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30.04.2021, 10:35 Uhr KOLUMNE

Ich habe 40 Tage auf Zucker verzichtet und das habe ich gelernt

Von Ann-Christin Dimon


Ich habe auf Zucker verzichtet: Warum sich das weniger körperliche, als psychische Auswirkungen auf mich hatte.Ich habe auf Zucker verzichtet: Warum sich das weniger körperliche, als psychische Auswirkungen auf mich hatte.
Colourbox.de

Hamburg. Wer trendy sein und Willensstärke beweisen will, der macht heutzutage einen "Detox". Auch ich habe versucht, 40 Tage auf eines der beliebtesten Konsumgüter überhaupt zu verzichten: Zucker.

"Detoxen" ist der heiße Scheiß. Wer in unserer Konsumgesellschaft beweisen will, nicht gnadenlos jeder Versuchung zu verfallen, der verzichtet bewusst. Das kann das klassische Fasten sein, der Social-Media-Detox oder man streicht ein beliebiges Lebensmittel von seinem Speiseplan. Letzteres habe ich 2020 gemacht. Meine Arbeitskollegen hatten kurz vor der Fastenzeit die glorreiche Idee 40 Tage lang auf Zucker – insbesondere Industriezucker – zu verzichten. Obst und Süßstoffe sollten weiterhin erlaubt sein. Und weil verzichten in der Gruppe einfach weniger schlimm ist, suchten sie Mitstreiter. Ich ließ mich auch von der Idee mitreißen. Denn wenn ich eines liebe, dann ist das Zucker. 

via colourbox.com/Ch. Horz
Zwei Franzbrötchen am Morgen sind vielleicht nicht der beste Start in den Tag.

Ich bin eine zertifizierte Naschkatze. Gummibärchen, Kekse und Kuchen sind meine "guilty pleasures". Ich würde sogar sagen: Eine Packung Kekse innerhalb von wenigen Minuten weg zu atmen ist meine geheime Superkraft. Außerdem begann ich meinen Morgen nicht mit einem, sondern zwei Franzbrötchen – man gönnt sich ja sonst nichts. Dass das nicht der beste Start in den Tag ist, war mir auch schon vor dem Detox klar. Umso besser, dass ich jetzt einen Anreiz hatte, mein Essverhalten einer Generalüberholung zu unterziehen. Das dachte ich zumindest. 

Warum sollte man überhaupt auf Zucker verzichten?

Jedes Jahr landet irgendein neues Lebensmittel auf der Liste der Sachen, die man weniger oder gar nicht mehr essen sollte. Mal waren es Eier (Cholesterin und so), dann Fette und Öle und irgendwann war dann auch der Zucker dran. Zugegeben: Zucker sollte man nicht in rauen Mengen essen, wie es uns Werbungen aus den 50er-Jahren weismachen wollten, sondern in Maßen. Denn die Dosis macht schließlich das Gift. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, der Deutschen Adipositas-Gesellschaft und der Deutschen Diabetes Gesellschaft, sollte man maximal 50 Gramm Zucker am Tag zu sich nehmen. In Deutschland liegen Erwachsene ungefähr 75 Prozent über diesem angepeilten Wert. Die Folgen dieses hohen Zuckerkonsums sind starkes Übergewicht, Diabetes Typ 2, Fettstoffwechselstörungen und und und. Den eigenen Zuckerkonsum zu reduzieren ist also eine gute Idee. Aber geht das überhaupt so leicht? 

Zucker bietet der Nahrungsmittelindustrie viele verschiedene Vorteile. Er verleiht den industriell gefertigten Lebensmitteln nicht nur Geschmack, sondern er wirkt sich auch auf die Konsistenz aus und kann Lebensmittel länger haltbar machen. Und weil Zucker so gut wie nichts kostet, wird er auch gerne für genau diese Zwecke verwendet. Im Umkehrschluss bedeutet das: In den meisten verarbeiteten Lebensmitteln findet sich eine Form von zugesetztem Zucker. Wer sich also nicht regelmäßig Etiketten durchliest und sich mit den über 70 Zutatenbezeichnungen für Zucker auskennt, der nimmt wahrscheinlich mehr Zucker zu sich, als einem lieb ist. Es reicht also nicht nur auf Süßigkeiten und andere Süßwaren zu verzichten, sondern auch auf viele andere Lebensmittel. Und ich dachte zu Beginn meines Detox, dass die fehlenden Süßigkeiten die größte Herausforderung sein werden.

Esse ich überhaupt zu viel Zucker?

Am Aschermittwoch 2020 ging es dann auch endlich los mit dem Experiment "40 Tage zuckerfrei". Ich hatte am Abend zuvor bereits jedes Lebensmitteletikett nach Zucker oder seinen 70 Namensvettern untersucht und jedes von ihnen in die hinterste Ecke meines Vorratsschranks verbannt. Es waren erstaunlich wenige – eine Tube Senf, Sojasauce, eine Gewürzmischung und das Packet Zucker, dass noch nicht mal geöffnet wurde. Süßigkeiten hatte ich nicht im Haus (die wanderten schließlich sofort in meinen Magen). Das ließ mich etwas aufatmen. Vielleicht sollte die ganze Angelegenheit doch nicht so schwer werden, wie ich es mir vorgestellt hatte. 

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Zumindest in den ersten drei Tagen lag ich mit der Annahme komplett daneben. Mir fehlten die Franzbrötchen am Morgen. Der ganze Kuchen, der an den folgenden Tagen im Büro auftauchte, war natürlich auch keine Hilfe. Die Versuchung war groß, aber ich hielt stand. Als die erste Woche vorbei war, hatte ich eine Eingebung. Eine Erkenntnis sondergleichen. Wenn ich die Franzbrötchen am Morgen und meine einmal in der Woche stattfindenden Kekseskapaden weglasse, esse ich tatsächlich wenig Zucker. Denn ich koche viel selbst – Fertiggerichte kaufe ich alle Jubeljahre mal. Ich mische mir auch keinen Zucker in meinen Kaffee und Softdrinks und Säfte trinke ich so gut wie nie. Also warum mache ich überhaupt einen Zucker-Detox?

Der ständige Drang zur Selbstoptimierung

Die Antwort ist hart, aber ehrlich: Ich wollte mal wieder abnehmen. Seit ich ein Teenager war, versuche ich das konstant. Und dazu gehört auch der ständige Drang, meine Ernährung von allen Versuchungen zu befreien, die mir Freude bereiten – und dazu gehört für mich ein morgendliches Franzbrötchen – nur um einem Ideal zu entsprechen, das ich sowieso nie erreichen werde. Bestärkt wird dieser ständige Drang zur Selbstoptimierung durch immer neue Ernährungsformen, die mich nun endlich zum Traumkörper führen sollen; Influencer, die sich von Green-Smoothies und Salatblättern ernähren und die verächtlichen Blicke von Mitmenschen, wenn ich nicht nur ein Stück Kuchen esse, sondern zwei. Schande über mich. Wie kann ich es nur wagen, nicht ständig meine Selbstkontrolle zu beweisen und diese dann auch noch als Maß aller Dinge darzustellen. 

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Ich habe mir sehr lange einreden lassen, dass immer noch mehr geht. Höher, schneller, weiter  – oder in meinem Fall: weniger, gesünder, dünner. Es gibt immer etwas zu verbessern, alles kann man optimieren, bis ein neues Level der Perfektion erreicht wird. Ein Selbstoptimierungsteufelskreis sozusagen. Ist das gesund? Ich bezweifle das. 

Was ich durch den Zucker-Detox gelernt habe

Zunächst einmal vorweg: Ich habe den Detox durchgezogen – bis zum bitteren Ende. Das bittere Ende war der Beginn der Corona-Pandemie und wurde begleitet von einigen Schicksalsschlägen. Aber ich bin standhaft geblieben. Denn wenn ich etwas beginne, dann bringe ich es auch zu Ende. Aber was habe ich eigentlich durch meinen Zuckerverzicht gelernt?

  • Bewusste Ernährung: An meiner Ernährung hat sich erstmal nicht viel geändert, außer die Franzbrötchen natürlich. Die sind verschwunden. Ich bin mir aber bewusst geworden, dass das alles gar nicht so schlimm ist, wie ich dachte. Ich ernähre mich tatsächlich erstaunlich gesund.
  • Gelassenheit: Zucker in großen Mengen ist ungesund, aber Selbstgeißelung hat noch nie irgendjemanden geholfen. Ein paar Kekse sind kein Weltuntergang.
  • Etiketten lesen: Trotz meiner Erfahrungen mit dem Zucker-Detox, ist es trotzdem sinnvoll seinen Zuckerkonsum zu reduzieren. Die einfachste Methode ist, sich die Etiketten auf Lebensmitteln durchzulesen und die verschiedenen Namen für "Zucker" zu lernen. 

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