Gendergerechte Sprache "Gästin" und "Ampelmenschlein": Wie Gendern unsere Sprache verhunzt

Von Christine Adam | 12.05.2021, 16:35 Uhr

Verunglimpfen Gendersternchen, Binnen-I und Co. die deutsche Sprache? Unsere Autorin hat eine klare Meinung.

Sie beeindrucken schon, die Moderatoren und Moderatorinnen von ARD und ZDF, wie sie seit Monaten mit einem deutlich abgesetzten Binnen-I von "Politiker-Innen" oder "Künstler-Innen" sprechen, um das Vorhandensein des weiblichen Geschlechts in diesen Gruppen zu betonen. Es klingt doch entschiedener als das von ihren Interview-Partnern eilig vernuschelte "Bürger und Bürger", das das angebliche Übel nur noch zu verdoppeln scheint.

Gendern macht Druck

Das von Universitäten, Theatern und Behörden praktizierte Gendern übt Druck aus. Man muss sich fragen, wie altmodisch, konservativ, patriarchalisch man ist, es nicht wenigstens ein bisschen zu probieren mit Gendersternchen und geschlechtsneutralen Umschreibungen. Und sei es, um guten Willen zu zeigen. Überhaupt "man": Geht das nicht gendergerechter? Ach nein, richtig, das Wort ist ja nicht mit dem Mann verwandt.

Doch was nützt guter Wille, wenn es keine überzeugende Systematik gibt? Gendern sollte manchmal mit schreddern übersetzt werden und steht als Anglizismus für so manche Auflösungstendenz der deutschen Sprache. Es führt kein Weg daran vorbei, dass es im Deutschen das grammatische, generische Geschlecht (von Genus, Gattung) gibt, also den Staat, die Sonne, das Kind. Mit dem biologischen Geschlecht (Sexus) darf es also nicht verwechselt werden.

Die "Gästin" ist keine Lösung

Es sei denn, die Genderbewegung sieht in Begriffen wie "der Bauer", "der Arzt", "der Gast" Personen nicht männlichen Geschlechts, vor allem Frauen, als ausgeschlossen an. Doch aus der Not einen Krampf zu machen und "die Gästin" zu erfinden, ist keine Lösung. Unlogisch ist es auch, neben den belebten Nomen (Personen) auch die unbelebten (Sachen) gendern zu wollen. "Die Universität als Ausbilderin" klingt zwar gut, es handelt sich aber um eine Einrichtung ohne Sexus. Ihr ein biologisches Geschlecht überzustülpen, hieße unsere Sprachnorm zu misshandeln. Gerecht ist das nicht.

Müssen Kinder doppelt lernen?

Auch darum, weil es beim Einzelfall nicht bleibt: Die ganze Sprache müsste durchforstet und Verdächtiges umbenannt werden. Mit der Konsequenz, dass Kinder künftig zwei deutsche Sprachen lernen müssten: eine neue, gendergerechte und jene, die in Büchern und Schriften vor dieser Sprachreform verwendet wurde. Es sei denn, man verzichtet ganz auf älteres Schriftgut – noch weniger gerecht.

Eifrig nach Neubenennungen fahndende Gender-Wörterbücher gibt es schon. Der Blick ins Netz zeigt, wohin die Reise ohne Ufer und sprachwissenschaftliches Geländer gehen soll. Den Busfahrer nennen wir jetzt besser "die Busführung", den Bürgerkrieg "Volkskrieg". Waidmannsheil, dieser früher aus anderen Gründen verdächtige Gruß unter Jägern, äh Jagenden, wird zu "Waidleutsheil" und das Ampelmännchen zum "Ampelmenschlein". Manches erinnert an die unselige "Jahresendflügelfigur", mit der die DDR einst den Engel umschrieben haben soll.

So mancher Schuss geht leider weit an der ursprünglichen Bedeutung vorbei. Vom Athleten bleibt, welch ein Muskelschwund, nur noch die "sporttreibende Person" übrig, der Bergsteiger steigt herab ins Flachland und muss als "Bergbegeisterter" gar nicht mehr Berge besteigen können. Der Abnehmer wird zum Abnehmenden, er speckt im landläufigen Verständnis also gerade ab.

Die neutrale Form umschifft das Gendern

Richtig tückisch sind Partizipien, die das Geschlecht neutral umschiffen sollen – schließlich müssen sich doch auch alle Nichtbinären angesprochen fühlen. Lehrer, wenn sie nicht allesamt zu grammatisch weiblichen "Lehrkräften" mutieren, werden zu Lehrenden, Sänger zu Singenden, Babysitter zu Babysittenden, Dozenten zu Dozierenden – ob ihnen das wohl gefällt? Das Studium sollte ja irgendwann abgeschlossen sein, aber wenn der Studierende den Studenten ersetzen muss, dann klingt dieser Dauerzustand irgendwie falsch - so reizvoll das "Studierendenleben" auch gewesen sein mag.

Es braucht ein Regelwerk fürs Gendern

Ohne Hilfe der Sprachwissenschaft kann sich das Gendern zur Sisyphusaufgabe auswachsen, wie das Beispiel eines verzweifelten Lehrers zeigt: "Liebe Schülerinnenvertreter, liebe Schülerinnenvertreterinnen, liebe Schülervertreter und liebe Schülervertreterinnen", schrieb er, um wirklich niemanden zu übergehen. Dabei hätte er Platz sparen können mit der Sprachlogik, das hier "Vertreter" der Leitbegriff des zusammengesetzten Wortes ist, wie beim Lehrerzimmer das Zimmer oder bei der Arztpraxis die Praxis – was das Gendern der auswechselbaren Worte "Schüler", "Lehrer" oder "Arzt" entbehrlich macht – oder? Genderhimmel hilf.

Die üppig blühende Genderspielwiese beflügelt letztlich das Denglisch: Wenn kurze, eingängige Worte wie "bemuttern", "gärtnern", "verarzten" oder "freundlich" tabuisiert werden, muss sich niemand wundern, wenn knackige englischsprachige Ausdrücke ihren Platz einnehmen. Ob es mal ein Regelwerk fürs Gendern gibt, das unverkrampftes Schreiben und Sprechen erlaubt – und sich mit unserem deutschen Sprachsystem verträgt? Oder hieße das, an die eierlegende Sprachmilchsau zu glauben?