Der Absatz bröckelt Schick oder spießig? Neues Image für den Weihnachtsstern

Von dpa

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Rund 700 Betriebe ziehen nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Deutschland Weihnachtssterne auf. Foto: Mohssen AssanimoghaddamRund 700 Betriebe ziehen nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Deutschland Weihnachtssterne auf. Foto: Mohssen Assanimoghaddam

Wiesmoor. Der Weihnachtsstern ist aus Omas Wohnzimmer nicht wegzudenken. Jüngere Leute hadern dagegen oft mit der Tradition: zu spießig, finden sie. Doch die Weihnachtsblume kann auch trendy.

Mitten in der winterlich-grauen Landschaft blüht ein leuchtendes Farbenmeer. Gelb, zartes Rosa, knalliges Pink, der überwiegende Teil jedoch erstrahlt in sattem Rot.

Auf 30.000 Quadratmetern wachsen in der Gärtnerei Dehne im ostfriesischen Wiesmoor Weihnachtssterne in allen Größen und Farben. Für viele Menschen gehören diese zur Adventszeit wie Plätzchen und Glühwein. Doch der Absatz bröckelt. Neue Züchtungen, hippere Farben und mehr Nachhaltigkeit sollen das mitunter altbackene Image aufpolieren.

Seit den 1960er Jahren schmückt die ursprünglich aus Mittelamerika stammende Pflanze mit den sternförmigen Blättern bei uns die weihnachtlichen Wohnzimmer und Festtafeln. „Der Weihnachtsstern ist die klassische Weihnachtsblume“, sagt Peter Tiede-Arlt, Versuchsleiter für Zierpflanzen bei der Landwirtschaftskammer (LWK) Nordrhein-Westfalen. Zumindest gilt das für Deutschland, die Niederlande und Italien. In anderen Ländern wird er das ganze Jahr über gekauft.

Etwa 32 Millionen Weihnachtssterne haben die deutschen Blumenhändler, Bau- und Supermärkte nach Angaben der Marketing-Initiative Stars for Europe in der vergangenen Saison verkauft. Das sei ein Rückgang von 20 Prozent in den vergangenen zehn Jahren, sagt Rainer Krämer von der Initiative, die den Verkauf von Weihnachtssternen europaweit fördern will. Er erklärt das vor allem mit dem geringeren Interesse an blühenden Zimmerpflanzen insgesamt, deren Verkauf im selben Zeitraum um 25 Prozent gesunken ist. „Um lebende Pflanzen muss man sich kümmern“, sagt Krämer. Dafür hätten viele Menschen heute keine Zeit mehr oder kein Händchen.

Doch es ist auch der Weihnachtsstern an sich, der nicht mehr so selbstverständlich zieht. „Wir haben gesehen, dass der Standardstern an Image verloren hat“, sagt Dirk Ludolph, Zierpflanzenexperte bei der LWK Niedersachsen. Einst war der Weihnachtsstern die Topfpflanze Nummer Eins in Deutschland, inzwischen hat die Orchidee ihn überholt. Besondere Formen und Züchtungen wie gedrehte Stämmchen oder Blätter in Knallpink sollen deshalb wieder mehr Käufer - vor allem auch junge Leute - ansprechen.

Für die Gärtnereien bedeutet das mehr Handarbeit. Gleichzeitig stagnieren die Preise für die Weihnachtssterne. „Man bekommt ihn an jeder Ecke - auch beim Discounter“, erläutert Experte Tiede-Arlt. Die Konsequenz: Manche Betriebe haben sich inzwischen komplett vom Weihnachtsstern verabschiedet. Andere spezialisieren sich dagegen auf die exotische Pflanze und versuchen, über große Mengen die hohen Produktionskosten reinzuholen.

Rund 700 Betriebe ziehen nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Deutschland Weihnachtssterne auf, die meisten davon in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern. Die Gärtnerei Dehne gehört nach eigenen Angaben zu einer der größten für Topfpflanzen in Deutschland. 1966 haben die Eltern von Lars Dehne den Betrieb gegründet. Den Weihnachtsstern hatten sie von Anfang an im Sortiment. Auch der Sohn setzt weiterhin auf den Adventsklassiker - allerdings mehr aus Tradition denn aus unternehmerischem Kalkül. Gewinn macht er damit nicht.

„Wir sind froh, wenn das kostendeckend ist“, sagt der 44-Jährige. „Der Weihnachtsstern ist ein Produkt fürs vierte Quartal, um in der verkaufsschwachen Zeit die Gewächshäuser auszulasten.“ Und um die 75 Mitarbeiter der Gärtnerei weiter beschäftigen zu können. Einer von ihnen steht gerade mitten in dem roten Blumenmeer, das bei warmen 20 Grad gedeiht. Gekonnt dreht er die Töpfe in der Hand, zupft einzelne verwelkte Blätter ab und zieht anschließend eine schützende Folie über die Pflanzen.

Gerade ist ein Lastwagen in der Gärtnerei vorgefahren, der mehrere Hundert der so verpackten Weihnachtssterne an eine Hamburger Blumenfachhandelskette liefern soll. Etwa 600.000 werde er in diesem Jahr bis Weihnachten verkaufen, schätzt Dehne. Viele davon stammen aus Stecklingen, die die Gärtnerei selbst gezogen hat - als eine der wenigen in Deutschland, die das überhaupt noch selbst macht. Die meisten Betriebe bekommen ihre Stecklinge von Mutterpflanzen, die in Ostafrika wachsen. Diese kommen per Flugzeug nach Deutschland.

Trotzdem sei das aus ökologischer Sicht sinnvoller, als Mutterpflanzen in Deutschland zu halten, sagt Weihnachtsstern-Vermarkter Krämer. Diese brauchen viel Wärme und Licht, mehr als selbst das Klima in Südeuropa hergibt. Ein weiterer Grund sind nach Angaben von Ludolph die niedrigeren Löhne in Afrika, da Arbeiter jeden Steckling einzeln per Hand schneiden müssen. Die Gärtnerei Dehne leistet sich den Luxus eigener Mutterpflanzen, wie ihr Besitzer betont, auch um das Wissen über die Weihnachtssternzucht im Betrieb zu bewahren.

Dabei setzt die Gärtnerei verstärkt auf Nachhaltigkeit: Die Energie kommt aus einem Biomassekraftwerk um die Ecke, das Holz aus der Landschaftspflege verwendet. In den Töpfen kommt Erde mit geringerem Torfanteil zum Einsatz, die Paletten sind wieder verwendbar, Dünger und Pflanzenschutz möglichst biologisch.

Auch der LWK-Experte Tiede-Arlt sieht deshalb den größten Trend beim Weihnachtsstern in der nachhaltigen Produktion. Neue Farben wie puristisches Weiß oder trendiges Pink kämen gerade mal auf einen Marktanteil von 10 bis 20 Prozent. Die meisten Menschen kaufen also noch immer das klassische Rot - aber lieber mit gutem Gewissen. „Der Weihnachtsstern ist sehr emotional besetzt“, sagt Tiede-Arlt. „Da will keiner eine Pflanze auf dem Tisch stehen haben, die mit irgendwas belastet ist oder einen schlechten CO2-Fußabruck hat.“


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