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1,20 Euro pro Kilo Fleisch Preiskrise setzt Schweinebauern unter Druck: "Es geht einfach nicht mehr"

Die wenigsten Schweineställe in Deutschland sind ein Offenstall wie dieser.Die wenigsten Schweineställe in Deutschland sind ein Offenstall wie dieser.
Nina Kallmeier

Osnabrück. Seit Monaten bekommen Landwirte wenig für ihre Schweine. Und vor allem fehlt ihnen eines: Eine Perspektive, wie sie die Tiere künftig halten sollen. Ob das Bekenntnis von Discounter Aldi zur Wertschöpfungskette in Deutschland hilft?

Bislang hat Familie Vogelsang auf ihrem Hof alles in einer Hand: Ferkel werden dort geboren, großgezogen und die Schweine so lange gemästet, bis es für sie zum Schlachthof geht. Inklusive der Mastschweine leben insgesamt rund 1500 Tiere auf dem Hof in Rheda-Wiedenbrück, erzählt Seniorchef Norbert Vogelsang. „Alle zehn Tage verkaufen wir Schweine“, sagt der 59-Jährige, für den die Schweinehaltung mit zehn Sauen begann. Heute führt bereits sein Sohn auf dem Hof die Regie, der neben Schweinen auch Milchkühe hält und Ackerwirtschaft betreibt. Nur um die Schweine, um die kümmert sich Senior Vogelsang noch selbst.

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Künftig wird er jedoch weniger zu tun haben, denn die Zahl der Tiere wird kleiner werden. Das steht heute schon fest. Der Grund: Von der Ferkelaufzucht und den 120 Sauen wird sich die Familie trennen. Allein die Schweinemast beleibt. Wann es genau so weit ist, das hängt davon ab, wie lange die jetzigen Kastenstände weiter genutzt werden dürfen, sagt Norbert Vogelsang. In ihnen leben Sau und Ferkel etwa vier Wochen, bis die Ferkel groß genug sind.

Hohe Investitionen für Familienbetrieb nicht möglich

Das Problem: Politisch und gesellschaftlich gewollt ist diese Art der Haltung nicht mehr. Deshalb müssen die Kastenstände mittelfristig weg. 1,2 Millionen Euro müsste die Familie investieren, um genügend Platz zu schaffen, sie zu ersetzen. Zu viel für den Betrieb. „Ich würde liebend gerne auf der grünen Wiese einen neuen Stall bauen. Aber das ist wirtschaftlich nicht darzustellen“, sagt Junior-Chef Stefan Vogelsang.

Das hat auch mit den aktuellen Preisen zu tun, die ein Landwirt für seine Tiere bekommt. Wer Ferkel verkauft, konnte zuletzt 18 Euro pro Tier erwarten – im Vor-Corona-Jahr 2019 waren es in der gleichen Kalenderwoche noch 57 Euro. Mastschweine bringen dem Landwirt aktuell 1,20 Euro pro Kilo Schlachtgewicht ein – Anfang 2020 waren es noch 2,03 Euro.

Ingo Wagner

Dabei ist konventionelles Schweinefleisch, dessen Wertschöpfungskette ausschließlich in Deutschland liegt - wo also das Tier auf einem Hof in Deutschland geboren und es auch im Land verarbeitet wurde - genau das, was Discounter Aldi bis zum vierten Quartal 2020 ausschließlich in seinen Filialen verkaufen will. Bislang, so die Aussage des Discounters, findet gerade die Ferkelgeburt noch häufig in Nachbarländern statt. Konkurrent Lidl will sogar noch schneller umstellen: Bereits im ersten Quartal 2022 soll in den Regalen ausschließlich Fleisch von Schweinen liegen, die in Deutschland geboren, aufgezogen, gemästet, geschlachtet und zerlegt ("5D") wurden. Doch ist das umzusetzen, wenn Ferkelaufzüchter wie die Vogelsangs aufgeben, weil die Preise nicht stimmen und Investitionen in neue Stallbauten zu hoch sind?

Vogelsang: Perspektive für Tierhaltung in Deutschland fehlt

Der Preisverfall beim Schweinefleisch hat mehrere Gründe: Die Afrikanische Schweinepest – zuletzt auch mit einem Fall in Mecklenburg-Vorpommern – und das daraus resultierende Exportverbot von Schweinefleisch nach China – ein wichtiger Absatzmarkt unter anderem für Köpfe, Pfoten oder Ohren – ist einer. Aus anderen europäischen Ländern wie Spanien drängen günstige Importe auf den Markt. Das Resultat: Die Kühlhäuser sind voll, es gibt deutlich zu viel Schweinefleisch. Gleichzeitig nimmt der Konsum in Deutschland seit Jahren ab.

Für Landwirte sind die derzeitigen Preise aber viel zu niedrig, um alle Kosten zu decken, wie Vertreter des Berufsstandes bundesweit betonen. Sie machen wie die Vogelsangs Verluste mit ihren Tieren. Maßgeblicher als die niedrigen Preise sei jedoch die fehlende Perspektive, wie es mit der Tierhaltung in Deutschland weitergehe, sagt Norbert Vogelsang. Denn parallel zur Kastenstand-Diskussion findet auch jene darüber statt, wie der Stall der Zukunft aussehen soll – es ist das wohl größte wirtschaftspolitische Projekt hinter Energie- und Mobilitätswende.

Gert Westdörp
Schweine in einem Offenstall in der Nähe von Rheda-Wiedenbrück.

Die sogenannte Borchert-Kommission hatte Noch-Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner schon vor mehr als einem Jahr Vorschläge zur Tierhaltung der Zukunft unterbreitet. Ziel des Borchert-Fahrplans sollte sein, bis 2040 alle Nutztiere in Deutschland unter deutlich besseren Bedingungen zu halten. Für Schweine bedeutete das: Sie sollen etwa grundsätzlich in Ställen leben, die einen Frischluftzugang ermöglichen. Politisch beschlossen wurde vor der Bundestagswahl allerdings nichts mehr, darum muss sich die neue Regierung kümmern.

Zahl der Tiere und Betriebe sinkt

Doch für einige Landwirte wird das zu spät sein, sie hören mit der Tierhaltung auf wie der 25-jährige Simon Pflugfelder. Zusammen mit seinem Vater habe er lange hin und her überlegt. Doch am Ende stand die wirtschaftliche Entscheidung: Der Stall kommt weg. „Seit 60 Jahren gehören die Tiere dazu. Aber es geht einfach nicht mehr“, sagt der Landwirt aus dem Kreis Ludwigsburg.

Dass er nicht der Einzige ist, der eine solche Entscheidung getroffen hat, zeigen die Zahlen der Statistiker. Allein zwischen November 2020 und Mai 2021 ist die Zahl der Betriebe mit Schweinehaltung in Deutschland von 20.400 auf 19.800 gesunken. Die Zahl der gehaltenen Schweine sank zeitgleich von gut 26 Millionen auf 24,7 Millionen. Ein Negativtrend, der seit Jahren anhält. Für Niedersachsen kommen die jüngsten offiziellen Zahlen aus dem November 2020. Demnach wurden im Bundesland insgesamt 8,4 Millionen Schweine gehalten – 5,93 Millionen von ihnen in der Region Weser-Ems. Allein die „Erzeugergemeinschaft Hümmling“ – ein Zusammenschluss von 800 Landwirten aus West-Niedersachsen – vermarktet im Jahr gut eine Million Mastschweine und 850.000 Ferkel.

Mohssen Assanimoghaddam

Ein Ende des Abwärtstrends? Nicht in Sicht. „Wann es wieder besser wird, weiß niemand“, sagt Bauer Pflugfelder. Laut einer Umfrage der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) in Damme ist bundesweit etwa die Hälfte der Betriebe in Gefahr. Demnach stehen in den kommenden zehn Jahren rund 60 Prozent der Sauenhalter und 40 Prozent der Schweinemäster vor dem Aus.

Wie viele Landwirte bleiben da übrig, die den politisch und gesellschaftlich gewollten Haltungswandel mitmachen? Discounter Aldi hatte im Sommer ein Beben ausgelöst, als er angekündigte: Bis 2030 soll nur noch Frischfleisch von solchen Tieren verkauft werden, die in Ställen mit offenen Seiten oder gar Auslauf gelebt haben. Das Problem: Fast kein Schweinestall in Deutschland sieht so aus. Die meisten Tiere werden in geschlossenen Bauten gehalten. Frischluftkontakt haben sie nur in dem Moment, wo sie den Stall verlassen und auf den Viehtransporter zum Schlachthof verladen werden.

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Ist überall ein Stallumbau möglich?

Ausnahmen gibt es wie bei Ulrich Schulze Vowinkel im westfälischen Laer. Einen Teil seiner Schweine hält er in einem sogenannten Offenstall. Auch Georg Wernke-Schmiesing würde gerne umbauen. An seinem Standort in Damme sei das jedoch schlichtweg unmöglich, sagte er jüngst. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch, weil Umwelt- und Tierschutz in Konflikt stünden. Wernke-Schmiesing hat resigniert: Einerseits die hohen Anforderungen der Gesellschaft an die Tierhaltung, andererseits die chronisch niedrigen Preise und der Umweltschutz. Man werde als Bauer regelrecht zermahlen, konstatiert er.

Nina Kallmeier
Ulrich Schulze Vowinkel hält Schweine unter anderem im sogenannten Offenstall.

Gerade in Niedersachsen, dem „Schweineland Nummer eins“ in Deutschland, ist das ein Problem. Hier werden immerhin rund 30 Prozent der Schweine gehalten. Doch die Tierhaltung aufzugeben, wie es Simon Pflugfelder nun entschieden hat, ist für viele Familien hier keine Option, obwohl der Verlust laut ISN zurzeit bei rund 60 bis 70 Euro pro Tier liegt. Sie betreiben teils seit Hunderten Jahren ihre Höfe und haben sich auf die Schweinehaltung spezialisiert. Wie schlimm die Situation ist, lässt eine Forderung der Bauernverbände aus Westfalen und Niedersachsen erahnen: Sie wollen eine Ausstiegsprämie für Betriebe, sprich: Geld dafür, dass die Bauern ihren Stall dichtmachen.

Ganz so weit ist man in Rheda-Wiedenbrück noch nicht. Die Schweinemast soll bleiben, dort erfüllt der Stall alle Kriterien, es wurde schon investiert. Das Licht auszumachen und aufzuhören wäre für die Familie entsprechend auch nicht einfach, macht Stefan Vogelsang deutlich: „Der Stall ist noch nicht abbezahlt.“


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