Deutschland Faszination Zeppelin

Von Roland Thöring | 09.09.2022, 15:53 Uhr

Am Bodensee verkehrt das größte Passagierluftschiff der Welt. Jeweils zwölf Personen können mitfliegen. Das ist nur hier möglich – und nicht nur deshalb ein einzigartiges Erlebnis.

Er glich einem fliegenden Luxushotel und war mit seiner Länge von 245 Metern zugleich das größte jemals gebaute Luftfahrzeug der Welt: der Zeppelin „LZ 129 Hindenburg“. Ganz so groß ist sein moderner Nachfolger Zeppelin NT zwar nicht. Mit einer Länge von 75 Metern, einer Höhe von 17,4 Metern und einem Hüllenvolumen von 8425 Kubikmetern ist er gleichwohl das derzeit größte Passagierluftschiff der Welt. Und niemand, der der Faszination der „fliegenden Zigarre“ erliegt, muss heute befürchten, genauso tragisch zu enden wie die Passagiere der „Hindenburg“ im Jahr 1937, als der damals noch mit Wasserstoff gefüllte Zeppelin bei der Landung im amerikanischen Lakehurst in Flammen aufging.

Wer rund um den Bodensee Urlaub macht, bekommt das Luftschiff beinahe täglich zu Gesicht. Zwölf verschiedene Routen bietet die Fluggesellschaft Deutsche Zeppelin-Reederei GmbH ab Friedrichshafen an. Im Angebot sind Flüge mit einer Dauer zwischen 30 und 120 Minuten. Unter sanftem Motorenbrummen geht es im gemütlichen Tempo von höchstens 70 km/h hinaus auf den wunderbar grün leuchtenden See und zurück über Friedrichshafen oder bei den weiteren Flügen gar bis zum Rheinfall nach Schaffhausen in der Schweiz.

Malerische Aussicht

Die geringe Reisegeschwindigkeit lässt dem Auge Zeit, die Schönheiten rund um das „schwäbische Meer“ zu genießen. Aus 300 Meter Höhe bieten sich durch die großen Fenster fantastische Ausblicke auf das romantische Meersburg und die Pfahlbauten bei Überlingen, auf die Blumeninsel Mainau, das Weltkulturerbe Klosterinsel Reichenau und die Schweizer Bergwelt. Einmalig ist der Moment, wenn unten auf dem See der riesige Schatten des Luftschiffs einem winzigen weißen Segelboot begegnet. Noch befindet sich in Friedrichshafen der einzige Flughafen in Deutschland, von dem aus ein Zeppelin während der Saison von April bis Mitte November zum Rundflug startet; im kommenden Jahr soll das auch über Köln, Frankfurt und München möglich sein.

Ja, der Zeppelin NT fährt nicht, er fliegt. Denn anders als seine historischen Vorgänger ist er schwerer als die Luft. Drei jeweils 200 PS starke Motoren treiben ihn an. Weil die Propeller schwenkbar sind, kann der Zeppelin NT senkrecht starten, auf der Stelle schweben und punktgenau landen.

Seine Hülle ist mit dem unbrennbaren Gas Helium gefüllt. Und im Gegensatz zu Prallluftschiffen, sogenannten Blimps, verfügt der Zeppelin NT über eine starre, dreieckförmige Innenkonstruktion aus Aluminiumträgern, Bauteilen aus Karbon und Aramidseilen – laut Hersteller ZLT Zeppelin Luftschifftechnik in Friedrichshafen als weltweit einziger Luftschifftyp. Das „NT“ im Namen steht also für „neue Technologie“. Fünf Exemplare wurden bislang gebaut, zum Stückpreis von 10 Millionen Euro. Drei Zeppelin NT sind für den amerikanischen Reifenhersteller Goodyear in den USA unterwegs, zwei fliegen in der Bodenseeregion. Im einzigen für den kommerziellen Passagierbetrieb zugelassenen Luftschiff der Welt mitzufliegen ist also ein exklusives Vergnügen. Auch beim Preis. Zwischen 265 und 880 Euro kostet derzeit der Flug, je nach gewählter Route.

Fliegender Passagierwechsel

Dafür bietet die Deutsche Zeppelin-Reederei ein komplettes Rundumerlebnis. Wer einen Flug gebucht hat, muss eine Stunde vor dem Start einchecken. Ins Thema führt ein kleiner Film ein, dann werden die Passagiere wie auf dem Großflughafen aufgerufen. Mit dem Bus geht es über das Rollfeld zum Startplatz des Zeppelins. Schwebt dieser vom vorherigen Rundflug kommend ein, empfiehlt es sich, exakt den Anweisungen der Crew zu folgen. Ein Mann genügt, den Zeppelin mit einem Seil am Boden zu halten. Wenn der Seitenwind es will, dreht sich das Luftschiff aber während des Passagierwechsels ein wenig um die Längsachse, sodass sich die angehängte Treppe mitbewegt. Damit der Zeppelin nicht auf einen Schlag zu leicht wird, steigen für jeweils zwei Fluggäste, die die Kabine verlassen, zwei neue ein, bis die 14 Einzelsitze wieder besetzt sind.

Mit erstaunlicher Geschwindigkeit erhebt sich das riesige Luftschiff in den Himmel. Auf der vorgesehenen Flughöhe angekommen, darf der Beckengurt gelöst werden. Die Passagiere können sich in der Kabine frei bewegen. Eine Flugbegleiterin steht den Gästen zur Seite und beantwortet Fragen zum Luftschiff und den überflogenen Sehenswürdigkeiten. Für den ungetrübten Blick und die beste Fotosicht lassen sich einzelne Fenster öffnen, und wer das Risiko nicht scheut, kann mitten über den Bodensee das Luftschiff sogar am ausgestreckten Arm von außen ablichten. So ruhig, wie der Zeppelin NT zuvor dahinglitt, so ruhig verläuft auch die Landung. Dann erfolgt der nächste fliegende Passagierwechsel.

Zum Abschluss noch eine Überraschung: Für jeden Fluggast gibt es neben einem reich bebilderten „Bordbuch“ mit vielen Informationen zur Geschichte des Zeppelins und des NT eine Urkunde, unterschrieben vom jeweiligen Piloten. Mit etwas Glück ist auch die etwas Besonderes: Dann stammt die Unterschrift von Kate Board, der einzigen Frau, die in Europa einen Zeppelin steuern darf.

Mehr Informationen:

Für Zaungäste: Wer nicht fliegt, kann dennoch nah dran sein. Vom Restaurant (mit Außenterrasse) im Zeppelin-Hangar aus hat man beste Sicht auf Starts und Landungen.

Werftbesichtigung: Der Hangar des Zeppelin NT ist 110 Meter lang, 69 Meter breit und 34 Meter hoch und zählt damit zu den größten Hallen in Süddeutschland. Während der Flugsaison von April bis Mitte November werden Führungen angeboten; wegen der Corona-Pandemie aktuell allerdings nicht für Einzelpersonen.

Nicht verpassen: Das Zeppelin-Museum im ehemaligen Hafenbahnhof von Friedrichshafen beherbergt die weltgrößte Sammlung zu Geschichte und Technik der Luftschifffahrt. Besonderes Highlight ist der begehbare Nachbau der „Hindenburg“. Bequem: Das Auto kann am Zeppelin-Hangar stehen bleiben, und man nimmt den „Messe-Bus“ in die Innenstadt.

Infos und Flugbuchung: Deutsche Zeppelin-Reederei, Messestraße 132 in Friedrichshafen, Tel. (0 75 41) 59 00-0, www.zeppelinflug.de

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