Das sind die Rechte für Heimarbeiter Kamera in der Wohnung? Was Dein Chef im Homeoffice von Dir verlangen darf

Gemütlich bei einem Kaffee im Garten Mails checken: So schön kann Homeoffice sein.Gemütlich bei einem Kaffee im Garten Mails checken: So schön kann Homeoffice sein.
imago images / Westend61

Lissabon/Hamburg. Mit einem neuen Gesetz will Portugal die Rechte von Menschen im Homeoffice stärken. Was innovativ klingt, ist in Deutschland größtenteils längst Gesetz. In welchen Punkten wir uns trotzdem etwas von Portugal abschauen können.

In diesem Artikel erfährst Du:

  • Was das Gesetz genau regelt. 
  • Wie die Rechtslage in Deutschland aussieht. 
  • Wann Du Deinem Boss Grenzen aufzeigst. 
Endlich Feierabend! Nach einem langen Tag im Homeoffice chillst Du gemütlich auf der Couch und gönnst Dir einen kleinen Snack. WRUMMM, WRUMMMM – Dein Diensthandy klingelt. Am anderen Ende der Leitung: Dein Boss. Du schaust auf die Uhr, Dein Arbeitsende war vor 30 Minuten. "Sorry, dass ich Dich kurz störe, aber könntest Du mir bitte noch schnell ein paar Unterlagen zuschicken?", hörst Du ihn fragen. "NEIN, VERDAMMT", denkst Du – "Na klar, kein Problem", sagt Du. 

Damit ist jetzt Schluss; zumindest in Portugal. Dort gilt seit Mitte Oktober ein neues Gesetz, das Menschen im Homeoffice, sogenannte "remote worker" (dt. Fernarbeiter), vor Ausbeutung schützen soll. Wenn Arbeitgeber Angestellte außerhalb der Arbeitszeiten kontaktieren, drohen ihnen Geldstrafen. Das Gesetz gilt für Firmen mit mindestens zehn Angestellten. 

Was tun, wenn das Smartphone trotzdem klingelt?

Das deutsche Arbeitsrecht ist in diesem Punkt deutlich arbeitnehmerfreundlicher als das portugiesische bisher. Denn außerhalb Deiner Arbeitszeit darf Dich Dein Chef nicht anrufen, erklärt Alexander Bredereck, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Berlin. Das ist im Arbeitszeitgesetz klar geregelt. 

„Die Arbeitnehmer müssen nach Beendigung der täglichen Arbeitszeit eine ununterbrochene Ruhezeit von mindestens elf Stunden haben.“Arbeitszeitgesetz, Zweiter Abschnitt § 5 Ruhezeit

Ausnahmen sind Bereitschaftszeiten, die vertraglich geregelt sind und bezahlt werden. Der Arbeitsrechtler empfiehlt, in der Betriebsvereinbarung nachzulesen und in Deinen Arbeitsvertrag zu schauen. Steht dort nichts zum Thema, muss Du nach Feierabend nicht erreichbar sein – weder telefonisch, noch per E-Mail oder Textnachricht. 

Tipps für den Umgang mit Anrufen im Feierabend

  • Schalte Dein Diensthandy und Deinen Laptop zum Dienstende aus. 
  • Antworte bei Dienstbeginn umgehend auf die Nachrichten. So signalisierst Du Deinem Chef, dass Du seine Anfrage Ernst nimmst. 
  • Entschuldige Dich nicht, wenn Du in Deiner Freizeit einen Anruf nicht angenommen hast. Das ist Dein Recht!
  • Besprich das Problem mit Deinem Chef, ohne dabei emotional zu werden. Manche Chefs sind sich ihrem Fehlverhalten nicht unbedingt bewusst. 
  • Gib Deinem Chef nicht Deine private Handynummer und verweise auf Deine Mailadresse oder die dienstliche Handynummer.  
  • Sprich mit Deinen Kollegen und vereinbart einen einheitlichen Umgang. 
  • Wenn es gar nicht mehr geht: Wende Dich an die Personalabteilung oder den Betriebsrat. 

Manche Arbeitgeber versuchen, Dich mit unwirksamen Klauseln zu einer Erreichbarkeit rund um die Uhr zu zwingen. Doch diese gelten nicht, selbst, wenn Du unterschrieben hast!

Im neuen portugiesische Gesetz ist eine Ausnahme für "höherer Gewalt" vorhergesehen. Mit dieser schwammigen Formulierung sollen unvorhersehbare betriebliche Störungen wie ein Brand im Betrieb oder Streiks abgedeckt werden. 

Kamera in der Wohnung verboten

Neben dem Recht auf einen ruhigen Feierabend für alle Arbeitnehmer umfasst das portugiesische Gesetz auch ein Verbot zur Überwachung im Homeoffice, wie die Financial Times schreibt. Das gilt sowohl für die Überwachung durch Kameras, als auch eine elektronische Überwachung durch den Firmenlaptop.  Spionage-Softwares, mit denen Arbeitgeber nicht nur die Arbeitszeit, sondern auch die Tastenanschläge oder Mausbewegungen kontrollieren oder sich sogar auf die Laptop-Kamera schalten können, gibt es bereits zu Hauf, wie dieses Video des "hr" zeigt. 

Nichtsdestotrotz ist Deutschland Portugal auch in diesem Punkt voraus: Solche verdeckten Überwachungstools sind hier nicht zulässig, weil sie das Persönlichkeitsrecht der Angestellten einschränken. Erlaubt sind nach Absprache Systeme zur Arbeitszeiterfassung. Hinter Deinem Rücken darf Dein Chef Dir nicht hinterherspionieren und erst Recht keine Kamera in Deinem Arbeitszimmer verlangen! Und sollte Dein Chef vor Deiner Tür stehen und klingeln, um zu kontrollieren, ob Du arbeitest, musst Du nicht öffnen – und solltest überlegen, ob Du bei einem solchen Vertrauensverhältnis weiter dort arbeiten möchtest. 

Ausnahmen können bei einem begründeten Verdacht vor Gericht standhalten, wenn ein Angestellter beispielsweise so gut wie keine Ergebnisse hervorbringt, weil er im Homeoffice eine zweite Tätigkeit begonnen hat. 

Recht auf Homeoffice – eigentlich

Der dritte Meilenstein des neuen Gesetzes ist das Recht auf Heimarbeit. Arbeitgeber dürfen entscheiden, ob sie lieber im Büro oder von zu Hause arbeiten möchten. Wer keine Lust aufs Homeoffice hat, darf in Portugal nicht dazu gezwungen werden, berichtet die Financial Times. Wollen Arbeitgeber das Arbeiten von zu Hause verbieten, müssen sie schriftlich begründen, warum dies nicht möglich ist. Eltern von Kindern unter acht Jahren dürfen Arbeitgeber das Homeoffice nicht verbieten, solange sich der Beruf theoretisch und organisatorisch von zu Hause aus erledigen lässt. Die Kosten für das Homeoffice, sowohl die Ausstattung wie Laptop oder Diensthandy, wie auch die laufenden Kosten für Strom oder Internet müssen in Portugal künftig die Arbeitgeber bezahlen. 

Wenn Du die Wahl hast: Welcher Arbeitsplatz ist für Dich am besten?

Das Recht auf Heimarbeit in Deutschland wollte auch Hubertus Heil als Arbeitsminister 2020 durchsetzen. Mindestens 24 Tage sollten Arbeitgeber im Jahr Homeoffice machen dürfen. Mit seinem Vorhaben scheiterte er an der Union.

Ob ein solches Recht überhaupt notwendig und relevant ist, ist umstritten. Das "ifo" geht davon aus, dass mehr als die Hälfte aller Beschäftigten im Homeoffice arbeiten könnten. Dabei gibt es jedoch große Unterschiede zwischen den Branchen, wie auch eine Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung zeigt: Selbst während des "Lockdown light" im November 2020 arbeiteten gerade mal 14 Prozent der Arbeitgeber von zu Hause aus, der Rest musste oder wollte an den Arbeitsplatz.

Dieser Text gehört zu unserem neuen Ressort #neo, das sich speziell an junge Leserinnen und Leser richtet. Mehr Infos und alle Texte findest Du hier.

Ob die neue Bundesregierung das Thema Homeoffice wieder aufgreift, bleibt abzuwarten – zumal Corona kurzfristig und langfristig darauf Einfluss nehmen wird. In allen anderen Punkte, in denen es um Deinen Schutz im Homeoffice geht, stehen wir gar nicht schlecht da. 


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