20.12.2013, 17:25 Uhr

3,5 Millionen Menschen verlieren Bleibe Gewaltiger Taifun bringt Elend über die Philippinen

Es war der gewaltigste Taifun, der je Land erreichte. Doch das Schlimmste waren nicht die beispiellosen Orkanböen. Eine meterhohe Sturmflut riss Hütten und Menschen fort. Wie ein Tsunami. Foto: dpaEs war der gewaltigste Taifun, der je Land erreichte. Doch das Schlimmste waren nicht die beispiellosen Orkanböen. Eine meterhohe Sturmflut riss Hütten und Menschen fort. Wie ein Tsunami. Foto: dpa

Bangkok. Taifune sind die Menschen auf den Philippinen gewohnt, das passiert jedes Jahr. Aber die Zerstörungskraft von Taifun „Haiyan“ Anfang November sprengt jede Vorstellungskraft. Das schreckliche Unwetter verwüstet tausende Quadratkilometer Land, reißt mehr als eine Million Häuser vom Fundament, donnert mit meterhohen Wellen über die Küsten und reißt um die 6000 Menschen in den Tod.

Rafael (11) wollte bei diesem Sturm seinen Mann stehen. „Meine Mutter und Geschwister sind in die Schule geflüchtet, aber mein Vater bat mich, mit ihm auf unser Haus aufzupassen,“ erzählt der Junge Tage später in der verwüsteten Stadt Tacloban auf der Insel Leyte in den Zentralphilippinen.

„Als das Wasser kam, sind wir auf eine Mauer, aber es stieg und stieg. Der Wind war furchtbar. Plötzlich wird mein Vater von einem Stück Wellblech am Hals getroffen. Er blutet stark. Dann hat uns das Wasser mitgerissen, es war rot vom Blut meines Vaters.“ Der Junge überlebt. Die Familie findet die Leiche des Vaters am nächsten Tag.

Wie der Familie geht es Tausenden. Eltern suchen Kinder, die sie in der reißenden Flut nicht mehr halten konnten. Kinder verlieren Eltern, die von mitgerissenem Geröll erschlagen werden, Familien sehen Großeltern im Nachbarhaus ertrinken, Nachbarn, die von Bäumen erschlagen werden. Die Verwüstung ist beispiellos.

Nachdem das Wasser abgelaufen ist, türmen sich über hunderte Kilometer Schutt und Überreste von Haus und Hausrat meterhoch. Es gibt keinen Strom, kein Handyempfang, keine Ersthelfer - weil Feuerwehrleute, Polizisten und Nothelfer selbst um ihr Leben kämpfen. Nur ganz langsam kommt die Hilfe in Gang. Die Behörden sind überwältigt. Sie schaffen es nicht, für 3,5 Millionen Menschen, die ihre Bleibe verloren haben, Wasser und Essen zu organisieren.

Verzweifelte Menschen, die alles verloren haben, plündern Geschäfte und stürmen ein Reisdepot. Nach Tagen stehen immer noch hunderte Menschen bettelnd am Straßenrand, sie malen mit großen Lettern „Help“ auf Häuserwände. „Vielleicht haben wir den Taifun überlebt, aber jetzt werden wir verhungern“, sagt Lolita Kimanliman an Tag fünf nach der Katastrophe verzweifelt. Sie hat mit fünf Kindern Zuflucht in einem völlig überfüllten Sportstadion gefunden. Ihr Mann kam um. Die Kinder weinen vor Hunger. „Wir haben die Menschen im Stich gelassen“, räumt die UN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos ein.

Leichen liegen tagelang in den Trümmern, der Verwesungsgeruch ist bestialisch. Die Lokalbehörde hat nicht genügend Lastwagen, um Trümmer zu räumen, Hilfsgüter zu verteilen und Leichen zu bergen. Hunderte Menschen drängeln sich jeden Tag am Tacloban-Flughafen. Sie wollen dem Elend entfliehen und hoffen auf einen Platz an Bord einer der Militärmaschinen, die Hilfsgüter bringen.

„Nicht der liebe Gott hat die Menschen bei dem Desaster verlassen, sondern die Regierung“, schimpft der Politiker Rodrigo Duterte. Präsident Benigno Aquino gerät unter Druck. Er schiebt die Schuld auf unfähige Lokalbehörden. Der Bürgermeister von Tacloban gehört einem Clan an, der den Aquinos nicht grün ist. „Als Präsident darf ich nicht ausrasten, ich werde den Ärger runterschlucken“, sagt er sichtlich verärgert bei einem Besuch im Katastrophengebiet.

Erst nach einer Woche läuft die Versorgung einigermaßen. Helfer aus aller Welt sind jetzt vor Ort, auch deutsche. Sie bringen Hilfsgüter, Essen, Zelte, Hygieneartikel, reparieren Wasserleitungen, richten Signaltürme für Handy-Empfang ein, bauen Feldlazarette für die Verletzten auf. Die Aufgabe bleibt gigantisch: 3,5 Millionen Menschen vertrieben, eine halbe Million Häuser völlig zerstört, eine halbe Million schwer beschädigt. Der Versicherungsdienstleister Air Worldwide schätzt den Schaden auf bis zu zehn Milliarden Euro.


0 Kommentare

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der NOZ MEDIEN und mh:n MEDIEN