Kommentar Bahnchef Grubes Digitalpläne: Anschluss verpasst

Meinung – Melanie Heike Schmidt | 10.06.2016, 19:03 Uhr

Wenn es nach Bahnchef Rüdiger Grube geht, sollen schon bald Züge führerlos durch Deutschland fahren. Allerdings ist die Bahn weit davon entfernt, der coole, moderne Konzern zu sein, von dem der Bahnchef offenbar träumt. Zudem hat sie andere Probleme.

Bahnchef Rüdiger Grube macht Dampf: Er will die Bahn digitalisieren, und das schnell. In nur sieben Jahren sollen Züge ohne Lokführer fahren. Das klingt ambitioniert, wenn nicht nach Tagträumerei.

Schon heute ist die Bahn mit dem Regelverkehr überfordert. Wer häufig per Zug unterwegs ist, lernt schnell den bunten Strauß an Störungen kennen, von denen jede zuverlässig dafür sorgt, dass der Anschluss verpasst wird: „Störungen im Betriebsablauf“, „Störungen am Triebfahrzeug“, „Signalstörungen“, „Weichenstörungen“ oder gar das „unerwartete Fahrgastaufkommen“ sind an der Tagesordnung. Hinzu kommen uralte oder ganz ausfallende Züge, kaputte Klimaanlagen, Türen und Toiletten sowie ein schadhaftes Streckennetz. Wer sieht, wie der Konzern daran scheitert, Sitzplatzreservierungen zuverlässig anzuzeigen oder stabiles W-LAN zu bieten, dem wird bei der Vorstellung von autonom fahrenden Zügen Angst und bange.

Dass die Bahn-Belegschaft Grubes Pläne gutheißt, darf ebenfalls bezweifelt werden. Denn jede vollautomatisierte Lok bedeutet einen Lokführer weniger. Das wiederum würde Personalkosten senken und die Streikgefahr bannen, was Grube wohl gefallen dürfte. Die lähmenden Arbeitskämpfe seiner Lokführer hat er sicher nicht vergessen.

Doch die Zufriedenheit des Chefs kann kaum Konzernziel sein. Wohl aber die der Kunden. Bevor sich Grube also weiter seinen Visionen einer total hippen, lokführerfreien und rundum digitalisierten Bahn hingibt, sollte er zunächst eines tun: die bestehenden Probleme endlich lösen.