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02.12.2021, 14:22 Uhr KOLUMNE

Ist es ok, keine Lust auf Selbstoptimierung zu haben?

Von Julia Wadle


Schon im Bett die Gesundheitswerte checken? Nein danke! (Symbolbild)Schon im Bett die Gesundheitswerte checken? Nein danke! (Symbolbild)
imago images/Stockbroker

Osnabrück. Zeitschriften, Promis, Bekannte und selbsternannte Influencer: Jeder meint zu wissen, was wir besser machen müssen. Schluss mit dem Hamsterrad der Selbstoptimierung! Darauf keine Lust zu haben, ist Ihr gutes Recht.

Keine Hassliebe ist stärker als die, die ich zu Frauenzeitschriften habe; diese kleinen Magazine voller Ernährungs-, Kosmetik-, Mode- und Lifestyletipps, die schnell gekauft und durchgeblättert sind. Sie erklären mir, wie mein Modestil außergewöhnlicher, mein Lidstrich gerader, mein Haushalt organisierter und meine Arme definierter werden. 

Wenn ich die Zeitschrift dann wieder zur Seite lege, habe ich das Gefühl, ganz dringend an mir arbeiten zu müssen. Denn ich will das Leben leben, dass andere scheinbar mit links meistern: Ich möchte nach einem erfolgreichen Arbeitstag toll angezogen und schön geschminkt in meine aufgeräumte Wohnung zurückkommen, einen gesunden Grüntee trinken und ein veganes Gericht voller Ballaststoffe essen, danach zu einem Fünfkilometerlauf aufbrechen, den ich mit einer Runde Yoga kröne, und mit einem Roman von Dostojewski den Abend ausklingen lassen. 

Nur mit Problemen verdient man Geld

Die Realität sieht anders aus: Ich besitze keinen Roman eines russischen Schriftstellers, kann auf Grüntee gut verzichten und langweile mich beim Yoga. Ich mag die Realität und ich vermisse nichts. Aber ist es ok, keine Lust auf Selbstoptimierung zu haben?

Kolumne "Ist es ok, dass..."

In unserer Kolumne "Ist es ok, dass..." analysieren unsere Autoren ganz alltägliche Situationen. Ist es zum Beispiel in Ordnung, die Freunde des Freundes nicht zu mögen oder ungeliebte Geschenke weiter zu verschenken? Regelmäßig gehen wir diesen und weiteren Gewissensfragen auf dem Grund.
Alle Beiträge finden Sie unter noz.de/xl

Geht es nach Influencern, Ernährungsexperten, Fitnesscoachs und besserwisserischen Bekannten auf gar keinen Fall. Sie vermitteln uns täglich, was wir tun, kaufen, oder üben sollen, um zur besseren Version unseres Selbst zu werden. Das bringt uns dazu, Dinge zu machen, auf die wir absolut keine Lust haben und völlig irrationale Vergleiche anzustellen. Warum glauben wir sonst, unsere Körper mit denen von Olympioniken messen zu müssen, unsere Kochkünsten mit den Fähigkeiten von Starköchen oder unsere Kleiderschränken mit denen von Millionären?

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Ich halte diese Selbstoptimierungsindustrie, die mit unserem schlechten Selbstwertgefühl Geschäfte macht, für Irrsinn. Denn die vermeintlichen Ratgeber bauschen unsere Probleme auf, um damit Geld zu verdienen, indem sie uns Fitnesstracker, Sporthosen oder Nahrungsergänzungsmittel verkaufen wolle.

Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Natürlich meinen es manche Ratgeber, gerade aus dem persönlichen Umfeld, gut, wenn sie uns beispielsweise davon vorschwärmen, die sehr ihnen Yoga die Augen geöffnet hat oder wie gut sie sich mit der rein pflanzlichen Ernährung fühlen. Das ist wunderbar und ich freue mich für jene. Doch so wie wir alle unterschiedlich sind, haben wir auch alle unterschiedliche Bedürfnisse. Wer sich beim Kochen entspannt, sollte sich nicht einreden lassen, dass er Atemübungen braucht. Fans von gemütlichen, weiten Klamotten sollten nicht im engen Pulli den Bauch einziehen, weil frau das halt so trägt. Und bevor ich meine geliebten Kartoffelchips mit Paprikageschmack gegen ach so gesunde Rote-Bete-Chips tausche, esse ich lieber gar nichts. 

Was ist Ihre Meinung zum Thema Selbstoptimierung? 

Wenn wir in uns reinhören, wissen wir meistens selbst, was wir brauchen. Klingt die Yogastunde interessant? Dann gehen Sie mit der begeisterten Freundin mit. Sie finden Chia-Pudding eklig? Verzichten Sie drauf! Sie wollen einen gemütlichen Spaziergang machen statt keuchend durch den Park zu joggen? Gehen Sie so langsam, wie Sie möchten. Im Homeoffice wollen Sie mit einem businesstauglichen Outfit einen guten Eindruck machen? Ein ordentliches Oberteil reicht – auch dieser Text wurde in Jogginghosen geschrieben. 


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