VW-Führung steht Rede und Antwort Abgasskandal: VW will sich nicht lähmen lassen

10.12.2015, 06:34 Uhr

Reuters/dpa/uwe Wolfsburg. Volkswagen will mit einer grundlegenden Neuausrichtung künftig Skandale wie die Abgas-Affäre um Millionen von Dieselfahrzeugen verhindern.

„Wir werden es nicht zulassen, dass uns diese Krise lähmt“, sagte Vorstandschef Matthias Müller am Donnerstag in Wolfsburg auf der ersten großen Pressekonferenz zu der im September enthüllten Manipulation der Abgaswerte von weltweit rund elf Millionen Diesel-Autos. Und: „Wir nutzen sie als Katalysator für den Wandel, den Volkswagen braucht. (...) So ernst die aktuelle Situation auch ist: Dieses Unternehmen wird nicht daran zerbrechen.“

Müller forderte, Strukturen und Denkweisen müssten sich ändern. Wenn es Europas größtem Autobauer gelinge, aus den millionenfachen Falschangaben zum Stickoxid-Ausstoß von Dieselwagen Lehren zu ziehen, könne es wieder bergauf gehen. „So ernst die aktuelle Situation auch ist: Dieses Unternehmen wird nicht daran zerbrechen.“

Das Top-Management werde VW künftig weniger zentralistisch führen. „Diese Neuausrichtung wäre früher oder später ohnehin nötig gewesen“, meinte der Vorstandschef.

„Image des Diesel-Motors beschädigt“

Müller räumte ein, das Image des Diesel-Motors sei beschädigt. Zugleich stehe aber auch fest, dass diese moderne Technologie gebraucht werde, um die Grenzwerte bei Kohlendioxid einzuhalten. Die Motoren würden deshalb ebenso wie die Benziner weiter optimiert. Er versicherte, die Auftragseingänge seien auch im November hervorragend gewesen. Der Markt in China erhole sich offensichtlich, sagte er zur Erläuterung.

„Alles kommt auf den Tisch, nichts wird unter den Teppich gekehrt“, sagte Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Eine Kombination aus dem Fehlverhalten einzelner, Schwachstellen in Prozessen und Toleranz gegenüber Regelverstößen seien verantwortlich für den Abgasskandal. Persönlich Verantwortliche wolle und könne Volkswagen jetzt aber noch nicht nennen, weil die Erkenntnisse erst wasserdicht sein müssten, sagte Pötsch. Bis dahin gelte die Unschuldsvermutung, und Sorgfalt gehe vor Geschwindigkeit.

450 Ermittler arbeiten an Aufklärung

Pötsch erklärte, insgesamt seien 450 interne und externe Experten an der Aufklärung der Vorfälle beteiligt. Datenmaterial im Volumen von 50 Millionen Büchern sei zur Auswertung gesichert worden. Die Aufarbeitung werde deshalb noch bis zum kommenden Jahr dauern. „Wir sind dabei, schonungslos aufzuklären, wer für das Geschehene verantwortlich ist, und verlassen Sie sich darauf, diese Personen werden zur Rechenschaft gezogen.“ Wahrscheinlich handele es sich um eine überschaubare Anzahl von Mitarbeitern. Freigestellt worden seien neun möglicherweise beteiligte Manager.

Pötsch berichtete zudem, inzwischen habe man über 1500 elektronische Datenträger von Beschäftigten eingesammelt, um Spuren und Hinweise auf den Ursprung der Affäre zu finden. Es seien zudem 87 ausführliche Interviews im Rahmen der Ermittlungen geführt worden. „Viele weitere werden noch folgen“, kündigte der Aufsichtsratschef an.

„Die bisher größte Bewährungsprobe“

Als Reaktion auf den Skandal will VW laut Pötsch unter anderem in der Entwicklungsarbeit strenger auf die Einhaltung von Regeln achten. So werde etwa bei der Software-Entwicklung für Motorsteuergeräte konsequent auf das Vier-Augen-Prinzip gesetzt, um Manipulationen zu erschweren.

Der Aufsichtsratsvorsitzende hält die Abgaskrise für die bisher größte Bewährungsprobe in der Geschichte von Europas größtem Autobauer. „Die Krisenfolgen werden vermutlich beträchtlich sein“, sagte der oberste Kontrolleur.

Europas größter Autobauer hatte zugegeben, in Millionen Dieselmotoren eine Software eingesetzt zu haben, die Daten zum Ausstoß der gesundheitsschädlichen Stickoxid-Abgase schönte. In der Folge stürzte Volkswagen in eine schwere Krise. Für deren Bewältigung bildete der Konzern bisher Rücklagen von 6,7 Milliarden Euro.