Die Überlebende

Erna de Vries hat den Holocaust überlebt. Als Zeitzeugin erzählt die Emsländerin von der Unmenschlichkeit in Auschwitz. Dass sie das Unbegreifliche in Worte fassen kann, verdankt sie dem letzten Wunsch ihrer Mutter – und einer Familie, die ihr nach dem Grauen 70 gute Jahre schenkte.

Die Enkelin aus Berlin hat einen Brief geschickt. Erna de Vries sucht sich diese wenigen Zeilen immer wieder hervor und liest sie. Sie kamen nicht zum Geburtstag, nicht an Weihnachten und nicht zum jüdischen Neujahrsfest. Sie erreichten die damals 93-jährige Jüdin am 27. Januar 2017, dem 72. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz.

Nur wenige Menschen haben das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau lebendig wieder verlassen. Die heute im Emsland lebende Erna de Vries ist einer von ihnen. Die eintätowierte Nummer trägt sie noch immer sichtbar unter der Haut ihres linken Arms: 50462. Ein Mahnmal am eigenen Körper, das mit der Zeit zwar blasser wird, seinen Schrecken aber nie verliert.

Mahnmal auf dem Unterarm

Mahnmal auf dem Unterarm: Ihre Häftlingsnummer aus Auschwitz trägt Erna de Vries noch immer sichtbar unter der Haut.

Mit ihrem linken Arm stützt die alte Dame nun den Tabletcomputer, den sie von ihren drei Kindern zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Sie sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer. Ein Backsteinhaus im emsländischen Lathen, Blick in den Garten – ihr Lieblingsplatz. Auf dem Tablet ist der Brief ihrer Enkelin als Bild gespeichert.

Liebe Omi,
heute denke ich besonders an dich. Ich hoffe, du weißt, dass du uns alle sehr geprägt hast und wir nicht die gleichen Menschen wären, wenn du deine Erlebnisse nicht mit uns geteilt hättest. Ich leite mein Weltbild und meine Versuche, ein guter Mensch zu sein, sehr stark aus dem ab, was du uns vermittelt hast. Ich bin sehr stolz, deine Enkeltochter zu sein. Ich hab dich lieb, Omi!

Rebecca.

Erna de Vries blickt auf. „Das ist schon was“, sagt sie und in diesen wenigen Worten schwingt viel mit. Zärtlichkeit für die Enkelin in Berlin, eine typisch emsländische Bescheidenheit, die nicht verhehlen kann, dass die alte Dame um ihr großes Vermächtnis weiß, und eine tiefe Traurigkeit, die einfach nie verschwinden kann, wenn man gesehen hat, was Erna de Vries gesehen hat.

Von den Gräueltaten der Nazis berichtet die heute 94-Jährige noch immer als Zeitzeugin in Schulen. Es war der letzte Wunsch ihrer Mutter, als sie sich in Auschwitz voneinander verabschiedeten. Sich in den Armen lagen, aneinander klammerten, miteinander weinten und wussten, dass es das letzte Mal sein würde. Sie sprachen nicht viel, aber dieser eine Satz hat sich Erna de Vries ins Gedächtnis gebrannt wie die Nummer unter die Haut ihres Arms. „Du wirst davon erzählen. Du wirst davon erzählen, was man uns angetan hat“, beschwor die verzweifelte Mutter ihre Tochter.

An einem warmen Mittwochmorgen im August besucht Erna de Vries das Windthorst-Gmynasium in Meppen. Geschichtsschülern der zehnten und elften Klasse soll sie von ihrem Schicksal erzählen. Zum ersten Mal überhaupt begleitet sie ihr 70-jähriger Sohn Karl, der nach dem Abitur an genau diesem Gymnasium nach Israel auswanderte und dort bis heute mit seiner Familie lebt. Auch seine Tochter Iris ist aus Haifa angereist. Sie ist eines von sechs Enkelkindern.

Erna de Vries sitzt an einem Pult vor der Bühne der Schulaula. Eine zierliche Person mit dunklem Hosenanzug und heller Bluse, die langen weißen Haare hochgesteckt, eine gold-umrandete Brille auf der Nase, das Mikrofon fest in der Hand. Ihre Stimme ist brüchig, aber der Verstand klar wie eh und je. Ob sie noch Emotionen empfinde, wenn sie ihre Geschichte erzähle, schließlich habe sie das schon so oft getan, will später ein Schüler wissen, der den provokanten Unterton seiner Frage selbst gar nicht bemerkt. „Ich erzähle ja nicht von einer Sommerreise“, antwortet Erna de Vries. „Ich war in Auschwitz. Das lässt einen nie wieder los.“

Erlebnissen in Auschwitz

„Das lässt einen nie wieder los.“ Erna de Vries erzählt als Zeitzeugin von ihren schrecklichen Erlebnissen in Auschwitz.

Erna Korn hieß sie als Mädchen, Tochter einer jüdischen Mutter und eines protestantischen Vaters. „Halbjüdin“ machten die Nationalsozialisten später daraus, obwohl das Mädchen jüdisch erzogen wurde. „Halbjüdin“ – Erna de Vries hasst diesen Begriff noch heute. Als könne es das geben, dass man einer Religion nur halb angehört. Aber das war ja nur eine der unzähligen Abartigkeiten der Nationalsozialisten: eine Glaubensgemeinschaft kurzerhand zur Rasse zu erklären. Zu einer minderwertigen Rasse, die es auszumerzen galt. Dass Erna Korn in dieser Pseudolehre der Volkshygiene als nur „halb so schlimm“ galt, sollte ihr später das Leben retten.

Ihre Kindheit in Kaiserslautern verbringt sie behütet und glücklich. Die Eltern verdienen mit einer Spedition gutes Geld. Der sehnlichste Wunsch der kleinen Erna mit dem dunklen Wuschelkopf ist ein Fahrrad. Doch schon früh legt sich ein Schatten über diese Zeit. Als sie acht ist, stirbt Ernas Vater. Dann kommen die Nazis an die Macht und die Repressalien gegen Juden nehmen zu.

Dunkler Wuschelkopf

Dunkler Wuschelkopf und der Wunsch nach einem Fahrrad: Mit sieben ist Erna Korns (links) Welt noch in Ordnung.

Erna Korn erlebt, wie Nachbarn und Bekannte sich abwenden. Wie befreundete Kinder nicht mehr mit ihr spielen dürfen. Wie der Beiname Sarah in ihren Pass geschrieben wird. Wie sie die Schule wechseln muss und in eine jüdische Sonderklasse gesteckt wird. Sie, die gute Schülerin, die später einmal Ärztin werden will. Wie Menschen vor ihr auf die Straße spucken, wenn sie an ihnen vorbeiläuft. „Juden raus. Weg mit dem Pack“, sagen sie.

Und dann kommt dieser eine Tag. Er verändert alles. Nichts ist danach mehr wie vorher. Es ist der 10. November 1938. Der Tag nach der Schreckensnacht, die als Reichspogromnacht in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Deutschlandweit brennen die Synagogen. Marodierende Banden zerstören jüdische Geschäfte und Wohnhäuser. Am Morgen danach suchen sie auch das Haus der Familie Korn heim.

In der Schulaula herrscht Stille. Jungen und Mädchen schauen nach vorne oder auf den Boden. Kein einziger Schüler zückt das Handy, während Erna de Vries erzählt. Sie nippt ab und zu an ihrem Glas Wasser und tupft sich die Lippen mit einem Taschentuch ab. Ihr Sohn und ihre Enkelin haben in der ersten Reihe der Aula Platz genommen. Mit welchen Gefühlen beide den Worten der alten Dame lauschen, lässt sich nur erahnen.

Die junge Erna Korn verlässt Kaiserslautern noch an diesem 10. November und zieht nach Köln. Den Wunsch, Ärztin zu werden, muss sie aufgeben. Aber eine Ausbildung zur Krankenschwester ist für jüdische Frauen dort noch möglich.

Wie um den unerfüllten Berufswunsch von Mutter und Großmutter stellvertretend zu erfüllen, arbeiten viele in der Familie de Vries heute im Gesundheitsbereich. Der Sohn ist Gynäkologe, eine der beiden Töchter arbeitet als Physiotherapeutin. Ein Enkel ist Heilpraktiker, ein anderer promovierter Augenarzt. „Ich habe nie Druck ausgeübt, dass sie das machen sollten. Das kam aus ihnen selbst“, sagt die 94-Jährige. Sie ist stolz, das merkt man. Dass aus den Enkeln mal etwas wird, wünschen sich alle Großeltern. Bei Erna de Vries liegt die Sache noch etwas anders. Sie musste befürchten, dass es überhaupt nie Kinder und Enkelkinder geben würde.

Gerüchte und Erzählungen über erste Deportationen wabern damals durch die Gänge des Kölner Krankenhauses, in dem die junge Erna Korn arbeitet. Ärzte und Schwestern müssen Menschen behandeln, die den Konzentrationslagern durch Suizid zu entkommen hofften, sich vergifteten oder von Brücken stürzten und verletzt überlebten. Erna Korn beschließt, zu ihrer Mutter zurückzukehren. „Ich dachte, man könnte einander helfen, wenn man zusammen deportiert würde.“

Letzter Ausweg Suizid

Letzter Ausweg Suizid: Um den Zügen in die Konzentrationslager zu entkommen, nehmen sich immer wieder Menschen das Leben. Undatierte Aufnahme eines Häftlingstransports nach Auschwitz.

Im Juli 1943 ist es soweit: Ein Auto mit Saarbrücker Kennzeichen hält vor dem Haus der Korns. Uniformierte steigen aus. Die damals 19-jährige Erna eilt nach Haus – auf das Schlimmste gefasst. Doch den Nazis gelingt es, die grausamste Vorstellung noch zu übertreffen. „Sie nicht. Nur ihre Mutter“, sagt einer der Männer, als die junge Frau nach den beiden vorsorglich gepackten Koffern greift. Und so muss Erna Korn tatsächlich erst darum betteln, dass sie ihre Mutter auf dem Weg ins sichere Verderben begleiten darf. „Hör doch auf! Du weißt genau, jeder Monat zuhause kann dein Leben retten“, habe die Mutter verzweifelt gerufen. Doch die Tochter wollte bei ihr bleiben. Koste es, was es wolle.

Dass sie sich weigerte, ihre Mutter allein zu lassen, ist eine der Erzählungen, die die Schüler am meisten bewegt, wenn sie Erna de Vries zuhören. Das sagen sie ihr nach den Vorträgen und das schreiben sie ihr in Briefen. Die Sammlung an Schülerbriefen füllt inzwischen eine ganze Kommode im emsländischen Wohnzimmer. Jeden einzelnen hat die alte Dame gelesen. Jeden einzelnen bewahrt sie auf. „Auch wenn ich es nicht schaffe, sie alle zu beantworten“, sagt sie beinahe entschuldigend.

Eine Kommode voll Hochachtung

Eine Kommode voll Hochachtung: Nach jedem ihrer Vorträge bekommt Erna de Vries Briefe von Schülern, die sie beeindruckt hat. Die Briefe füllen inzwischen einen Wandschrank im Wohnzimmer.

In Saarbrücken angekommen, verhandelt Erna Koch mit einem Mann von der Gestapo darüber, ob sie ihre Mutter weiter begleiten dürfe. Sie führen einen Dialog, den man sich kaum vorstellen mag. Es ist ein Feilschen um den Tod.

Was danach kommt, ist das dunkelste Kapitel in der Geschichte von Erna de Vries. Dass sie den unbegreiflichen Schrecken überlebt hat und ihn heute in Worte fassen kann, verdankt sie einer Hoffnung, die sie nie verlassen hat. Selbst an einem so hoffnungslosen und unmenschlichen Ort wie Auschwitz verliert die junge Frau nie den Glauben an das Gute im Menschen – auch, weil ihr immer wieder Menschen begegnen, die diesen Glauben nähren. Nachbarn, die den Korns nach der Reichspogromnacht etwas Warmes zu essen bringen. Fremde, die sich ihrer annehmen, trotz des Judensterns auf ihrer Brust. Mitgefangene im Konzentrationslager, die ihre karge Portion Brot mit ihr teilen. „Brot war Leben in Auschwitz“, sagt Erna de Vries. „Wenn ich ganz unten war im Lager, wenn ich nicht mehr konnte, dann habe ich an die Leute gedacht, die mir immer wieder geholfen haben.“

Noch heute kann es Erna de Vries nicht ertragen, wenn Leute Brot einfach wegschmeißen. „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht ans Lager denke“, sagt sie. Kommt sie an Birken vorbei, muss sie an Birkenau denken. Enge Räume machen der Jüdin Angst. Und wenn Babys und Kinder weinen, bricht ihr die Erinnerung noch immer beinahe das Herz. „Es gab so viele Kinder in Ausschwitz.“

Der Eingang zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau

Der Eingang zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, eine Aufnahme aus dem Jahr 2016. Vier Wochen harrt Erna Korn im Quarantäne-Block aus, bevor sie ihre Zwangsarbeit aufnehmen muss.

Mit 80 Frauen kommen sie im Sommer 1943 in dem Konzentrationslager an. Es ist heiß. Sie müssen sich ausziehen, werden rasiert, mit einem einzigen dreckigen Schwamm für all die Frauen „desinfiziert“, tätowiert und eingekleidet. Vier Wochen bleiben sie in einem Quarantäne-Block, bekommen ausgekochtes Gras zu trinken und Kartoffelschalen zu essen. Danach nehmen die ausgemergelten Frauen ihre Zwangsarbeit auf. Erna Korn und ihre Mutter müssen Schilf aus einem trüben Tümpel fischen. Bis zur Brust stehen die Frauen in dem Gewässer. „Wir wurden in diesen Tagen nie richtig trocken“, berichtet sie später.

Die Feuchtigkeit soll beinahe Erna Korns Todesurteil bedeuten. Denn die Nässe verschlimmert die eitrig-wunden Entzündungen, die die junge Frau an den Beinen hat, ausgelöst durch Bettwanzen, die die Nächte im Lager zur Tortur werden lassen. Den Lagerarzt sucht sie wohlweißlich nicht auf. „Dann verschwindet man einfach.“ Doch als es an einem dieser Sommertage heißt „Selektion. Alle auf den Hof! Ausziehen!“, weiß die 19-Jährige, was ihr droht. Ihre Mutter läuft ein paar Meter vor ihr an Lagerpolizisten und Medizinern vorbei. Als sie sich umdreht, ist ihre Tochter schon weg. Aussortiert.

Seit beinahe 20 Jahren erzählt Erna de Vries ihre Geschichte. Sie hat für sich Worte und Sätze gefunden, mit denen sie über das Erlebte sprechen kann. Sie hat auf Tagungen geredet, an Dokumentationen mitgewirkt und im Prozess gegen den SS-Funktionär Reinhold Hanning ausgesagt. Und Tausenden Schülern hat sie zumindest eine Ahnung davon verschafft, welche Schicksale sich hinter der im Geschichtsunterricht gelernten, abstrakten Zahl von sechs Millionen ermordeten Juden verbergen mögen.

Erna Korn kommt auf Block 25, den Todesblock. Eine Nacht verbringt sie dort. Im Wissen, dass am nächsten Tag die Gaskammer wartet. Beim Zählappell am nächsten Morgen stehen schon die Lastwagen parat, auf die die Frauen gepfercht werden sollen.

Dass ihr so früh gestorbener Vater Christ war, rettet Erna Korn das Leben. Als „Halbjüdin“ wird sie ins KZ Ravensbrück verlegt, um mit Tausenden weiteren Frauen in der Rüstungsindustrie zu arbeiten. Dort erfährt sie später, dass ihre Mutter in der Gaskammer starb. Nur wenige Wochen, nachdem die Tochter der Hinrichtung in Auschwitz entkommen war. Nur wenige Wochen, nachdem sie alles in die Waagschale geworfen hatte, um ihrer Mutter wenigstens Lebewohl sagen zu können. Nur wenige Wochen, nachdem sich beide ein letztes Mal im alten Lagerblock wiedergesehen, sich in den Arm genommen und so fest gedrückt hatten wie noch nie.

Das Land der Täter hat Erna de Vries nie verlassen. Sie hätte es gewollt, sie hätte es gekonnt. Das erste Haus in Lathen war schon verkauft, die Unterlagen hatten sie ausgefüllt, die Koffer für Israel gepackt. Zwei Kinder warteten damals dort. Ihr ältester Sohn und eine der beiden Töchter. Aber ihrem Mann zuliebe blieben sie in letzter Minute doch im Emsland, statt auszuwandern. Josef de Vries konnte Deutschland nicht den Rücken kehren. Bis zu seinem Tod nicht. Das Land war so etwas wie seine Heimat. Trotz allem, was man ihm dort angetan hatte.

Josef de Vries überlebte drei Konzentrationslager

Josef de Vries überlebte drei Konzentrationslager. Trotzdem wollte er Deutschland bis zu seinem Tod nicht verlassen.

1947 lernt Erna Korn Josef de Vries in Köln kennen. Auch er ist Jude. Auch er ist ein Überlebender. Sechs lange Jahre litt der gebürtige Lathener in drei Konzentrationslagern. Seine erste Frau und ihr gemeinsamer sechsjähriger Sohn starben im Gas. Nach Kriegsende war Josef de Vries ein gebrochener Mann.

Doch das jüdische Paar trifft gemeinsam eine Entscheidung. „Wir wollten schnell Kinder bekommen. Das war unser sehnlichster Wunsch.“ Es ist eine Entscheidung für das Leben. Dafür, die dunkle Vergangenheit nicht die Oberhand über Gegenwart und Zukunft gewinnen zu lassen. Dafür, wieder Licht und Freude zuzulassen. „Mir wurden 70 gute Jahre geschenkt“, sagt Erna de Vries heute. „Ich hatte einen liebevollen Mann. Wir haben drei wundervolle Kinder und sechs Enkel. Das ist mehr als viele andere Leute erleben dürfen.“ Das Wissen um dieses kleine private Glück ermöglicht es Erna de Vries heute über das zu sprechen, was sie aushalten musste.

In Ravensbrück bleibt Erna Korn, bis das Lager im April 1945 geschlossen wird. Zwei Tage lang schleppt sich die 21-Jährige mit den anderen Frauen über Wald- und Feldwege, angetrieben und überwacht von den verbliebenen KZ-Wärtern. „Todesmarsch“ wird der Zug der Häftlinge später genannt werden. Weil so viele der geschwächten, halb verhungerten Männer und Frauen einfach zu Boden fallen und sterben. Als Erna Korn kurz davor ist aufzugeben und einfach liegenzubleiben, werden die Frauen von alliierten Soldaten befreit.

„Wir waren gerettet.“ Beinahe abrupt beendet Erna de Vries ihre Erzählung an diesem Augusttag im Meppener Windthorst-Gymnasium. Für einen Moment bleibt es noch still in der Schulaula. Die Worte der Zeitzeugin hallen nach. Iris de Vries, die Enkelin aus Israel, geht nach vorne zum Pult. Sie umarmt ihre Großmutter und nimmt ihr Gesicht in beide Hände. Eine innige Geste voller Zärtlichkeit.

Deutschland besucht die 28-jährige Israelin mit gemischten Gefühlen, sagt sie. Auch ihr Vater Karl will nicht ausblenden, was seinen Eltern in diesem Land widerfahren ist. In seiner Jugend erlebte er Antisemitismus am eigenen Leib. Dass der Holocaust im Geschichtsunterricht keine Rolle spielte, machte ihn wahnsinnig wütend. Deshalb wanderte er nach Israel aus. Doch die traurige Geschichte seiner Eltern trägt er immer bei sich – auch in seinem Vornamen. Karl hieß schon der erste Sohn seines Vaters. Der sechsjährige Junge, der in der Gaskammer ums Leben kam.

Erna de Vries hat ihren Frieden mit diesem Land gemacht – nicht aber mit den Tätern. „ Hass habe ich nie gehegt. Aber vielleicht so etwas wie eine späte Genugtuung, wenn die Nazi-Verbrechen in Prozessen geahndet wurden.“ Mit ihrer Geschichte will Erna de Vries dazu beitragen, dass so etwas wie der Holocaust nie wieder passiert. Kann es Vergebung geben? Die alte Dame schüttelt den Kopf, sehr bestimmt. „Ich kann nicht stellvertretend für alle Juden verzeihen“, sagt sie.

Auf einem Schrank in ihrem Wohnzimmer hat sie Fotoabzüge eingefasst in Holzrahmen aufgestellt. Sie zeigen die große Geschichte der Familien Korn und de Vries im Kleinen. Familienbilder, Porträts und fröhliche Gruppenfotos. Kinder und Enkelkinder von Erna de Vries lächeln in den Raum. Doch auch ausgeblichene Schwarz-Weiß-Bilder sind darunter. Das Foto eines zweijährigen Jungen mit einem Stock in der Hand. Ein Kind, das seinen siebten Geburtstag nicht mehr erleben sollte. Und das ernste Porträt einer dunkelhaarigen Frau. Einer Mutter, die in der Gaskammer ermordet wurde. Die nicht miterleben durfte, wie ihre Tochter den allerletzten Wunsch Wirklichkeit werden lässt. „Du wirst davon erzählen. Du wirst davon erzählen, was man uns angetan hat.“

Fotoabzüge eingefasst in Holzrahmen

Kann es Vergebung geben? Karl de Vries starb mit sechs Jahren in einem Konzentrationslager. Die Aufnahme zeigt ihn als Zweijährigen.

Text:
Meike Baars
Fotos:
Benjamin Beutler / dpa
Videos:
Benjamin Beutler
Layout/Design:
Heike Hörnschemeyer / Ewgenij Mauch
Produktion:
Holger Blumberg / Jan Uhlenbrok
Idee/Redaktion:
Anne Krum