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Moderator gibt Verhaltenstipps Eckart von Hirschhausen, was kann man gegen den Klimawandel tun?

Eckart von Hirschhausen glaubt, dass die nächsten zehn Jahre entscheidend dafür sind, wie die nächsten 10.000 Jahre verlaufen.Eckart von Hirschhausen glaubt, dass die nächsten zehn Jahre entscheidend dafür sind, wie die nächsten 10.000 Jahre verlaufen.
Dominik Butzmann

Osnabrück. Eckart von Hirschhausen hat den Klimawandel zu seinem Thema gemacht. Im Interview diagnostiziert er die Bedrohung und gibt Verhaltenstipps.

Lange Zeit war Eckart von Hirschhausen (53) der Arzt, der Humor und Heilung in Einklang brachte und als Buchautor und TV-Moderator von einem Erfolg zum anderen eilte. Nun ist es ihm ernst, sehr ernst sogar: Drei Jahre hat er für sein Buch „Mensch, Erde!“ über den Klimawandel recherchiert. Im Video-Interview zeigt er auf, wie groß die Gefahr ist und was jeder Einzelne dagegen tun kann:

Das Interview können Sie außerdem hier nachlesen:

Herr von Hirschhausen, haben Sie schon Reisepläne für den Sommer?

(lacht) Wie Sie wissen, bin ich gerne in der Nähe von Osnabrück, weil ich da Familie habe, und da werden wir sicher einen Teil des Sommers wieder verbringen. Überhaupt hat sich durch Corona unser aller Bezug zu der Naherholung, zur Natur, zu den schönen Orten rund um den Wohnort wirklich noch mal geschärft und so habe ich nicht das Bedürfnis, eine Kreuzfahrt zu buchen, wenn Sie wissen was ich meine.

Ich weiß, was Sie meinen - und wahrscheinlich wissen Sie, worauf ich hinauswill: Haben Sie vielleicht eine Flugreise geplant?

Innerdeutsch fliege ich gar nicht mehr. Das habe ich mir abgewöhnt. Ich fahre mit der Bahn. Ich verbringe auch viel Zeit in Hamm. Die Bahnkenner werden das wissen. Ich pendle zwischen Berlin und dem Rheinland, zwischen Köln, wo ich für den Westdeutschen Rundfunk viel zu tun habe, und in Hamm wird immer gekoppelt. Wenn man Glück hat, dann kommen beide Teile gleichzeitig. Für den Urlaub habe ich die weiten Flugstrecken nicht mehr vor, aber mal in die Sonne, das gönnen wir uns schon. Selbstverständlich mit CO2-Ausgleich.

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Über 500 Seiten dick ist das Buch, das Eckart von Hirschhausen zum Klimawandel schrieb.

Es ist bei Ihnen nicht so, dass Flugscham Sie davon abhält, dann doch mal nach Spanien oder Portugal zu fliegen?

Ich versuche ja, positive Veränderungsgelüste zu machen und nicht so sehr über Flugscham zu kommen, sondern eher über die Frage „Was ist gerecht?“. Das Ungerechte am Fliegen ist ja, dass eine relativ kleine Gruppe von Menschen, weltweit betrachtet, den Himmel für alle dreckig macht. Und deswegen sollten wir uns natürlich darüber Gedanken machen, wie kriegen wir ein Fliegen mit anderen Treibstoffen hin. Vor allen Dingen, wie kriegen wir auch einen fairen Preis dafür hin. Mein größtes Aha in den letzten drei Jahren, seit ich mich inhaltlich so viel mit Nachhaltigkeit, mit Klimawandel und Gesundheit beschäftigt habe, ist, dass es ein Irrweg war, ich möchte es wirklich so deutlich sagen, über 30 Jahre die Schuld alleine beim Verbraucher, beim Konsumenten abzuladen.

Inwiefern?

Natürlich kann ich weniger Fleisch kaufen. Ich kann weniger fliegen. Ich kann auf den nächsten SUV verzichten und mein Auto weiterfahren, das ist nachhaltiger als ein Neues. Aber ich kann zum Beispiel nicht dafür sorgen, dass endlich ein europäischer CO2-Preis kommt. Ein CO2-Preis würde sofort ganz andere Anreize schaffen und da gibt es auch tolle Ideen, dass man das Geld eben nicht einfach nur vom Staat einsacken lässt, sondern auch gleich wieder verteilt, dass es eben sozial gerechter wird, dass die Leute, die viel Ressourcen verballern, auch mehr zahlen und die Menschen, die die Erde schonen, auch Geld zurückkriegen. Solche Modelle gibt es längst. Es ist wirklich peinlich, dass die Bundesregierung jetzt vom Bundesverfassungsgericht erst mal abgewatscht werden musste, um zu kapieren, es ist jetzt ernst. Es geht jetzt wirklich ums Handeln.

Corona geht vielleicht und hoffentlich, der Klimawandel bleibt zunächst mal. Viele Leute haben aber die Nase voll von Krise und von Einschränkungen. Keine guten Vorzeichen, um den Klimawandel zu bekämpfen, oder?

Vorne auf meinem Buch gibt es einen Sticker, der heißt „3 Krisen zum Preis von 2!“ Das sieht aus wie ein Marketing-Gag, aber es meint natürlich, dass die Klimakrise, das Artensterben und die Pandemie ganz eng zusammenhängen. Deswegen versuche ich jetzt nicht zu sagen „So, Leute, wir haben die eine Krise überwunden. Jetzt kommt der nächste große Hammer“. Das wäre tatsächlich motivationstechnisch ungünstig. Was ich aber zeige, ist, dass die Pandemie nicht hätte sein müssen. In der Größenordnung, in der Schwere war es tatsächlich ein Versagen von vielen Institutionen. Was hatten wir in den letzten 30 Jahren alles für Ausbrüche von Infektionskrankheiten, die aus dem Tierreich kamen? HIV, das kommt von Schimpansen. Wir hatten Sars. Wir hatten Mers. Wir hatten Zika. All diese Erkrankungen fasst die Fachwelt zusammen unter dem Begriff der Zoonosen, also der Krankheiten, die aus dem Tierreich auf den Menschen übertreten. Und da muss man sich klarmachen, warum wird das immer häufiger, warum wird das immer heftiger?

Dominik Butzmann
Eckart von Hirschhausen im Zoologischen Garten in Berlin. Er ist Schirmherr einer Kampagne die analog zum Klimaschutz das Prinzip der Weltgesundheit einfordert - Artenvielfalt ist Leben.

Sagen Sie’s mir.

Das hat maßgeblich damit zu tun, dass wir den Wildtieren auf diesem Planeten überhaupt keinen eigenen Lebensraum mehr lassen. Wir jagen sie. Wir handeln sie. Wir fressen sie. Wir machen sie krank und daraufhin machen sie uns krank. Dieser Zusammenhang ist, obwohl wir so viel über Corona gesprochen haben, viel zu wenig in den Medien vorgekommen und deswegen zeige ich eben, wie diese Krisen zusammenhängen und wie man sie auch gemeinsam lösen kann. Ich mache das, was der Arzt auch immer tun sollte, nämlich erst mal die Diagnose klarstellen, ja, wir sind in einer bedrohlichen Situation und ja, wir haben sie uns selber eingebrockt. Und dann die Therapie. Ja, es gibt auch sehr viele praktische Möglichkeiten, zu der Lösung beizutragen.

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Wie schlecht ist Ihr Gewissen, einer Generation anzugehören, die wie Sie selbst schreiben „in Rekordzeit alle Ressourcen verballert hat“.

Ich glaube, wir Menschen sind nicht gut oder schlecht. Wir sind immer auch soziale Wesen. Wir tun das, was die anderen auch machen und halten das auch immer für normal. Lange Zeit fehlte uns ja auch die Anschauung, was wir damit anrichten. So gesehen habe ich auch selber gestaunt und mich wirklich erschrocken über die Art und Weise, wie die nächsten 10 Jahre die nächsten 10.000 Jahre bestimmen werden. Wenn wir nicht rapide rauskommen aus den fossilen Energien, das ist der große Schlüssel, dann sind wir über den Kipppunkt drüber, wo wir Dinge noch reparieren können. Natürlich ist meine Generation da maßgeblich mit schuld, aber ich halte nichts davon, jetzt einen Generationenkonflikt aufzubrechen.

Warum nicht?

Weil natürlich auch die Leute, die wie ich zwischen 40 und 60 Jahre alt sind, diejenigen sind, die am meisten ändern können. Weil die in den Positionen sind, die Stahlindustrie, die Bauten, die großen Hebel, die Landwirtschaft, all das zu verändern. Deswegen ist einerseits Fridays for Future völlig berechtigt im Sinne von „Wir sind hier. Wir sind laut. Weil ihr uns die Zukunft klaut.“ Auf der anderen Seite wünsche ich mir immer, dass die auch mal ihre Omas und Opas mitbringen auf die nächste Demo, damit wir sagen „Wir schaffen das gemeinsam oder gar nicht“.

dpa/Monika Skolimowska
Sieht seine Generation in der Verantwortung: Eckart von Hirschhausen.

Sie schreiben auch „Die Streiks der Fridays haben in mir etwas wiederbelebt“. Was genau war das und warum war es so lange leblos?

Ich bin Jahrgang 1967. Zum Alt-Achtundsechziger tauge ich nicht. Aber ich war in den 80er-Jahren bewegt von den Themen der Zeit. Vom sauren Regen, vom atomaren Fallout, von der Idee, wie nahe wir im Kalten Krieg auch an einem Weltkrieg dran waren, der Friedensbewegung. Ich habe als Jugendlicher auch Tschernobyl erlebt, diese Bedrohung, da gibt es jetzt eine radioaktive Wolke und du weißt eigentlich gar nicht, wo du hinkannst. Überall ist es schädlich. Das waren schon die prägendsten Ereignisse. Dann habe ich mich in der Anti-AKW-Bewegung stark gemacht. Immer mit meinen Fähigkeiten, mit Kultur, mit Spaß, mit Humor. Wir haben da Theaterstücke im Wendland aufgeführt und so weiter.

Und die Wiederbelebung?

Diese Frage des Wiederbelebens kam mir, als ich eine E-Mail von einer ehemaligen Schulkollegin bekam, die schrieb „Du Eckart, hier hat sich etwas Interessantes ereignet. Es gibt eine Gruppe, die nennt sich Fridays for Future. Die machen hier eine Demo. Letzte Woche war Bulli Herbig da. Willst du nicht diese Woche ein paar Worte beitragen? Hier ist die Adresse von einer Luisa Neubauer“. Ich hatte diesen Namen noch nie gehört. Ich wusste überhaupt nicht, wer das ist. Das war wirklich eine der ersten größeren Demos von den Fridays. Dann haben wir uns in Berlin bei meinem Bruder getroffen, der Forschungsdirektor am DIW ist und sich viel mit Kohleausstieg und Energiepolitik beschäftigt. Und ich war baff, was diese nächste Generation inhaltlich draufhat und, wie die sich schlau gemacht haben, aber auch sahen, wo die politischen Defizite sind. Da dachte ich: Mit 17 war ich auch sehr viel konsequenter im Denken als heute.

Dominik Butzmann
Eckhart von Hirschhausen spricht bei einer Fridays for Future Demonstration in Berlin.

Inwiefern?

Man macht es sich natürlich bequem. Man hat sein Einkommen, man hat seinen Luxus, man hat seine Schäfchen zusammen und das lähmt erst mal. Deswegen war es ganz wichtig, dass die Fridays diesen Weckruf hatten. Und dann kamen als Gegenbewegung einige Politiker - und dieses Mal gender ich nicht, weil es maßgeblich männliche Politiker waren - und haben auf die eingedroschen und gesagt „Diese junge Gören, was haben die denn für Ahnung? Die sollen doch bitte das Denken den Profis überlassen“. Das war der Weckruf für die Scientists for Future, die ich mitgegründet habe. Da haben 28.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz unterschrieben und gesagt „Die Anliegen der Jugendlichen sind völlig berechtigt. Hier sind die wichtigsten Studien, hier sind die Fakten. Liebe Politikerinnen und Politiker, bitte informiert euch, bevor ihr auf die eindrescht. Alles, was die sagen ist: Hört auf die Wissenschaft. Auf eine Art und Weise haben wir ja auch in der Corona-Zeit erlebt, wenn die Kanzlerin sich hinstellt und sagt „Leute, die Lage ist ernst. Deswegen müssen wir jetzt Maßnahmen ergreifen, die mir auch keinen Spaß machen, das habe ich mir auch nicht ausgesucht. Aber jetzt ist mal die Situation danach“, dann geht die absolute Mehrheit der Leute auch mit.

Aber nicht alle.

Natürlich gibt es ein paar Querdenker, natürlich gibt es ein paar Spinner, die das für eine große Verschwörung halten, aber die gab es immer und wenn man denen nicht ständig ein Mikrofon vor die Nase hält, dann werden die auch nicht automatisch mehr. Was ich wichtig finde ist, dass dieser Schritt eigentlich jetzt ansteht, dass die Regierung, und spätestens die nächste Regierung wird das machen, die Hosen runterlässt und sagt „Leute, wir haben die Gefahr unterschätzt. Wir sind in einer bedrohlichen Situation. Das ist die Diagnose und deswegen brauchen wir jetzt 1, 2, 3“. Und 1, 2, 3 hieße 100 Prozent erneuerbare Energien so schnell es geht. Raus aus der Kohle als allererstes und dann eben auch CO2-Preis, damit es auch wirtschaftlich attraktiv wird, sich gut zu verhalten. Aber auch eine Agrarwende. Wir brauchen eine Mobilitätswende. Wir müssen raus aus diesen ganzen Verbrennungsmotoren und und und. Die Rezepte dafür sind da. Die Ideen sind auf dem Tisch. Es fehlt der politische Wille.

Sie selbst wollen ein Moor kaufen.

Genau. Bei der Recherche für mein Buch habe ich wirklich tolle Leute kennengelernt. Einer der Beeindruckendsten war Michael Succow. Das ist ein inzwischen 80-jähriger Naturschützer und war der letzte stellvertretende Umweltminister der DDR. Der hatte einen genialen Gedanken. Der hat nämlich, als die Wende kam, in der letzten Volkskammersitzung dafür gesorgt, dass die ganzen russischen Sperrgebiete zu Naturschutzgebieten erklärt wurden. Damit hat er dafür gesorgt, dass es in Mecklenburg-Vorpommern, im Brandenburgischen, in Thüringen usw. tolle Naturschutzgebiete gibt. Ich habe ihn in Greifwald besucht, wo er lebt, und war in einem Moor, was im Moment gerade aus politischer Ränke trockengelegt wird. Was ich nicht wusste, ist, dass Moore viel mehr können als ein Wald.

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Bundesentwicklungsminister Gerd Müller, CSU, und Eckart von Hirschhausen, Gründer der Stiftung "Gesunde Erde - Gesunde Menschen" und Botschafter des Entwicklungsministeriums, stellen die Internationale Allianz gegen Gesundheitsrisiken im Handel mit Wildtieren und Wildtierprodukten vor.

Nämlich?

Wir denken ja immer, wir werden eine technische Innovation haben und dann erfinden wir eine Maschine und die zieht dann magisch das CO2 aus der Luft. Dann sage ich immer „Die muss man nicht erfinden, die gibt es schon und nennt sich Baum“. Ein Baum, der wächst, hat ja seine ganze Masse nicht aus der Erde, wie man immer denken könnte, sonst würde die Erde ja weniger. Der hat seine ganze Masse aus der Luft. Das ist die Idee von Photosynthese: CO2 heißt so weil es besteht aus Carbon - also Kohlenstoff - und dioxid plus O2 und das wird zu Holz. Ganz grob. Und das per Sonnenlicht. Jeder Baum ist letzten Endes gespeicherte Energie aus der Sonne. Alle Energie kommt letzten Endes aus der Sonne. Wenn ein Baum das gebunden hat und stirbt, was passiert dann mit dem ganzen gebundenen CO2? Wenn man den verfeuert, geht es in die Luft. Wenn man den vermodern lässt, geht es langsamer in die Luft, aber es landet auch in der Luft. Es ist also ein Nullsummenspiel. Das Beste, was dem Baum passieren kann ist, dass er in ein Moor fällt.

Warum?

Weil dort unter Sauerstoffabschluss, dadurch, dass es nass ist, dieser Baum ziemlich lange, manchmal über Tausende oder Millionen Jahre einfach so bleibt wie er ist: Er bindet weiter den Kohlenstoff. In einem Moor hat aber nicht nur der Baum, der oben draufstand, Platz, sondern ganz viele Pflanzen, die über die Jahre und Jahrzehnte und Millionen Jahre übereinander gestapelt extrem viel Kohlenstoff binden. Jetzt passiert das Dramatische: Wenn dieses Moor für Torf, für Blumenerde, für Ackerland oder was auch immer, abgestochen und trockengelegt wird, dann passiert genau das, was mit dem Baum einzeln auch schon passiert wäre: Das Ganze zersetzt sich, das Wasser ist weg, Luft kommt dran und das ganze CO2 geht wieder in die Atmosphäre. Im Moment emittieren die Moore, die wir trockengelegt haben, mehr CO2 als der gesamte Flugverkehr in Deutschland. Das habe ich vorher nicht gewusst.

Und deswegen kaufen Sie jetzt ein Moor in der Nähe von Osnabrück und lassen es so wie es ist?

Ja, genau. Im Venner Moor. Der Vertrag ist noch nicht abgeschlossen, aber wir sind uns schon einig. Ich möchte das unbedingt machen für meine Stiftung „Gesunde Erde – gesunde Menschen“ als kleines Vorzeigeprojekt. Ich habe auch eine Waldfläche gekauft und suche noch nach einer Streuobstwiese. Ich will gemäß der Idee „Wir könnten es schöner haben“ zeigen, das sind die Projekte, auf die wir uns wirklich einigen könnten, und das sind die Sachen, die wir der nächsten Generation schuldig sind, nämlich intakte Natur zu hinterlassen. Das Moor wird dadurch eben vernässt und damit ist es auch ein Teil von einem Naturschutzgebiet und es wird sichergestellt, dass dort kein weiterer Abbau möglich ist. Und wir wollen da auch so eine Art Naturpfad hinmachen. Wir wollen, dass Schülerinnen und Schüler sehen können, welch wichtige Rolle das Moor spielt für unser Klima und dass wir hoffentlich die allerletzten Moore, die wir überhaupt in Deutschland haben – wir haben schon über 95 Prozent der Moorflächen in Deutschland vernichtet, das ist der Hammer – die letzten Moore, die es gibt, die müssen wir unbedingt erhalten und da mache ich gerne mit einem kleinen Beitrag mit. Vor allen Dingen redet man automatisch darüber. Automatisch denken mehr Leute darüber nach.

Sie sagten gerade Schülerinnen und Schüler. Wer oder was macht Ihnen denn Hoffnung im Kampf gegen den Klimawandel? Sind es die jungen Leute?

Es wirklich eine Aufbruchsstimmung. Ich habe im Moment das Gefühl, 2021 ist ein historisches Jahr. Es gibt ja manchmal so ein Gänsehautgefühl, wenn man merkt, jetzt passiert gerade was Großes. Das war 1989 der Mauerfall. Da haben auch ganz viele Leute nie vorhergesehen, dass sich politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche Dinge plötzlich so aufschaukeln, dass eine völlig neue Situation entsteht. Ich glaube, so ein Kipppunkt ist gerade erreicht. Was mir Hoffnung gibt, ist tatsächlich die nächste Generation, die viele von diesen Themen viel selbstverständlicher denken.

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Eckart von Hirschhausen setzt auf Fridays for Future, hier bei einer Kundgebung in Mainz

Wie meinen Sie das?

Die denken globaler. Die sind untereinander vernetzter. Haben oft nicht mehr dieses Statusdenken, das meine Generation geprägt hat. Also wer hat das schickste Auto, wer hat die teuersten Turnschuhe? Dieses Statusspiel sehe ich in der nächsten Generation nicht mehr. Ich habe ja viel mit Studierenden zu tun. Ich unterrichte an Unis. Ich mache Vorlesungen für Health for Future. Wir organisieren zusammen Weiterbildungen. Wer da neugierig ist, guckt auf meiner Internetseite stiftung-gegm.de. Die nächste Generation ist ein Teil der Hoffnung. Das zweite ist zum Beispiel das Bundesverfassungsgerichtsurteil oder das Urteil in den Niederlanden über Shell, dass die jetzt massiv gezwungen werden, ihre Emissionen zu kappen. Das ist großartig. Das hätte ich vor fünf Jahren nie zu träumen gewagt, dass es plötzlich von höchster richterlicher Stelle ein Urteil gibt, das sagt, die Freiheit der nächsten Generation ist zu schützen. Freiheit heißt eben nicht, wie wir das lange Zeit auch in Deutschland von ADAC-Seite gehört haben „Freie Fahrt für freie Bürger“ und jeder darf so schnell und laut fahren wie er will, sondern Freiheit heißt, wir können nicht den ganzen Dreck, den wir gemacht haben, der nächsten Generation aufhalsen. Das gibt mir wirklich Hoffnung. Wie sehen Sie das denn?

Ich sehe aber auch, dass die Generation, von der Sie sprechen, zwei Gesichter hat. Die einen gehen fürs Klima auf die Straße, fahren Fahrrad, verzichten auf Fleisch und Flugreisen und die anderen ordern online in Bangladesch hergestellte Billigklamotten, lassen sie sich von ganzen Paketdienstflotten nach Hause bringen, schicken über 80 Prozent davon wieder zurück, fliegen zu den Party-Hotspots in Übersee und ernähren sich von Fastfood. Das ist auch ein Teil dieser Generation - oder sehe ich das falsch?

Natürlich guckt sich jeder erstmal die Leute raus, mit denen er sich identifiziert und auf die er seine Hoffnung setzt. Klar, das ist noch keine Massenbewegung, sondern das ist ein bestimmter kleiner Teil der Gesellschaft. Aber genau das ist mein Anliegen und ich glaube, mein Buch ist deswegen auch ein wichtiger Beitrag, weil ich die Dinge so erklären kann, dass die Leute eben auch in der Mitte der Gesellschaft kapieren: Das ist was für mich. Das ist nicht nur ein Elitenthema. Das ist nicht nur ein Thema für eine bestimmte Geistesrichtung oder Partei, sondern es ist wirklich etwas für alle, die gerne leben.

dpa/Julian Engels
Sorgt sich um die Erde und ihre Bewohner: Eckart von Hirschhausen.

Hätten Sie zum Schluss für jeden einzelnen unserer Leser beziehungsweise Zuschauer drei Tipps für Kleinigkeiten, womit man sofort anfangen kann, ein bisschen was fürs Klima zu tun?

Auf alle Fälle. Ein Thema, worüber wir noch gar nicht gesprochen haben, ist die Frage, was machen wir eigentlich mit unserem Geld. Der größte Hebel, den wir haben, um solche sozialen Kipppunkte zu erreichen ist, den dreckigen Energien den Hahn abzudrehen, vor allen Dingen, indem wir unser Geld auf Banken umlagern, die grundsätzlich ethische Standards haben. Ich bin – ohne Werbung machen zu wollen - Kunde bei der GLS-Bank geworden, es gibt die Triodos Bank, es gibt die Tomorrow Bank. Ich bin ein großer Fan von Utopia.de - Das ist eine tolle Plattform im Internet, wo man sehr viele von diesen praktischen Dingen findet und auch immer gleich mit einer Bewertung. Punkt Nr. 1: Wo hat die Oma ihr Konto? Das ist etwas, was man innerhalb von einem Tag umziehen kann. Punkt Nr. 2: Wo kommt der Strom her? Haben wirklich alle schon erneuerbare Energien als oberste Priorität für den Strombezug? Das kann man auch innerhalb einer Stunde ummelden, dann verändert sich die Nachfrage.

Und Punkt Nr. 3?

Weniger Fleisch. Das ist nicht nur eine persönliche Entscheidung. Millionen essen in Kantinen, in Mensen, in Großküchen. Was gab es für ein Geschrei, als der Veggie-Day kam. Es reicht ein Tag Fleisch in der Woche. Und wenn man das vegetarische Essen lecker macht, dann haben auch viele Leute Lust dazu. Es ist eine Frage von Gewöhnung. Kopenhagen macht das vor. Da gibt es in jeder Schule, in jedem Krankenhaus, in jeder öffentlichen Kantine 80 Prozent Bio als Vorschrift und kein Fleisch mehr. Fertig. Automatisch verändert sich sofort die Nachfragesituation. Dann kommt es raus aus so einer besserverdienenden Prenzlauer-Berg-Ecke und wird Standard. Das sind die Hebel, die wir wirklich haben und zu denen jeder einzelne beitragen kann.

Eckart von Hirschhausen

wird am 25. August 1967 in Frankfurt als Sohn eines Naturwissenschaftlers und einer ausgebildeten Altenpflegerin, Lehrerin und Fremdsprachensekretärin geboren. Er wächst mit drei Geschwistern in Berlin auf und studiert nach dem Abitur in Berlin, Heidelberg und London Medizin. Anschließend arbeitet er als Arzt in der Kinderneurologie und studiert anschließend Wissenschaftsjournalismus.
Schon während seiner Studienzeit sammelt er erste Erfahrungen als Zauberkünstler und Varietémoderator auf der Bühne. Durch die Kombination von wissenschaftlichen Inhalten und einer komödiantischen Form gelingt es ihm, ein neues Genre zu etablieren: medizinisches Kabarett. Auch auf dem Buchmarkt sorgt er für Furore und avanciert und erfolgreichsten deutschen Sachbuchautoren der Gegenwart.
Zusammen mit Bettina Tietjen führt Eckart von Hirschhausen ab September 2009 für mehrere Jahre durch die NDR-Talksendung „Tietjen und Hirschhausen“. Im Ersten moderiert er unterhaltsame Wissenschaftsshows wie „Frag doch mal die Maus“.
2008 gründet er die Stiftung „Humor hilft heilen“ und sammelt Spenden, um das therapeutische Lachen in Medizin und Öffentlichkeit zu fördern und Clowns in Krankenhäuser zu bringen. Er engagiert sich für Gesundheit und Glück als Inhalte der Schulbildung.
Durch eine Freundin wird er auf „Fridays for Future“ und deren Kampf der Jugendbewegung gegen den Klimawandel aufmerksam. Er tritt mehrfach bei Demonstrationen der „Fridays“ auf und gehört zu den Mitbegründern von „Scientists for Future“, mit der zahlreiche Wissenschaftler die Jugendlichen unterstützen. Später gründet er die Stiftung „Gesunde Erde – gesunde Menschen“. Im Frühjahr 2021 veröffentlicht er sein Buch „Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“, das sich wochenlang an die Spitze der Sachbuch-Bestseller setzt.
Eckart von Hirschhausen ist nach eigenen Angaben glücklich verheiratet, lebt in Berlin und „möchte gerne das Jahr 2050 und die Klimaneutralität Europas noch erleben“.


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