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Naturkosthändler unter Preisdruck HDE: "Kein Laden ohne Biowaren"

Von dpa und Nina Kallmeier

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Auf einer Müslipackung ist das EU-Bio-Siegel neben einem deutschen Bio-Siegel angebracht. Foto: Bernd Weissbrod/IllustrationAuf einer Müslipackung ist das EU-Bio-Siegel neben einem deutschen Bio-Siegel angebracht. Foto: Bernd Weissbrod/Illustration

Düsseldorf/Osnabrück. Aldi, Edeka und Co. haben sich bereits rund zwei Drittel des Bio-Marktes gesichert. Und sie geben weiter Gas. Den Verbrauchern gefällt das. Doch viele Naturkosthändler können da nicht mehr mithalten.

Bio-Apfelschorle von Aldi, Bio-Salami von Lidl, Bio-Müsli von dm und Bio-Käse von Edeka oder Rewe: Deutschlands Discounter, Supermärkte und Drogeriemärkte haben in den vergangenen Jahren ein immer größeres Stück des Bio-Marktes erobert. „Die Discounter und Supermärkte haben Bio-Produkte aufgrund steigernder Kundennachfrage auf großer Fläche in ihre Sortimente aufgenommen. Heutzutage gibt es kaum mehr einen Laden ohne Biowaren“, sagte Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE) im Gespräch mit unserer Redaktion. „Damit hat der Handel den Bio-Produkten eine weitere Verbreitung ermöglicht und neue Zielgruppen für Bio erschlossen.“

Bio-Anteil an Lebensmittelausgaben mehr als verdreifacht

Insgesamt ist der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln in Deutschland laut HDE im Jahr 2017 auf rund zehn Milliarden Euro gestiegen. „Die Deutschen haben offenbar immer noch und vor allem immer öfter Appetit auf Bio-Lebensmittel und bescheren der Branche weiteres Wachstum“, heißt es in einer aktuellen Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Seit 2004 hat sich der Bio-Anteil an den Lebensmittelausgaben mehr als verdreifacht. Fast zwei Drittel der Ausgaben der Bundesbürger für Bio-Lebensmittel landen inzwischen in den Kassen von Supermärkten, Discountern und Drogeriemärkten - mit steigender Tendenz.

Für klassische Bio-Fachhändler bedeutet dies immer mehr Konkurrenz und immer mehr Preisdruck. Der Handelsexperte Joachim Riedl von der Hochschule Hof warnte deshalb kürzlich in dem Fachblatt „Lebensmittel Zeitung“ bereits vor einem Bio-Laden-Sterben: „Es bedarf wenig prognostischer Fähigkeiten, um für den Bio-Fachhandel einen Konsolidierungsprozess vorauszusehen, in dem nur einige der heute aktiven Player überleben werden.“ 

Für Edeka, Rewe, Aldi, Lidl und Co. ist Bio gleich aus mehreren Gründen attraktiv. Zum einen, weil der Markt seit Jahren zuverlässig wächst. Zum anderen wegen der attraktiven Zielgruppen, die mit Bio-Produkten erreicht werden: jüngere Leute, Familien mit Kindern, aber auch höhere Einkommensgruppen.

Discounter und Supermärkte umwerben Bio-Klientel

Nicht zuletzt die Discounter umwerben die Bio-Klientel deshalb heftig. Aldi verkündete bei der Vorstellung seines jüngsten Nachhaltigkeitsberichts vor wenigen Tagen stolz: 2017 sei das Unternehmen laut GfK Bio-Marktführer in Deutschland gewesen. In diesem Jahr will Aldi sein Engagement in diesem Bereich noch verstärken und mehr als 60 weitere Bio-Artikel in sein Angebot aufnehmen. Damit sei „der komplette Wocheneinkauf in Bio-Qualität immer möglich“.

Auch Lidl verspricht den Kunden „Bio-Vielfalt“ und führte erst im Februar elf neue Bio-Wurstsorten ein. Lidl-Einkaufschef Jan Bock ließ damals keinen Zweifel: „Auch in Zukunft wollen wir verstärkt auf Bio setzen.“

Die Kölner Handelsgruppe Rewe arbeitet nach eigener Aussage ebenfalls „beständig an der Erweiterung ihrer Bio-Sortimente“. Allein unter der Eigenmarke Rewe Bio bietet der Händler in seinen Supermärkten mehr als 500 ökologische Produkte an. Die Drogeriemarktkette dm ist nach Informationen des Branchenfachblatts „Lebensmittel Zeitung“ auch dabei, ihr Bio-Geschäft weiter aufzurüsten. Neben über 400 Artikeln der Eigenmarke dm Bio liste die Kette immer mehr Bio-Marken ein. Der Drogeriehändler habe es dabei auch auf Kundengruppen aus dem Fachhandel abgesehen.

Verbraucher begrüßen Bio-Offensive

Bei den Verbrauchern kommt die Bio-Offensive von Aldi, Rewe und Co. gut an. Bei einer aktuellen Marktstudie des Marketingunternehmens AMM gaben 60 Prozent der Befragten an, sie fänden es gut, dass man Bio inzwischen auch bei Edeka, Rewe, Aldi und Lidl kaufen könne. Das sei billiger als in den Fachgeschäften und außerdem müsse man beim Einkauf dadurch keinen Umweg machen, fanden viele der Befragten.

Für Naturkostläden, Bio-Supermärkte und selbstvermarktende Bio-Bauern sieht das natürlich ganz anders aus. Für sie wird der Siegeszug der Mainstream-Händler immer mehr ein Problem. Nicht nur weil die Handelsriesen einen immer größeren Teil des Marktes für sich reklamieren, sondern auch weil gleichzeitig der Preisdruck im gesamten Bio-Markt wächst. Branchenkenner Riedl ist überzeugt: „Die Luft wird dünner im Handel mit Bio-Lebensmitteln.“


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