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Cold Case aus Osnabrück Diese Ermittler geben nicht auf: Wer tötete Ute Werner 1988?

Berndt Klose, Polizist im Ruhestand, und Ermittler Uwe Hollmann (rechts) suchen bis heute den Mörder der Anhalterin Ute Werner. Unserer Redaktion hat mit ihnen für den Podcast "Die Anhalterin - Wer tötete Ute Werner?" gesprochen.Berndt Klose, Polizist im Ruhestand, und Ermittler Uwe Hollmann (rechts) suchen bis heute den Mörder der Anhalterin Ute Werner. Unserer Redaktion hat mit ihnen für den Podcast "Die Anhalterin - Wer tötete Ute Werner?" gesprochen.
Jörn Martens

Osnabrück. Wer tötete 1988 die Anhalterin Ute Werner? Dieser Frage geht unsere Redaktion in dem neuen Podcast "Die Anhalterin" nach. Dies ist die Geschichte zu dem Fall, in dem zwei Polizisten nie locker gelassen haben.

August 1988: Über Osnabrück liegt eine drückende Hitze. Vor wenigen Wochen haben die Niederlande die Sowjetunion im Endspiel um die Fußball-Europameisterschaft geschlagen. In den Kinos läuft Rambo, Teil 3. Helmut Kohl ist Kanzler der Bundesrepublik Deutschland und wird es noch eine Weile bleiben.

Wo ist Ute Werner?

In der Region Osnabrück läuft seit Tagen die verzweifelte Suche nach der vermissten Ute Werner. Die 22-Jährige hatte sich per Anhalter auf den Heimweg von Osnabrück nach Bad Rothenfelde gemacht, kam aber nie zu Hause an. 

Polizei
Ute Werner.

Die Polizei sucht, Freunde fahren mögliche Routen ab, aber nichts: Ute bleibt verschwunden. Langsam aber sicher sickert die Erkenntnis ins Bewusstsein, dass etwas Schreckliches passiert sein muss.

Am 22. August gegen 12.30 Uhr macht ein Spaziergänger in einem Wäldchen an der Stadtgrenze zu Osnabrück nahe des Franziskushospitales eine grauenhafte Entdeckung: Unweit eines Weges liegt der Leichnam von Ute Werner. 

Jörn Martens
Der Spazierweg am Harderberg bei Osnabrück.

Die Obduktion wird später zeigen: Die junge Frau wurde vergewaltigt und mit mehreren Messerstichen umgebracht.

Manche Geschichten können kein gutes Ende mehr nehmen, weil die Katastrophe längst passiert ist. Die Geschichte der Anhalterin Ute Werner gehört dazu. Der Mörder, möglicherweise ein Serientäter, ist bis heute irgendwo da draußen. Sofern er selbst mehr als 30 Jahre nach der Tat überhaupt noch lebt.

Phantome und falsche Spuren

Aber die Polizei hat die Suche nach ihm nie aufgegeben. Die Ermittler Berndt Klose und Uwe Hollmann – der eine längst im Ruhestand, der andere ein Jahr vor der Pensionierung - jagten Phantome, verfolgten Spuren, die ins Leere liefen. Dennoch haben sie immer noch Hoffnung, den Mord an der Anhalterin aufzuklären – und damit einen Schlusspunkt ans Ende dieser Geschichte setzen.

„Irgendwann habe ich nachts geträumt: ,Mensch, Ute, jetzt hilf mir mal weiter…“, erzählt Berndt Klose, mittlerweile 69 Jahre alt, im Podcast „Die Anhalterin – Wer tötete Ute Werner?“. Klose übernahm als junger Kommissar die Mordkommission Werner und musste sie wenige Monate später wieder auflösen. Tausende Hinweise und Spuren hatten die Ermittler bis zu diesem Zeitpunkt zusammengetragen und ausgewertet. Aber keine führte zum Mörder von Ute Werner.

Michael Gründel
Der Mordfall Ute Werner füllt zig Aktenordner bei der Polizei Osnabrück.

Dabei gab es unter den Hunderten Anrufen einen, der die Ermittler aufhorchen ließ: Eine Zeugin meldete sich und gab an, im März 1988 in der Nähe des Rosenplatzes in Osnabrück als Anhalterin zu einem Mann ins Auto gestiegen zu sein. Ungefähr dort, wo Ute Werner mutmaßlich wenige Monate später ins Auto ihres Mörders stieg.

Der Mann fuhr mit der anderen Frau die Iburger Straße hinunter bis zur Stadtgrenze von Osnabrück. Hier bog er ab in das Wäldchen am Franziskus-Hospital, in dem später der Spaziergänger die Leiche von Ute Werner entdeckte.

Der Mann bedrohte die Zeugin, vergewaltigte sie. Das Auto, sagt sie bei der Polizei aus, sei so manipuliert gewesen, dass sie nicht flüchten konnte. Der Tatort, die Vorgehensweise – das konnte kein Zufall sein. Die Polizei geht davon aus, dass es sich bei dem Täter auch um den späteren Mörder von Ute Werner handelt.

Utes Mörder ein Serientäter?

Ein Serientäter also, der es ganz gezielt auf Frauen abgesehen hatte, die als Anhalterin unterwegs waren. Möglicherweise gibt es noch weitere Opfer, die sich bis heute nicht bei der Polizei gemeldet haben. Oder sich nicht mehr melden können, weil sie umgebracht worden sind. In den 70er und 80er Jahren erschütterte eine Reihe von Anhalter-Morden Westdeutschland. Einige sind bis heute ungeklärt.

Mithilfe der Zeugin wurde ein Phantombild und eine Täterbeschreibung veröffentlicht: Der Mann soll etwa 35 Jahre alt gewesen sein, 1,85m bis 1,90m groß, von kräftiger Statur aber nicht dick. Auffälligstes Merkmal: die Frisur – streng nach hinten gekämmte blonde Haare mit hohen Geheimratsecken.

Wer ist dieser Mann?

Polizei

Diese Frage ist bis heute unbeantwortet. Niemand hat für die Vergewaltigung im März oder den Mord wenige Monate später gesühnt. Die Verbrechen sind beide ungeklärt. Der Mord an Ute Werner ist zu einem von mehreren Tausend sogenannten Cold Case in Deutschland geworden. Und damit zu einem Fall für Uwe Hollmann, einem Spezialisten für ungeklärte Tötungsdelikte bei der Polizei in Osnabrück.

„Ich habe jetzt noch ein Jahr Zeit, diesen Fall zu klären“, sagt er im Podcast „Die Anhalterin – Wer tötete Ute Werner?“. Diese Zeit will er nutzen. Hollmann, 61 Jahre alt, lässt nichts unversucht, den Täter zu identifizieren: Er präsentierte den Fall vor einem Millionenpublikum bei der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“. Er holte Schüler der Polizeiakademie Niedersachsen ins Boot, die die Akten noch einmal von vorn bis hinten lasen. Er ließ die damals sichergestellte Kleidung von Ute Werner mit neuer Kriminaltechnik untersuchen. Aktuell laufen noch DNA-Untersuchungen.

Ja, sagt Hollmann im Podcast, er sei durchaus optimistisch, dass er den Mörder noch findet. Oder zumindest den Grundstein dafür legt, damit seine Nachfolger im Fachkommissariat 1 der Polizei in Osnabrück Erfolg haben. Aktuell führt einer der Hinweise, denen er nachgeht, ins Ruhrgebiet. Warum, will er nicht verraten.

Michael Gründel
Uwe Hollmann in seinem Büro.

Hollmann braucht die Öffentlichkeit bei der Lösung des Falls. Öffentlichkeit ist gut, zu viel Öffentlichkeit aber schadet, ist seine Devise. Der erfahrene Kommissar will den Täter weder warnen, noch Dinge verraten, die nur dieser wissen kann – sogenanntes Täterwissen, das bei einem Geständnis zum Mord an Ute Werner eine Rolle spielen könnte.

Aber Ute Werner war und ist mehr als nur das Opfer in dieser Geschichte. Im Laufe der Ermittlungen kamen der pensionierte Ermittler Berndt Klose und sein Nachfolger Hollmann dem Menschen Ute so nah, wie es eben geht, ohne den Menschen selbst gekannt zu haben.

Sie befragten Freunde und Verwandte, erstellten ein sogenanntes Opferbild – ein weitverzweigtes Netz, dass das Leben Ute Werners rekonstruiert. Vielleicht führt einer der Fäden in diesem Netz zum Täter? Vielleicht kannte Ute ihren Mörder doch und die These vom Zufallsopfer war falsch? Alles wird hinterfragt.

Tagebuch von Ute Werner

Ute, erfuhren die Ermittler, war ein freundlicher, zugewandter Mensch, sehr zuverlässig und besorgt um ihre Großmutter, die sie „Omi“ nannte. Und sie war eine geübte Tramperin. Wenige Wochen vor ihrem Tod kehrte sie von einem einwöchigen Ausflug aus den Niederlanden zurück. Die komplette Reise hatte sie als Anhalterin absolviert. Ihr Rückweg führte sie dabei über den Rosenplatz in Osnabrück – also der Ort, wo sie später mutmaßlich ins Auto ihres Mörders einstieg.

Über ihre Erlebnisse auf dieser Reise hat sie ein Tagebuch verfasst. Dies sind die letzten Zeilen, die Ute Werner geschrieben hat:

„Deutschland – kein Zweifel. Ich gehe zum „Grill-Master“. Pommes weiß – Frikadelle. Cola. Weiter geht’s zum Rosenplatz. Ein altes Ehepaar nimmt mich mit. Richtig süß, wie sie sich den Kopf zerbrechen, wo ich am besten aussteigen könnte – bei „Adler“. Keine zwei Minuten später sitze ich in einem Auto, hinten ein kleines Mädchen. Meinen Rucksack findet sie unheimlich interessant. Sie bringen mich bis vor die Haustür. Home, sweet home!“

Wenige Wochen später ist Ute Werner tot. Dieses Mal war sie nicht in das Auto eines netten, älteren Ehepaares gestiegen, sondern offenbar in das Fahrzeug ihres Mörders. Wer das war, darauf sucht Ermittler Uwe Hollmann bis heute eine Antwort.

Hinweise zum Fall nimmt die Polizei unter der Telefonnummer 0541/3272115 entgegen. Der Podcast „Die Anhalterin – Wer tötete Ute Werner?“ ist überall dort zu finden, wo es Podcasts gibt. Alle vier Folgen sind ab Samstag, 4. Dezember, abrufbar (hier klicken)

Der Trailer: 

Michael Gründel


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