Fenster im Elfenbeinturm Immer mehr Wissenschaftler bloggen

Von Anne Spielmeyer | 17.08.2013, 10:30 Uhr

Klares Denken im Delirium, Astronomie für Anfänger, Heraldik für Fortgeschrittene: Immer mehr Wissenschaftler bloggen. Von einer Forschungskultur im Umbruch.

Ekstase fördert tiefe Einsichten, behauptet die Wissenschaft. Wo steht das? Im Internet. Ach herrje, im Internet, werden die einen jetzt abwinken. Die anderen aber werden weiterlesen und etwas erfahren über Jimi Hendrix und die Heilige Theresa in Ekstase, über den Rausch der Literaten und die Höhenflüge der Derwische islamischer Sufi-Orden.

Kein zusammengesuchter Wahnsinn, sondern das Extrakt fundierter Wissenschaft im Blog „Klares Denken im Delirium. 500 Jahre Ekstase in Religion und Literatur“. Ein öffentlicher Eintrag aus dem Forschungs-Tagebuch von Marc Mudrak, der an der Uni Heidelberg promoviert.

Forschung kostet

Immer mehr Wissenschaftler schreiben im Internet über ihre Forschung – für Kollegen oder für Laien. Jüngere häufiger als Ältere, Natur- und Technikwissenschaftler öfter als Geisteswissenschaftler, sagt Dorothee Menhart von „Wissenschaft im Dialog“.

Das Ekstase-Blog ist eines von mittlerweile 100 wissenschaftlichen Blogs auf de.hypotheses.org , dem Portal für Geistes- und Sozialwissenschaften. Seit März 2012 ergänzt es große Portale wie scienceblog.de , scilogs.de oder forschungs-blog.de , die eher technisch oder naturwissenschaftlich ausgerichtet sind. „Blogs sind wichtig für den Dialog und für die Transparenz“, betont Beatrice Lugger vom Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik). Stiftungen, die Fachbereiche finanziell unterstützen, pochen zunehmend auf Sichtbarkeit. Und: Forschungsgelder sind Steuergelder. In Zeiten knapper Kassen gerät auch die Wissenschaft zunehmend unter Druck. Was passiert mit dem Geld an unseren Hochschulen?

Angst vor Plagiaten

Die digitale Revolution bietet viele Möglichkeiten, die Arbeit transparent zu machen. Trotzdem mutiert nicht jeder Fachwissenschaftler gleich zum Hobby-Publizisten. Laut einer Studie der Uni Gießen zur digitalen Wissenschaftskommunikation gibt es unter Forschern Ängste und Vorbehalte: „Die Unübersichtlichkeit im Internet, das Nebeneinander von Trivialem und Relevantem ist ein wesentlicher Grund, der Wissenschaftler vom Bloggen abschreckt“, sagt Mareike König, Gründerin des geisteswissenschaftlichen Portals de.hypotheses.org.

Hinzu gesellten sich Aspekte wie Qualitätssicherung, die Angst vor Plagiaten, fehlende Zeit und die gefährdete Archivierung. Wer schreibt da? Und wer klaut?

Ängste seien verständlich. Für viele sei das Bloggen Neuland, aber: Portale reagieren darauf, betont König. de.hypotheses.org, das von der Max-Weber-Stiftung finanziert wird, will die Qualität heben und Forscher schulen. Nur Wissenschaftler, die forschen, oder Archivare dürfen hier Einträge schreiben. Die Texte werden von einer Redaktion gesichtet und korrigiert. „Es gibt gegenwärtig einen Umbruch in der Forschungsskultur“, sagt König. „Die Zeit der Wissenschaft im versteckten Kämmerlein ist vorbei.“ Open science.

Fenster im Elfenbeinturm

Der Prozess vor dem Produkt rückt in den Blick. Es geht nicht in erster Linie darum, das neueste und exklusivste Ergebnis sofort in die digitale Welt zu schicken, sondern um Einblicke. „Mit einem Blog öffnen wir ein Fenster im Elfenbeinturm“, sagt Mareike König. „Wir können zeigen, wie Forschung funktioniert, wie wir arbeiten.“ Mit Fundstücken soll Interesse geweckt werden und „die Welt da draußen“ beteiligt werden – in der Archäologie gebe es zum Beispiel viele Interessenten. Auch Laien könnten bei manchen Themen weiterhelfen. Wenn es darum geht, Personen und Orte aus einem historischen Foto-Fundus zu identifizieren, können die Bilder ins Netz gestellt und die User befragt werden: Crowdsourcing nennt man das.

Vernetzte Vielfalt

Darüber hinaus können sich Wissenschaftler aus aller Welt in Blogportalen vernetzen und Sichtweisen zu Nischen-Themen austauschen. „In den Geisteswissenschaften gibt es selten die klassische Entdeckung“, sagt König. „Wir spielen alle mit den gleichen Karten. Wir mischen sie nur anders.“ Vernetzen ergibt Sinn, trotzdem birgt das Bloggen Grauzonen: Manche Prüfungsordnungen schließen Veröffentlichungen vor Abschluss der Promotion aus - wie eng die Grenzen gesteckt werden, ist unklar, berichten Wissenschaftler aus der Praxis. Ein Fenster ist also geöffnet, nicht aber jede Tür.

Auch Lehre profitiert

Torsten Hiltmann, Juniorprofessor für Geschichte des Hoch- und Spätmittelalters an der Uni Münster, kennt die Grauzonen. Kein Grund für ihn, schwarz zu sehen. Er vernetzt sich europaweit zum Thema Heraldik mit seinem Blog „ Heraldica nova “ auf de.hypotheses.org. Der 37-Jährige füttert das digitale Tagebuch mit Wappen, ihrer historischen Bedeutung und den damit verknüpften Wirrungen des Adelsgeschlechts.

Auch für seine Studierenden gibt es ein Blog: „ Junge französische Mediävisten zu Gast in Münster “. Hier können sie in Formaten wie „Fünf Fragen an“ Gastwissenschaftler aus Frankreich interviewen. Ihre Arbeit landet so nicht nur auf dem Schreibtisch des Professors und später im Altpapier, sondern kann von Freunden und Kollegen angeschaut werden. Der Blick durch das Fenster geht nicht nur rein in den Turm, sondern auch raus. „Es ist eine win-win-Situation“, findet Hiltmann. „Ich kann meine Arbeit wahrnehmbar präsentieren, kann zugleich aber rausschauen und sehen, was Hobby-Heraldiker so treiben.“ Sie äußern sich zum Beispiel in Kommentaren. „Mein Blog liegt irgendwo zwischen dem persönlichen Gespräch auf der Straße und dem wissenschaftlichen Aufsatz“, findet Hiltmann. Es seien Häppchen - aber die lassen sich bekanntlich ja auch gut verdauen.