Kleine Branche blüht auf Niedersachsen: Herz der deutschen Fahrradindustrie

Von Alexander Klay | 14.08.2015, 07:47 Uhr

Das Herz der deutschen Fahrradindustrie schlägt im Nordwesten. Marktführer Derby Cycle in Cloppenburg steht zusammen mit Cycle Union in Oldenburg und Hartje in Hoya für einen Großteil der heimischen Produktion. Die kleine Branche blüht gerade auf.

Allein der Marktführer Derby Cycle aus Cloppenburg mit Marken wie Kalkhoff und Focus baut jedes Jahr eine halbe Million Stück, ein Viertel der heimischen Produktion. Erst vor einer Woche kamen 5000 Fahrradhändler zur Hausmesse und deckten sich für die Saison 2016 ein. Die Vorbestellungen seien „besser als letztes Jahr“, sagt Unternehmenssprecher Arne Sudhoff. Und schon damals war die Firma hoch zufrieden.

Mitarbeiterzahlen steigen wieder

Deutschlands Fahrradindustrie blüht auf. Nach einem jahrelangen Personalabbau steigen die Mitarbeiterzahlen der Hersteller wieder: 2009 war der Tiefpunkt mit 3550 Beschäftigten erreicht. Aktuell sind es 3800. Die Hersteller profitierten vom anhaltenden Trend zu hochwertigen City- und Trekkingfahrrädern sowie zu E-Bikes, sagt Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV). „Ein Großteil gerade dieser hochwertigen Produkte wird in Deutschland produziert.“ (Weiterlesen: Fixie statt Cabrio – Das Rad als Statussymbol) 

Deutsche geben mehr Geld fürs Rad aus

Für ihr neues Fahrrad geben die Bundesbürger immer mehr Geld aus. Vor sieben Jahren waren es im Schnitt 448 Euro, heute sind es 528. Getrieben wird die Entwicklung von den vergleichsweise teuren E-Bikes. Deren Absatz ist 2014 um 17 Prozent auf 480.000 Stück gestiegen.

Vier Millionen Fahrräder im Wert von 2,16 Milliarden Euro sind im vergangenen Jahr neu auf die Straße gekommen. 2,14 Millionen Räder haben die deutschen Hersteller gebaut. Laut dem Branchenverband war es ein gutes Jahr. Die Entwicklung werde sich fortsetzen. „Das erste Halbjahr 2015 ist nach Einschätzung des ZIV hervorragend gestartet“, sagt Geschäftsführer Neuberger. Dem milden Winter und schönen Frühjahr sei Dank.

Wachstum über Branchenschnitt

Ganz vorne auf der Welle der E-Bikes schwimmt Derby Cycle. Das Unternehmen bedient mit seinen sechs Marken alle Segmente: Holland-, Touren-, Trekking- und Rennräder, Mountainbikes. Es baut jedes vierte in Deutschland verkaufte E-Bike. Die 800 Mitarbeiter sorgen für einen Jahresumsatz von 270 Millionen Euro. Geschäftsführer Thomas Raith, Radfahrer bis ins Mark, setzt auf Wachstum über dem Branchenschnitt von jährlich fünf Prozent. Gerade hat er den Spatenstich für ein Logistikzentrum an der A1 bei Cloppenburg gesetzt: Es soll Platz für 150.000 Fahrräder bieten.

„Made in Germany“ oder Fernost?

Bei der Produktion dominiert Handarbeit: Laufräder einspeichen, bis zu 22 Dekore aufkleben, Bauteile an den Rahmen montieren: Bis auf das Lackieren geschieht hier wenig vollautomatisch. Am Ende wird an den Fahrrädern so viel gemacht, dass sie die Bezeichnung „Made in Germany“ tragen dürfen. Dabei kommen viele Einzelteile aus Fernost: Taiwan ist Weltspitze beim Rahmenbau. Shimano, Marktführer für Schaltungskomponenten, kommt aus Japan. Ginge es nach Derby-Cycle-Chef Raith, früher Geschäftsführer des schwäbischen Zulieferers Magura, dürfte der Anteil heimischer Produkte gerne höher sein. Auf Teile aus Asien muss er bis zu sechs Monate warten. Bei der straffen Produktion und teils jährlichem Modellwechsel darf da nichts schiefgehen.

Bei E-Bikes sieht sich Derby Cycle – dahinter steht der niederländische Fahrradgigant Pon Holdings („Gazelle“) – als Technologieführer. Das mag an dem selbst gebauten „Impulse“-Antrieb liegen. Während die Konkurrenz etwa auf Bosch-Motoren setzt, haben die Cloppenburger dafür eine eigene Fabrik in Bayern. (Weiterlesen: E-Bike als Alternative zum Auto im Stadtverkehr) 

Kinderräder und Edel-Mountainbikes

Eine weitere Größe kommt aus Hoya, in der Mitte Niedersachsens. Die Hermann Hartje KG beschäftigt gut 800 Mitarbeiter und zählt sich ebenfalls zu den wachsenden Anbietern. Das Unternehmen ist Großhändler und Hersteller zugleich: Im Programm sind Kinderräder für 200 Euro und Edel-Mountainbikes für fast 5000 Euro. Besonders hochwertige Modelle, mehrere Zehntausend Stück im Jahr, bauen Mitarbeiter in Hoya in Einzelarbeit. Ein weitaus größerer Teil entstehe dort an Fertigungslinien oder werde zugekauft – genaue Zahlen nennt das Unternehmen nicht.

Problemfall Mifa

Nicht allen geht es so gut. Mifa in Sangerhausen (Sachsen-Anhalt) rutschte 2014 in die Insolvenz. Hier liefen vor allem günstige Modelle vom Band: 2012 sorgten 546.000 Fahrräder für einen Umsatz von 111,3 Millionen Euro, Tendenz seit Jahren sinkend. Für 2013 stand ein Minus von 15 Millionen Euro zu Buche. Dafür sollte der indische Investor Hero Cycles aufkommen. Doch der Deal platzte, Mifa war pleite. Zum Jahresende retteten der Unternehmer Heinrich von Nathusius und das Land Sachsen-Anhalt die 650 Arbeitsplätze.

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