Dosis entscheidend Experte: Lightprodukte können vernünftig sein

Von Eva Voß | 20.09.2013, 16:30 Uhr

Im Interview erklärt Hans-Georg Joost, Leiter des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke, warum die Deutschen immer dicker werden, was es mit den gängigen Vorurteilen über Süßstoff auf sich hat und warum vor allem Bauchfett so ungesund ist.

Herr Prof. Dr. Joost, wie schädlich ist Zucker für unsere Gesundheit?

Wie bei fast allen Dingen kommt es auch hier immer auf die Dosis an. Es ist überhaupt nichts dagegen zu sagen, wenn Zucker in Maßen konsumiert wird. Zucker ist nur im Übermaß und vor allem in Kombination mit Fett ungesund, weil dies zu einer überkalorischen Ernährung führen kann.

Ist der durchschnittliche Zuckerkonsum der Deutschen denn angemessen, oder ist er zu hoch?

Das ist schwer an einer Zahl festzumachen. Da gibt es eine ganze Spannbreite. Der Durchschnittswert sagt auch nichts über den Konsum jedes Einzelnen aus. Ich esse zum Beispiel sehr wenig Zucker und würde den Durchschnitt eher senken. Andere wiederum trinken regelmäßig zuckerhaltige Getränke, aber ernähren sich trotzdem ansonsten gesund. Rein rechnerisch liegt der durchschnittliche Pro-Kopf-Zuckerkonsum bei 93 Gramm pro Tag, aber deutlich über den Empfehlungen von 50 Gramm pro Tag.

Ist es bei zuckerhaltigen Getränken dann besser, auf Light-Produkte zurückzugreifen, oder ist das eigentlich egal?

Wenn man weniger Kalorien zu sich nehmen und trotzdem beispielsweise Cola trinken will, ist das der vernünftigere Weg. Der Nachteil ist in meinen Augen vor allem der bittere Nachgeschmack der Süßstoffe. Dieses Problem ist noch nicht gelöst. Ansonsten sehe ich keine Nachteile von Süßstoffen.

Und was ist mit den Schlagzeilen, dass Süßstoff krebserregend ist?

Die krebserregende Wirkung von Stoffen wird immer erst im Tierversuch getestet. Da haben wir zahlreiche Substanzen, die in Tiermodellen Krebs auslösen, beim Menschen aber nicht. Für zwei Süßstoffe wurde in Mäusen eine Krebs auslösende Wirkung festgestellt, das waren Saccharin und Aspartam. Es gibt aber keinerlei Hinweise, dass das auch bei Menschen der Fall ist. Ich würde daher Entwarnung geben. Wie ich eingangs sagte, ist alles abhängig von der Dosis. Wenn man Dinge im Übermaß zu sich nimmt, muss man auch mit negativen Auswirkungen rechnen.

Was ist mit Heißhungerattacken?

Solche Behauptungen tauchen immer mal wieder auf, aber ich halte das für unzureichend belegt. Man kann zwar nicht völlig verwerfen, dass es Personen gibt, die auf Süßstoffe mit größerem Hunger reagieren, aber ich halte die Studiendaten für nicht ausreichend.

Viele Menschen verwenden statt Zucker Honig, um Speisen wie Müsli oder Tee zu süßen. Ist das wirklich gesünder?

Es ist physiologisch egal, ob Sie Honig oder Zucker verwenden. Honig unterscheidet sich vom Haushaltszucker dadurch, dass er freie Fruktose und Glukose in etwa gleichen Teilen enthält. Haushaltszucker enthält diese Zucker in chemisch verbundener Form, körpereigene Enzyme spalten die Bindung, um die beiden Zucker verwerten zu können. Früher nahm man an, dass Fruktose ungesund ist. Für sehr hohe Dosierungen stimmt das auch, aber nicht für ein bisschen Honig im Müsli. Da gibt es keine Bedenken, es ist eine Frage des Geschmacks.

Werden die Deutschen wirklich immer dicker?

Die Zahlen sagen, dass es in den letzten Jahrzehnten einen eindeutigen Trend zu immer mehr Übergewicht und sogar Fettsucht gegeben hat. Dieser Trend ist mittlerweile etwas abgeflacht.

Liegt das eher am übermäßigen Zuckerkonsum oder doch eher am Fett?

Wir denken, es ist nicht nur Zucker oder nur Fett, sondern die Kombination aus beidem. Der Mensch ist so angelegt, dass er gerne Kalorien zu sich nimmt. Im Fett sind viele Kalorien, und wenn man zum Fett noch Zucker gibt, dann schmeckt es besser, und es wird mehr davon gegessen. Niemand würde auf die Idee kommen, Fett ohne Zucker zu sich zu nehmen – also reine Butter zu essen. In Kombination mit Zucker wird Fett zum Genussmittel, zum Beispiel als Schokolade. Das schmeckt gut, und das ist auch in Ordnung. Es ist nur wichtig zu wissen, dass die Kombination Fett-Zucker wenig sättigt und man dann schnell zu viel davon isst. Außerdem kommt zu Zucker und Fett oft noch ein Geschmacksverstärker in Form von Salz dazu. Der macht das Genussmittel in der richtigen Konzentration noch angenehmer. In meinen Augen ist das der Grund, warum das Übergewicht zu einem größeren Problem geworden ist. Wir haben uns Unmengen an Lebensmitteln geschaffen, die gut schmecken, viele Kalorien haben und nicht satt machen.

Wo ist da der Zusammenhang zur Diabetes-Typ2-Erkrankung?

Übergewicht erhöht das Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Übergewicht oder auch Fettsucht äußert sich ja in einer Fettansammlung, und da ist für das Krankheitsrisiko entscheidend, wo sich das Fett befindet. Das Fett unter der Haut ist für eine Diabetes-Erkrankung nicht maßgeblich, aber wenn das Fett sich im Bauchraum befindet, kommt es zu einer Störung des Glukosestoffwechsels, und so steigt das Risiko für die metabolische Erkrankung Diabetes mellitus.

Wenn Sie die Produktion eines Lebensmittels verbieten lassen könnten, welches wäre das?

Keins, denn es gibt keine Lebensmittel, die absolut ungesund sind. Es gibt aber gesunde und ungesunde Ernährungsweisen, die durch die Menge und Kombination der verzehrten Lebensmittel entsteht. Wenn ich aber ein Lebensmittel empfehlen sollte, wäre es das Vollkornbrot. Es macht satt, und man nimmt nicht zu viele Kalorien zu sich. Zudem ist der Verzehr von Vollkornbrot auch mit einem gesenkten Risiko von Darmkrebs und Diabetes verbunden. Bei allen anderen, vielleicht als ungesund angesehenen Lebensmitteln, wie zum Beispiel rotes Fleisch, Fast Food, zuckerhaltige Getränke und kalorienreiche Fertiggerichte, sehe ich keine Notwendigkeit für Verbote, sondern nur die Notwendigkeit, den Verzehr zu reduzieren.