Zu wenig Risikokapital für Gründer Geld für Start-ups: Im Nordwesten verzweifelt gesucht

Von Christian Schaudwet, Christian Schaudwet | 13.06.2016, 16:30 Uhr

An guten Ideen mangelt es Niedersachsens Gründern nicht. Doch Kapitalgeber, die sich trauen, in Start-ups zu investieren, sind rar. Ob der Milliardär Carsten Maschmeyer in seiner zweiten Karriere als Investor Abhilfe schaffen kann?

Sebastian Kernbaum ist ein Glückspilz. Sein junges Bielefelder Unternehmen Saperatec hat nicht nur Millionenbeträge von fünf Wagniskapitalgebern eingesammelt, darunter eCapital Entrepreneurial Partners in Münster. Nun erhält Saperatec, das Recycling-Methoden für Verbundmaterial entwickelt, auch noch eine Finanzspritze vom Forschungsprogramm Horizont der EU.

Um solch ein Finanzpolster dürften Kernbaum viele Start-up-Unternehmer beneiden – besonders im benachbarten Niedersachsen. Denn anders als in den Metropolen München, Berlin und Hamburg – ganz zu schweigen von der lebhaften, milliardenschweren Venture-Capital-Szene in den USA – fließt aus diesem Bundesland nur wenig Risikokapital in innovative junge Unternehmen. „Der Start ist in Niedersachsen schwierig, zum Teil schwieriger als in anderen Ländern“, sagt Maik Plischke, der Geschäftsführer des Thinktanks Innovationszentrum Niedersachsen in Hannover.

Niedersachsen arm an Beteiligungsgesellschaften

Ob Anschubfinanzierungen von Start-ups oder Investitionen in gestandene Mittelständler: Der Nordwesten ist von Beteiligungsgesellschaften nur spärlich besiedelt. Ganze neun gibt es in Niedersachsen und Bremen. Allein in München zählt der Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften mindestens 50 Mitglieder.

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Trotz solcher Highlights gilt der deutsche Wagniskapitalmarkt, gemessen an der Wirtschaftskraft der Bundesrepublik, als lächerlich klein. Nur 0,02 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden nach Brancheneinschätzungen in junge Unternehmen investiert. In den USA stehe – relativ zur Wirtschaftskraft – fast das Zehnfache und in Israel knapp das Zwanzigfache zur Verfügung. Seit etwa zwei Jahren bleibe die Zahl von 160000 Unternehmensgründungen pro Jahr konstant – nach einem deutlichen Abwärtstrend in den Vorjahren, hieß es auf der Technologie-Messe Cebit im März in Hannover. Einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KMPG zufolge sind eigene Ersparnisse für 80 Prozent der deutschen Start-ups immer noch die Kapitalquelle Nummer eins. Anders als für etablierte Unternehmen sind Bankkredite für die meisten Start-ups unerreichbar. Geschäftsbanken scheuen die Risiken, die frisch gegründete Unternehmen ihrer Natur gemäß mitbringen.

„Das Ausgründen lässt zu wünschen übrig“

Das dürfte eine wesentliche Ursache dafür sein, dass Niedersachsen beim Gründen unter seinen Möglichkeiten bleibt. Es gebe „noch deutlich Luft nach oben“, sagt Uwe Pütz von der Förderbank des Landes, der NBank. Mit den Hochschulen sei eigentlich eine hervorragende Infrastruktur gegeben: „Doch das Ausgründen lässt zu wünschen übrig.“

Die potenziellen Gründer hätten genug gute Ideen, „aber viele brauchen Unterstützung beim Einwerben von Geldern“. Zu oft blitzten Gründungswillige bei Kapitalgebern ab, weil ihre Business-Pläne nicht ausgereift seien.

Die NBank bietet deshalb mit ihrer Sparte NCapital nicht nur finanzielle Förderung, sondern auch Beratungsdienstleistungen an. Auf der Cebit richtete sie einen Wettbewerb aus, dessen zehn Gewinner ihre Geschäftsideen vor knapp 100 Kapitalgebern präsentieren konnten.

Das derzeit bekannteste Wagniskapitalprojekt in Niedersachsen startet der Autolieferer Bosch an seinem Standort Hildesheim. Die Bosch-Tochterfirma Beyond will dort in einem Inkubator Start-ups für die digitale Vernetzung von Autos zusammenführen. Sie sollen von dem Konzern profitieren und ihm im Gegenzug Konzepte für die Mobilität von morgen liefern. Aus der überschaubaren Venture-Capital-Szene Niedersachsens ragt die Finanzierungsgesellschaft Alstin in Hannover heraus – nicht zuletzt wegen ihres prominenten Geldgebers: Der Milliardär Carsten Maschmeyer steckt nach dem Verkauf des Finanzvertriebs AWD einen Teil seines Vermögens in junge Unternehmen.

„Die Höhle der Löwen“

Im Portfolio hat Alstin unter anderem Blacklane, einen Online-Vermittler von Chauffeuren und Limousinen. Das Tablet-basierte Kassensystem der Alstin-Beteiligung Orderbird breitet sich in der Gastronomie aus. Und das Start-up Web Care vermittelt auf seinem Portal Pflege.de Pflegeplätze und Pflegepersonal für Senioren. Seine neue Karriere als Wagniskapitalgeber führt Maschmeyer bald auch ins Fernsehen: Er tritt ab Herbst als Juror in der Vox-Gründer-Show „Die Höhle der Löwen“ auf.

Wenngleich nicht als Venture-Capital-Geber, so doch als Förderer will auch die Bundesregierung die Gründerszene beleben. Das Bundeswirtschaftsministerium und die staatliche Förderbank KfW starteten auf der Cebit einen Investitionsfonds von 225 Millionen Euro für Firmen in der frühen Wachstumsphase.

Expandierende Unternehmen sollen zudem leichter an Kapital aus dem Europäischen Investitionsfonds (EIF) und dem ERP-Sondervermögen des Bundes kommen. Wenn der Staat etwas dazugibt, wird auch mehr privates Geld mobilisiert und Deutschland für Wagniskapital attraktiver, hofft man im Wirtschaftsministerium.(Mit dpa)