Abgabeverbot an Minderjährige? Energydrinks im Zwielicht: EU-Kommissar für Gesundheit besorgt

Von Waltraud Messmann | 21.01.2015, 11:06 Uhr

Der EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Vytenis Andriukaitis, hat die steigende Beliebtheit von Energydrinks bei Kindern und Jugendlichen in Europa und den damit verbundenen Koffeinkonsum als „besorgniserregend“ bezeichnet.

Die verfügbaren Informationen für Kinder und Jugendliche seien offenbar nicht ausreichend, um einen zu hohen Koffeinkonsum zu vermeiden, betonte Andriukaitis in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Er kündigte an, „gemeinsam mit der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA darüber zu diskutieren, was die EU-Staaten hier gegebenenfalls unternehmen sollten“. Die EFSA hatte jüngst zum Teil alarmierende Ergebnisse einer Studie über den Konsum der umstrittenen Wachmacher durch Jugendliche in der EU vorgelegt. Andriukaitis kündigte an, die Kommission werde sich die EFSA-Stellungnahme und mögliche Konsequenzen genau anschauen, wenn sie voraussichtlich im Sommer in der endgültigen Fassung vorliege.In seiner Zeit als Gesundheitsminister in Litauen hatten Andriukaitis die Wachmacher für Minderjährige verboten.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) forderte unterdessen ein Abgabeverbot für die koffeinhaltigen Energydrinks an unter 18-Jährige. In einem Gespräch mit unserer Redaktion betonte Sophie Herr, Teamleiterin Ernährung: „Wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Bundesamt für Risikoforschung sind auch wir der Meinung, dass die Drinks für Kinder und Jugendliche nicht geeignet sind.“ Zuvor hatte sich bereits die Verbraucherorganisation Foodwatch für eine solche Altersgrenze ausgesprochen.

Herr widersprach damit ausdrücklich Bundesernährungsminister Christian Schmidt, der die seit Dezember verpflichtenden Warnhinweise auf den Verpackungen des Modegetränks für ausreichend hält. Oliver Huizinga von der Verbraucherorganisation Foodwatch kritisierte: „Die EU-Lebensmittelbehörde sowie die zuständige deutsche Behörde warnen vor Risiken der Energydrinks, Experten der Weltgesundheitsorganisation empfehlen einen Verkaufsstopp an Minderjährige – aber Bundesernährungsminister Schmidt ignoriert beharrlich alle Warnungen.“

Nach den Ergebnissen der aktuellen Studie der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde nehmen Jugendliche durch Energydrinks gefährlich viel Koffein auf. Im schlimmsten Fall könne dies zu Nebenwirkungen wie Herz-Rhythmus-Störungen, Krampfanfällen oder Nierenversagen führen, hieß es. (Lesen Sie hier: Experten warnen vor Energydrink-Alkohol-Mix ››) 

Nach den Ergebnissen einer Risikobewertung der EU-Behörde haben Erwachsene bei einer Dosis von drei Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht keine Nebenwirkungen durch Koffein zu erwarten. Dieser Orientierungswert gelte auch für Kinder und Jugendliche, hieß es. Ein 12-jähriger Junge mit 50 Kilogramm Körpergewicht überschreitet nach dieser Rechnung schon mit einer 0,5 Liter Dose eines Energydrinks diese Grenze.

In Deutschland gelten bis zu 6,6 Prozent der Jugendlichen als „Hochverzehrer“ der Wachmacher und überschreiten damit die EFSA-Höchstmengen für Koffein. Als wesentliche Quelle für die Koffeinaufnahme unter Jugendlichen nennt die EFSA Energydrinks. Insgesamt konsumieren der EFSA-Studie zufolge Millionen Jugendliche in fünf von 13 untersuchten EU-Staaten mehr Koffein als empfohlen.

Durch den süßen Geschmack und das gezielte Marketing seien die Produkte – anders als etwa der ebenfalls stark koffeinhaltige Kaffee – gerade bei Kindern und Jugendlichen beliebt, meint Foodwatch. Einer früheren Studie der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde zufolge griffen 68 Prozent der Teenager zu den Getränken. Davon sind laut EFSA 12 Prozent „high chronic consumers“ (Konsum mindestens viermal wöchentlich) sowie 12 Prozent „high acute consumers“ (mehr als ein Liter pro Konsum). (Zahnprobleme durch Energy-Drinks bei Leistungssportlern? ››)