zuletzt aktualisiert vor

Geheime Beratung im Camper Gewalt gegen Frauen auf dem Land: "Hier ist gar nichts gut"

Miriam Peters (30) setzt sich mit den "Land-Grazien" gegen Gewalt gegen Frauen in den ländlichen Regionen ein.Miriam Peters (30) setzt sich mit den "Land-Grazien" gegen Gewalt gegen Frauen in den ländlichen Regionen ein.
Ankea Janßen

Sandesneben-Nusse. Häusliche Gewalt gegen Frauen in ländlichen Regionen ist ein Tabuthema. Damit Betroffene sich trotzdem Hilfe suchen können, fährt Miriam Peters mit einem getarnten Firmentransporter von Dorf zu Dorf.

Der Transporter steht auf einem Parkplatz am Rande eines kleinen Waldstücks irgendwo im Kreis Herzogtum Lauenburg. Der Boden ist feucht und schlammig, der Himmel grau an einem Donnerstag Anfang Dezember. An den Bäumen hängt kaum mehr ein Blatt, ein paar Schneereste schmelzen langsam dahin.

Lesen Sie auch:

Im Wagen dreht Miriam Peters die Gasflasche einer kleinen Standheizung auf, befüllt Gläser mit Wasser, stellt belegte Brötchen auf den Tisch und reicht Jane (Name geändert) eine graue Wolldecke. "Wie geht's dir, scheiße, oder?", fragt Peters und klettert auf die Sitzbank. Die blonde Frau lächelt müde: "Besser als die letzten Tage."

Ankea Janßen

Heimliche Treffen in einem Handwerker-Auto

Von außen ahnt niemand, dass dort, im hinteren Teil des ausgebauten Firmentransporters, gerade ein Beratungsgespräch mit einer Frau stattfindet, die von Gewalt betroffen ist. Hier, in der kleinen Sitzecke, die spärlich von drei Glühbirnen erhellt wird, fühlt sich Jane sicher und erzählt: Von ihrem Ex-Mann, der beim Bund arbeitet und nicht bei einer einzigen Geburt der vier gemeinsamen Kinder dabei war, sondern lieber zum "Saufen" mit Kollegen verabredet hat. Für den eine Flasche Whiskey am Tag "nichts" sei. Der meckerte, wenn in der Wohnung nicht gesaugt und der Geschirrspüler nicht ausgeräumt wurde. Dessen Kinder leise zu sein hatten, wenn er auf dem Sofa Fußball sah. Der mit der Zeit immer aggressiver wurde und nur noch brüllte. Und der das Gemeinschaftskonto leerräumte, nachdem Jane Anfang des Jahres nach 15 Jahren den Schlussstrich zog und die Scheidung verlangte. 

All das sind Beispiele psychischer Gewalt, der sich Jane ausgesetzt sieht. Über körperliche Übergriffe möchte sie an diesem Tag nicht sprechen.

Miriam Peters: "Wichtig ist, dass du ruhig bleibst"

"Ich dachte lange, ich bin ein wahnsinnig schlechter Mensch", sagt die 33-Jährige. "Ich wollte ihm nicht wehtun, nie böse sein und habe alles gemacht, nur um eine intakte Familie zu haben." Janes Gesicht ist schmal, 13 Kilo hat sie in der letzten Zeit abgenommen. Die älteste Tochter sei gerade beim Vater und statt sie in die Schule zu bringen, habe er sie für eine Woche beurlaubt, dabei hätten für die Elfjährige wichtige Klassenarbeiten angestanden. Jane würde den Streit gerne von ihren Kindern fernhalten, doch zuletzt habe ihr Ex-Mann gedroht, ihr diese wegzunehmen. Nun steht ein klärendes Gespräch beim Jugendamt an.

Ankea Janßen
Miriam Peters im Gespräch mit der 33-jährigen Jane (Name geändert).

Auf diesen Termin bereitet Sozialpädagogin Peters Jane heute vor. "Ganz wichtig ist, dass du ruhig bleibst. Wenn du da rumbrüllst, erweckt das den Anschein, dass du dich nicht unter Kontrolle hast." Dann zählt sie die "klassischen Lügen" auf, die kommen könnten: "Er wird vielleicht sagen, dass du deine Kinder schlägst. Oder dein neuer Freund. Und dass deine Große schlecht in der Schule ist, weil du überfordert bist. Das sind reine Machtspielchen, er will dir Angst einjagen und dich klein machen, aber das wird er nicht schaffen." Jane richtet sich auf: "Ich werde ruhig und sachlich bleiben. Ich bin gut vorbereitet." Sie rauchen noch eine Zigarette, bevor sie sich voneinander verabschieden.

Akute Unterversorgung in ländlichen Regionen

Seit Februar 2020 kümmert sich Peters vom Verein "Frauen helfen Frauen in Sandesneben und Umgebung" mit der Beratungsstelle "Land-Grazien" um Frauen, die – in welcher Form auch immer – von Gewalt betroffen sind. Zuvor arbeitete sie im Autonomen Frauenhaus Lübeck. Dass sie dort immer wieder Frauen aus dem Kreis Herzogtum Lauenburg abweisen musste, habe sie wütend gemacht. "Wir haben eine akute Unterversorgung in den ländlichen Regionen", sagt die Frau mit dem kurzen Pony und steuert den Transporter über eine Landstraße hin zum nächsten Termin. Zwar gebe es eine Beratungsstelle in Schwarzenbek, doch diese sei mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer zu erreichen. Nach Angaben des schleswig-holsteinischen Innenministeriums haben im vergangenen Jahr landesweit knapp 4000 Frauen Fälle von Gewalt in der Partnerschaft angezeigt. 

Peters zeigt eine Nachricht, die sie während des Gesprächs mit Jane über das Kontaktformular auf der Webseite des Vereins erreicht hat. Eine Frau schreibt, dass ein Kollege auf der Firmenweihnachtsfeier ihr gegenüber sexuell übergriffig wurde. "Er wollte Sex mit mir. Ich habe ihm gesagt, dass ich das nicht möchte und er aufhören soll, aber das hat er nicht ernst genommen. Da ich Angst hatte, was passiert, wenn ich ihn zum Beispiel schlage oder wegschubse, habe ich es über mich ergehen lassen." Sie sei glücklich verheiratet und wisse nicht, an wen sie sich wenden könne. Peters rät der Frau in einer ersten Antwort, in ein Krankenhaus zur anonymen Spurensicherung zu gehen.

Screenshot/anonym
Eine Frau wendet sich mit dieser Nachricht an den Verein.

Die sozialen Strukturen einer Dorfgemeinschaft

"Gewalt gegen Frauen kommt auf dem Land genauso häufig vor wie in der Stadt", sagt Peters und zitiert die Statistik: Jede dritte Frau in Deutschland ist mindestens einmal in ihrem Leben von körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. Jedoch seien die sozialen Strukturen auf dem Dorf einfach anders, darum brauche es ein individuelles Angebot. Denn was in der Stadt gut funktioniert, könne nicht auf das Land übertragen werden: "Nehmen wir mal an, bei einer Familie hier kracht es so sehr, dass die Polizei kommen muss und die ganze Nachbarschaft sieht, wie der Familienvater das Haus verlassen muss. Was wird wohl die nächsten Tage das Gesprächsthema sein?", fragt Peters. Hinzu komme das traditionelle Rollenbild, an dem auch Jane lange festzuhalten versuchte: "Mama, Papa und die Kinder müssen zusammen bleiben." Schnell werde nach so einem Vorfall also getuschelt, ob sich die Frau nicht genug um Haushalt, Kinder und ihren Mann gekümmert habe. 

„In manchen Dörfern und Gemeinden kann das dazu führen, dass nicht der gewalttätige Mann aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wird. Denn der ist fest im Fußballverein und der Dorfkneipe verankert. Die Konsequenzen muss also die Frau mit ihren Kindern tragen.“Miriam Peters, Sozialpädagogin

Miriam Peters: "Ich bin hier keine Fremde"

Was Peters schildert, erklärt, warum Gewalt gegen Frauen auf dem Land ohne eine anonyme mobile Beratungsstelle kaum bekämpft werden kann: Frauen in ländlichen Regionen brauchen ein niedrigschwelliges Angebot, um sich in häuslichen Krisensituationen anonym Hilfe suchen zu können. "So gibt es kein Gerede, dass Frau XY sich mit der Frauenberatung trifft. Denn im schlimmsten Fall kann das den Tod für die Frauen bedeuten. Die Anonymität ist der beste Schutz." Häusliche Gewalt sei auf dem Land ein noch größeres Tabuthema als in der Stadt. "Und weil keiner öffentlich darüber spricht, wird das Vorurteil bestärkt, dass es hier keine Gewalt gegen Frauen gibt."

Das Schweigen brechen würden einige nur, weil Peters eine von ihnen sei. "Ich bin keine Fremde, sondern von hier und habe etwas Stallgeruch." Die 30-Jährige wuchs in Klinkrade auf, ging nach dem Abitur nach Mexiko und Amsterdam und kehrte schließlich in die Heimat zurück. Mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen lebt sie in der Gemeinde Labenz.

Die Illusion der "heilen Welt"

Doch nicht jeder in der Region ist erfreut über Peters Verein. Es habe schon schriftliche Morddrohungen gegeben. Viele würden nicht zulassen wollen, dass man ihnen die Illusion der "heilen Welt" kaputt mache. Nicht nur von Männern, auch von Frauen sei sie schon angefeindet worden. "Mir wurde schon vorgeworfen, dass ich Frauen helfe, die Männer auszunehmen. Die meinen, die haben hier ihr Eigenheim und alles ist gut. Und dann komme ich um die Ecke und sage: 'Es ist gar nichts gut'." 

Den Verein zu finanzieren, ist für Peters und ihre vier Kolleginnen harte Arbeit. Bisher lief alles über Spendengelder: Der Transporter mit der Handwerker-Folierung konnte über Ebay gekauft werden, weil die Franz-Beckenbauer-Stiftung 18.000 Euro zur Verfügung stellte. Außerdem wurde das Modellprojekt in diesem Jahr von Aktion Mensch ausgezeichnet: 300.000 Euro fließen verteilt über fünf Jahre. 

Ankea Janßen

Finanzierung des Projekts ist ein ständiger Kampf

Im kommenden Jahr wird es auch erstmals öffentliche Gelder geben: 40.000 Euro bekommt der Verein vom Kreistag. "Das hat mich zwei Jahre Arbeit gekostet", sagt Peters, die immer wieder aktiv auf die Parteien zugehen musste. Im Kreis Herzogtum Lauenburg koalieren CDU und Grüne. Erstere sei besonders schwer zu knacken gewesen. Für Gespräche mit den CDU-Politikern habe sich Peters extra eine weiße Bluse gekauft, sie nennt sie die "CDU-Bluse". 

"Ich erkläre immer wieder, was unseren Verein so besonders macht und warum unsere Arbeit hier wichtig ist." Peters nimmt dabei kein Blatt vor den Mund und berichtet schonungslos von dem, was in der Umgebung passiert: Etwa von dem 15-jährigen Mädchen, das von fünf Klassenkameraden auf dem Spielplatz vergewaltigt und dabei mit dem Handy gefilmt wurde. Oder von der 82-Jährigen, die 60 Jahre lang von ihrem Mann verprügelt wurde, und jetzt nichts mehr dagegen unternehmen möchte, weil er ohnehin bald sterbe. 

„Manchmal stelle ich mir die Frage, ob die Politiker wirklich für ein gewaltfreies Leben einstehen wollen, denn wenn es nur um die Sache gehen würde – gegen männliche Gewalt einzutreten – dann würde sich die Frage doch gar nicht mehr stellen, ob wir finanziert werden oder nicht.“

Einmal, nachdem Peters auf einer Veranstaltung die Kriminalstatistik zum Thema Gewalt gegen Frauen vorstellte, sei ein Politiker wütend aufgestanden, habe mit der Faust auf den Tisch geschlagen und gerufen: "Nicht alle Männer sind so, Frau Peters. Frauen können auch Biester sein."

Weihnachten ist die schlimmste Zeit

Die Straße führt durch das nächste Dorf, vorbei an Kleingärten und Einfamilienhäusern mit weihnachtlichen Lichterbögen in den Fenstern. Zwischendurch ein Telefonat: "Brauchst du ärztliche Hilfe? Nein? In Ordnung, dann treffen wir uns nächste Woche."  

Patrick Kramer
Miriam Peters im Beratungsgespräch.

Drei bis vier Beratungsgespräche führt Peters pro Woche. Weihnachten sei mit die schlimmste Zeit. "Viele Frauen haben Angst vor den Feiertagen, denn eine räumliche Distanz gibt es in dieser Zeit nicht." Außerdem werde viel Alkohol getrunken. 

Die Folgen der Corona-Pandemie

Peters spürt außerdem die Folgen der Pandemie. "Gefühlt wird kaum noch darüber gesprochen, wozu die Lockdowns geführt haben." Kurzarbeit, Jobverlust, finanzieller Frust und unausgelastete Kinder, die aufgrund geschlossener Kitas und Schulen ständig zu Hause saßen, seien Risikofaktoren für häusliche Gewalt. "Wir haben oft Nachrichten bekommen, in denen stand, dass wir auf keinen Fall zurückrufen sollen, weil der Mann das mitbekommen würde."

Daher sei es so wichtig, dass Betroffene sich nicht nur telefonisch, sondern auch über das Kontaktformular auf der Webseite sowie den Facebook- und Instagram-Kanal bei den "Land-Grazien" melden können. "Es ist nicht selbstverständlich, dass eine Frau zum Hörer greifen kann."

Peters lenkt den Transporter in eine Wohnhaussiedlung, parkt in einer Seitenstraße und dreht erneut die Gasflasche auf. Sie ist mit Anna (Name geändert) verabredet, die sich im September von ihrem Mann getrennt hat. Die 30-Jährige nimmt in der Sitzecke Platz und wirkt verzweifelt. Immer wieder versteckt sie ihr Gesicht mit den Händen. "Sitzt ihr noch im Warmen?", will Peters wissen. Ja, aber das Geld sei knapp, reiche gerade noch so übers Wochenende. "Ich verstehe einfach nicht, warum alles so beschissen sein muss", sagt die zweifache Mutter mit den Sommersprossen. Zweimal sei sie schon durch die theoretische Führerschein-Prüfung gefallen, morgen stehe der Drittversuch an. Wenn sie es wieder nicht schafft, bekommt sie eine sechsmonatige Sperre. 

Ankea Janßen
Anna (Name geändert) macht sich Notizen, um einen Überblick zu behalten.

Anna: "Das Geld reicht noch übers Wochenende"

Das Thema Scheidung will Anna erstmal noch ruhen lassen, aus Angst, es könne dann noch schwieriger mit dem Ex werden. "Durch die Kinder bin ich von ihm abhängig, denn ich kann sie nicht immer mit auf die Arbeit nehmen. Auch auf seine Eltern bin ich angewiesen, die mir mit dem Einkauf helfen." Ob er körperliche Gewalt anwendet? Früher habe er mal zugehauen, aktuell aber nicht mehr. Peters sagt, dass solche Aussagen typisch seien, viele Frauen würden verdrängen wollen. Ebenso typisch und auch bei Anna der Fall: "Der Kerl zieht nach der Trennung wieder zu Hause bei Mutti ein." 

Um eine Übersicht über Annas Einnahmen und Ausgaben zu erstellen und Anträge bei den Ämtern auszufüllen, vereinbart Peters einen neuen Termin mit Anna. "Meldest du dich morgen nach deiner Prüfung mal?", fragt Peters. "Mhm", murmelt Anna und verlässt den Wagen. 

Im Transporter wird geweint, aber auch gelacht

Auf den knapp sieben Quadratmetern des Transporters wurde schon viel geweint, aber auch gelacht, sagt Peters, der man nun ihre Müdigkeit anmerkt. "Es ist wichtig, auch mal über die eigene Situation zu lachen. Oder darüber, was für ein Scheißkerl er ist." 

Was sie stolz macht, ist, wenn sie merkt, wie die Frauen aufblühen und ihr Selbstwertgefühl zurück erlangen. Und tatsächlich lässt sich ein großer Unterschied zwischen den heutigen Beratungsgesprächen feststellen: Während Anna noch völlig überfordert und planlos zu sein scheint, ist Jane kämpferisch und fest entschlossen, von jetzt an ihren eigenen Weg zu gehen. 

Und genau das ist es, was Peters antreibt, motiviert und ihre Leidenschaft niemals vergessen lässt: "Ich habe mir vorgenommen, hier mal ein bisschen aufzuräumen."


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der NOZ MEDIEN und mh:n MEDIEN