Von der invasiven Art zum Gulasch Was tun gegen die Waschbärplage? Esst sie!

Niedlich, aber eine ziemliche Plage: Waschbären zählen zu den invasiven Arten in Deutschland. Sie beeinflussen die Artenvielfalt negativ. Was tun? Essen, sagt ein Start-up aus Berlin.Niedlich, aber eine ziemliche Plage: Waschbären zählen zu den invasiven Arten in Deutschland. Sie beeinflussen die Artenvielfalt negativ. Was tun? Essen, sagt ein Start-up aus Berlin.
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Hamburg. Waschbären sind niedlich – und eine ziemliche Plage. Ein Startup aus Berlin hat einen Vorschlag, wie man den Plagegeistern Herr werden könnte: Die Antwort der Jungunternehmer auf das tierische Problem lautet: Essen wir sie einfach auf.

Die Idee kam Lukas Bosch beim Lesen. Eine Berliner Tageszeitung berichtete 2018 von einer tierischen Plage in der Hauptstadt: Der amerikanische Sumpfkrebs breitete sich zu dieser Zeit relativ unkontrolliert in den Gewässern Berlins aus. Ein Fischer sollte die Tiere künftig fangen. Und dann?

Hier setzt die Geschäftsidee von „Holycrab“ an. So heißt das Unternehmen, das Bosch mitbegründet hat. Das Startup will sogenannten invasive Arten zu Leibe rücken, indem wir sie aufessen. Der Mensch soll quasi das werden, was in der freien Natur fehlt: ein Fressfeind. "Kulinarischen Naturschutz" nennt Lukas Bosch das.

Foto: HolyCrab!


Der amerikanische Sumpfkrebs ist aber nicht der einzige, den das Unternehmen auf den Speisekarten der Republik verankern will. Die Nutria, die Nilgans oder der Waschbär stehen ebenfalls im Fokus. Letzterer sorge für die größten Reaktionen in der Kundschaft, sagt Bosch. (Weiterlesen:Fünf Waschbären sorgen für Lacher im Internet

Das überrascht nicht. Neben dem Alpaka füllen Bilder vom Waschbär die sozialen Netzwerke. Animationen mit den kleinen Säugetieren werden gerne geteilt, denn – zweifelsohne – putzig sind sie ja:

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Bosch sieht das ganze weniger emotional, sondern eher analytisch. Denn die Waschbären sind ein Problem. Sie wurden Anfang des vergangenen Jahrtausends in Deutschland in Farmen gezüchtet. Ihrer Pelze wegen. Allerdings geriet das Ganze außer Kontrolle. Die Waschbären entkamen und vermehrten sich seitdem weitgehend ungehindert. (Weiterlesen: Wenn neue Tierarten Ärger machen)

Steckbrief: Waschbär

Wie er nach Deutschland kam
Der Waschbär ist in Nordamerika heimisch. Mittlerweile ist er aber fast überall in der Welt anzutreffen. In den 20ern wurden erstmals in Europa Waschbären in Pelzfarmen gezüchtet. Wie das Säugetier seinen Weg in die deutsche Flora und Fauna fand, darum ranken sich wilde Gerüchte.
Angeblich soll Ober-Nazi und Reichsjägermeister Hermann Göring eine Ansiedlung befohlen haben. Belege für diese gerne in britischen Boulevard-Medien aufgegriffene Behauptung gibt es nicht. Verbürgt ist, dass 1934 zwei Paare am Edersee in Hessen ausgesetzt wurden. Der Chef des dortigen Forstamtes hielt fest, dass ein Schaden für die Natur höchst unwahrscheinlich sei. Tatsächlich tauchten die Tiere zunächst quasi unter und verbreiteten sich augenscheinlich nur langsam. Bekannt ist zudem, dass am Ende des Zweiten Weltkrieges rund 25 Waschbären aus einer Farm in Berlin entkamen.
Wie viele Tiere heute in Deutschland leben, ist nicht bekannt. Die Abschusszahlen der Jäger zeigen aber: Es müssen sehr viele sein. Die Jagdstrecke für 2018/2019 weist 167.000 erlegte Waschbären aus, darunter jeweils mehr als 15.000 in Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern sowie 336 in Schleswig-Holstein. Weniger Waschbären wurden nur im Saarland und den drei Stadtstaaten erlegt.

Die rasante Ausbreitung der Waschbären wird anderen Tieren zum Verhängnis. Denn so niedlich das kleine Säugetier auch aussieht, so gnadenlos ist er doch in der freien Wildbahn. Er bringt ganze Ökosysteme aus dem Gleichgewicht. (Auch interessant: Zahlreiche Pflanzen in Deutschland verschwunden)

Jörg Tillmann von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt formuliert es so: „Der Waschbär nimmt, was er kriegen kann. Vor allem für seltene Vogelarten wie den Rotmilan oder Wasservögel ist er eine Gefahr." Der pelzige Räuber fresse nicht nur die Eier der Vögel. "Auch Küken oder die brütenden Elterntiere fallen ihm zum Opfer.“

Fast harmlos muten da die Probleme an, die Waschbären in Großstädten verursachen. Hier beschweren sich viele Menschen, dass die Plagegeister Blumenbeete zerstören oder im Müll wühlen. (Weiterlesen: "Betrunkener" Waschbär von Jäger erschossen)

Foto: imago/Eibner


Was also tun? Jäger schießen seit Jahren immer mehr Waschbären ab. Das zeigen die Jagdstrecken der zurückliegenden Jahre für Deutschland:



Wachsende Probleme, wachsende Abschusszahlen und zugleich diskutiert die Gesellschaft über Nachhaltigkeit. Gerade Fleischkonsum ist hier in den Verruf geraten, das Rindersteak aus Argentinien in rasant kurzer Zeit vom Luxusprodukt zum ökologischen Sündenfall geworden. (Weiterlesen: Jäger geraten wegen Corona in Not: Wohin mit dem Fleisch?)

 "Angesichts solcher Debatten fasst man sich doch an den Kopf, dass die invasiven Arten bislang gar nicht berücksichtigt wurden", wundert sich Unternehmer Bosch.

Sein Unternehmen will das ändern und kauft Fleisch von Jägern auf, "Sourcing" nennt das Bosch. Der Koch im Team von "Holycrab" hat entsprechende Rezepte entwickelt. Beispielsweise ein Waschbären-Gulasch.

Foto: Holycrab


Krabbe, Nilgans aber auch invasive Pflanzen werden so auf kreative und schmackhafte Weise verarbeitet. Zunächst war „Holycrab“ mit einem Foodtruck unterwegs. Mittlerweile konzentriert sich das junge Unternehmen aber eher aufs Catering und spezielle Veranstaltungen – auch außerhalb Berlin.

Demnächst soll es in Frankfurt „Nilgans auf Hessisch“ geben. Der invasive Vogel ist ein ähnlich gelagerter Problemfall wie der Waschbär. Die Gänse machen sich auf den Wiesen entlang der Küsten breit, fressen den Kühen das Gras weg. Landwirte sind genervt. "Holycrab" bringt das Fleisch der Tiere auf den Teller - stilecht samt "Grüner Soße".

Foto: dpa


Für seine Idee wurde das junge Unternehmen schon mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt als Gastro-Newcomer auf der Messe "Eat Berlin". Das sorgt für Aufmerksamkeit in der Szene. Mittlerweile, berichtet Bosch, beliefert Holycrab andere Gastrobetriebe mit Ware. Die invasive Art als Convenience-Produkt: Das scheint ein erfolgsversprechendes Segment auf dem Lebensmittelmarkt zu sein. 

Der Rohstoff dürfte dabei auf absehbare Zeit nicht ausgehen. Umweltexperte Jörg Tillmann sagt mit Blick auf den Waschbären, dass das kleine Raubtier ein "absoluter Erfolgstyp" sei. Er käme fast überall zu recht. "Ausrotten wird man ihn nicht mehr können", sagt Tillmann. 

Aber vielleicht zumindest eindämmen, indem wir ihn auf den Speiseplan setzen...:


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