Schweden: Schule muss Strafe zahlen Gesichtserkennung im Kampf gegen Schulschwänzer eingesetzt

Von Waltraud Messmann | 04.09.2019, 19:09 Uhr

Aus Angst vor Datenschutz-Klagen greifen einige deutsche Schulen sogar zu Fotoverboten. In Schweden geht man mit der Digitalisierung sehr viel lockerer um: So kontrollierte eine Schule im nordschwedischen Skellefteå mit Zustimmung der Eltern die Anwesenheit von Schülern mit einer Software zur Gesichtserkennung.

Die nationale Datenschutzbehörde (DPA) zog jetzt aber die Notbremse. Sie verhängte eine Geldstrafe von umgerechnet cirka 20000 Euro gegen die verantwortliche Schulbehörde.

Gesichter gescannt

An dem Pilotprojekt nahmen im vergangenen Jahr 22 Schülerinnen und Schüler einer Klasse teil. Sobald sie den Klassenraum betraten oder verließen, wurde ihr Gesicht gescannt. Den Einsatz der Test- Software begründete die Schulbehörde damit, dass Lehrerinnen und Lehrer jedes Jahr etwa 17 000 Stunden damit beschäftigt seien, die Anwesenheit zu überprüfen und so Schulschwänzern auf die Spur zu kommen. Die Gesichtserkennung spare viel Zeit. Nach einem Bericht der BBC war der Test so erfolgreich, dass über eine Ausweitung nachgedacht wurde.

In einer Pressemitteilung warf die Generaldirektorin der DPA Lena Lindgren Schelin den Verantwortlichen in Skellefteå jetzt vor, gegen mehrere Bestimmungen der europäischen Datenschutzverordnung (DSGVO) zu haben. Zwar habe sich die Schule vor der Maßnahme die Einwilligung der Eltern geholt. Doch habe sie sensible biometrische Daten rechtswidrig verarbeitet, ohne eine angemessene Folgenabschätzung durchzuführen. Außerdem habe es keine Absprache mit der Datenschutzbehörde gegeben. Die Schüler müssten darauf vertrauen können, dass das Klassenzimmer ein privater Raum sei, kein Ort der Überwachung, betonte Schelin. Es ist das erste Mal, dass in Schweden eine Geldstrafe wegen Verstößen gegen die europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) verhängt wurde.

Keine Zukunftsmusik

Die Entscheidung der schwedischen Datenschützer sorgte in Fachkreisen europaweit für Aufmerksamkeit. Denn Schweden ist nicht nur für seine Holzhäuser, Schären und Seen bekannt, sondern auch für seine äußerst liberale Haltung in Fragen der Digitalisierung. So laufen in Schweden beispielsweise längst viele Geschäftsprozesse und bürokratische Aktionen über eine persönliche Identifikationsnummer, unter der die benötigten Daten stets abrufbereit sind. Außerdem wird kaum noch mit Bargeld gezahlt. Auch was die Ausstattung von Schulen mit digitalen Medien angeht, gilt das schwedische Bildungssystem als vorbildlich. Vieles, was in Deutschland noch Zukunftsmusik ist, ist dort bereits Praxis.

Die Technologie der Gesichtserkennung ist aber auch in Schweden noch umstritten. Während Jorgen Malm, der die Schule in Skellefteå leitet, die Technologie gegenüber dem schwedischen TV-Sender SVT als „ziemlich sicher“ bezeichnet, sieht Schelin sie noch „in den Kinderschuhen“. Vor ihrer weiteren Verbreitung müsse Klarheit geschaffen werden, welche Regeln für alle Beteiligten gelten, fordert sie.

Offenes Buch?

Auch die Schule haben die großen Technologiekonzerne natürlich längst für sich entdeckt. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zum Beispiel lässt in US-Schulen Programme für individualisiertes Lernen testen. Dazu gehört auch eine Software zur Gesichtserkennung, die Motivationsprobleme der Schüler erkennt. Kritiker sorgen sich vor allem um den Datenschutz der Schüler. Die Schüler selbst dürfte vor allem die Frage bewegen, ob Lehrer in Zukunft in ihrem Gesicht wie in einem offenen Buch lesen können.

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