008 und der nur in dem Vierfachimpfstoff enthaltenen Variante B/Phuket/3073/2013. Für das Krankheitsgeschehen in Deutschland spielten die B-Varianten aber bisher noch keine große Rolle. Dies gelte auch für den unter dem Begriff Schweinegrippe bekannten Subtyp A (H1N1). „Da hat der Impfstoff aber bisher eigentlich immer gepasst“, meint Glasmacher.