Shitstorm gegen Lebensmittelkonzern Spar tritt mit Halal-Fleisch ins Fettnäpfchen

04.12.2015, 17:10 Uhr

Die österreichische Lebensmittelkonzern Spar wagte sich auf das Minenfeld der Integration, wollte Muslimen Gutes tun – und steht nun zwischen allen Fronten. Denn nach der Kehrtwende von Spar erfolgt erneut heftige Kritik. Auch Veganer mischen mit.

 Von Manfred Maurer 

Die Geschäftsidee entsprang natürlich nicht bloßer Gutmenschlichkeit, sondern kaufmännischem Kalkül: In Wien leben immer mehr Muslime, von denen viele Wert auf Lebensmittel legen, welche die islamischen Lehre für „halal“, also erlaubt, befunden hat.

Diese Kundschaft wollte auch der Lebensmittelkonzern Spar anlocken, weshalb in einigen seiner Wiener Supermärkte probeweise Halal-Fleisch angeboten wurde. Wurde! Denn mittlerweile sind die islamisch-reinen Produkte aus den Regalen verschwunden.

Eine Allianz aus Tierschützern und Ausländerhassern hat das Integrationsprojekt mit einem gigantischen Shitstorm auf der Facebook-Seite des Konzerns zu Fall gebracht.

Proteste wegen Sonderbehandlung

Dass der Tierschutz in vielen Beiträgen nur niederen Motiven diente, lässt etwa der Aufruf „Nie wieder zum Tierquäler Spar!“ erahnen. Andere bemühten erst gar nicht den Tierschutz, sondern gaben ihre Botschaft unverblümt ab: „Wenn euch hier in Österreich etwas nicht passt, dann schließt eure Läden und ab ins Kalifat“, schrieb ein User und verkündete wie viele andere einen Spar-Boykott.

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Es war beileibe kein ausschließlich österreichischer Shitstorm. Auch aus Deutschland finden sich zahlreiche Einträge, wie der eines Hamburgers:

„Was soll dieser Blödsinn; wer als Flüchtling ins Land kommt und vom Staat lebt, hat das zu essen, was landesüblich ist und hat kein Anrecht auf Sonderbehandlung.“

Verschieden Auffassungen von halal

Dabei hätte Spar zumindest den Protest der ehrlich besorgten Tierschützer durch eine offensive Kommunikation vermeiden können. Denn für das Halal-Fleisch von Spar wurden keine Tiere geschächtet, also durch den Kehlschnitt bei lebendigem Leib zum Ausbluten gebracht. Vielmehr wurden die Tiere vor dem Ausbluten betäubt.

Einziger Unterschied zu allen anderen Schlachtungen nach österreichischen Richtlinien war ein Gebet, das während der Schlachtung gesprochen wurde. Für die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) ist das so in Ordnung. Muslimische Rechtsgelehrte bestätigen nämlich, dass Tiere nicht zwingend ohne Betäubung geschlachtet werden müssen. Hätte Spar jedoch von vornherein offen kommuniziert, dass sich Tierschützer überhaupt keine Sorgen zu machen bräuchten, wäre die halal-bedingte Steigerung der Kundenfrequenz möglicherweise ausgeblieben.

Denn viele strenggläubige Muslime betrachten nur Fleisch von betäubungslos geschächteten Tieren als wirklich halal.

Jetzt klopfen auch die Veganer an

Der Lebensmittelkonzern hat angesichts des massiven Protestes jedenfalls kapituliert: „Spar beendet aufgrund der (unbegründeten!) Vorwürfe und der überhitzten Facebook-Diskussion den Wiener Verkaufstest von Halal-Fleisch. (…) Als Nahversorger für alle Bevölkerungsgruppen in Österreich sind wir traurig und schockiert über den Tonfall der Diskussionen, ziehen aber unsere Konsequenzen.“

Nachspiel in Form eines weiteren Shitstorms

Damit ist die Angelegenheit allerdings nicht abgeschlossen. Denn jetzt folgt das Nachspiel in Form eines weiteren Shitstorms. Nun lässt ein Teil des Facebook-Volkes seiner Empörung über den „feigen Rückzieher“ freien Lauf. „Jetzt bestimmen schon die Nazis was bei Spar verkauft wird, wie lange dauert es noch bis sie bestimmen, wer dort einkaufen darf?“, fragt ein Facebooknutzer. Und überhaupt hat Spar da eine Büchse der Pandora aufgemacht. Sarah H. ist eine von denen, die noch tiefer ins Metier des Lebensmittelfundamentalismus eindringen: „Als Veganerin begrüße ich natürlich, dass Sie das Fleisch aus dem Angebot nehmen. Mich würde dann aber doch mal interessieren, wie das dann mit dem restlichen Fleisch, Milch etc. aussieht.“